Die Awá - Flucht und Überleben in Maranhão

indigene awaTeresa Tiburcio Jiménez, aus dem Spanischen von Matthias Johannsen

„Es hat sich gezeigt, dass je reicher die unberührten Böden sind, desto größeren Bedrohungen sind sie ausgesetzt. Die Üppigkeit der Natur verurteilt sie dazu, Opfer von Raub und Mord zu werden.“
Eduardo Galeano. Die offenen Adern Lateinamerikas

Im Nordosten Brasiliens liegt der Bundesstaat Maranhão, Vorland des Amazonasbeckens, mit seinem fruchtbaren und wertvollen Boden, der so viel zum sogenannten Fortschritt und zur Industrialisierung beigetragen hat. Hier leben die Awá, ein indigenes Volk nomadischer Jäger und Sammler, das von einer stillen und effektiven Vernichtung bedroht wird.

Die letzten Nomaden Brasiliens

Die Awá sind in Brasilien und in der ganzen Welt bekannt und berühmt als eines der letzten Nomadenvölker Amerikas. Auch gelten sie als eine der wenigen Gruppen von Jägern und Sammlern, die am Rande der weltweiten Mehrheitsgesellschaft bis heute fortbestehen. Nach Angaben von Survival International besiedeln und durchwandern heute etwa 360 Awá die Indigenengebiete von Carú, Alto Rio Guamá, Alto Turiaçu und Araribóia. Hinzukommen nochmals bis zu 100 nicht kontaktiert lebende Angehörige des Volkes. Sie teilen diesen Lebensraum mit anderen Gruppen, wie den Ka´apor, den Tembé und den Guajajara. Zudem bewohnen sie ihr eigenes „Reservat“, das ihnen die brasilianische Regierung nach einem 20 Jahre langen Rechtsstreit 2005 zuerkannte und dem der Name „Indigenes Gebiet der Awá“ gegeben wurde. Dies kann wohl als Versuch einer Wiedergutmachung für die offensichtlichen Unregelmäßigkeiten und Missstände gelten, die den gesamten Prozess jahrelang überschatteten. Ihre Geschichte ist ungewiss und unvollständig, zusammengesetzt aus lose überlieferten Fragmenten ihrer nächsten Nachbarn und aus den sporadischen und nicht immer feinfühligen Aufeinandertreffen mit den karaí – so nennen die Awá die Nicht-Indigenen.
Offensichtlich haben die Awá nicht immer im Bundesstaat Maranhão gesiedelt. Auch sind sie nicht schon immer Nomaden gewesen. Ihre Geschichte ist – wie gesagt – nicht genau bekannt und man nimmt an, dass sie im Südosten des Bundesstaates Pará verwurzelt gewesen sein könnten, bevor sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Boden Maranhãos betraten und damit ihre Lebensform durch das Wandern beibehalten konnten. Erst in den sechziger Jahren gab es wieder präzise Informationen über sie und zehn Jahre später entschieden sich die karaí, den Kontakt aufzunehmen. Bis dahin hatten sich die Awá in kleinen Gruppen durch den Regenwald von Maranhão bewegt, von ihrer perfektionierten Jagdkunst gelebt und waren dabei gleichzeitig vor der sie immer enger einkreisenden Abholzung geflohen.  
Dieses „unfreiwillige“ Nomadentum wird ergänzt durch eine weitere ihrer berühmten Eigenarten, die nach Ansicht einiger Anthropologen Grund für die erzwungene Migration sein könnte. Das Betreiben von Landwirtschaft und das Entfachen von Feuer gehörten vor dem ersten Kontakt nicht zum Alltag der Awá. Das gilt immer noch für jene, die bis heute isoliert leben (von einigen Indigenen-Organisationen povos libres genannt). Sie führten stets einen unauslöschlichen Funken (irá tatá) mit sich, den sie am Glimmen hielten und aufmerksam vor Regen schützten. Doch dies war nicht immer so, denn gemäß den brasilianischen Anthropologen Forline und Uirá García könnten die Awá in der Vergangenheit durchaus Boden bewirtschaftet haben, ohne die Notwendigkeit, stets ein ewig brennendes Feuer mitzuführen. Möglicherweise haben Nomadentum und unablässige Flucht das Vergessen erzwungen.
Die Subsistenzwirtschaft der Awá basiert hauptsächlich auf der Jagd und auf dem Sammeln von Früchten; besonders geschätzt sind dabei die Babaçu-Nüsse (Babaçu ist eine Palmenart, die neben der Essbarkeit noch weitere Verwendungsmöglichkeiten bietet) und der Honig. Die Jagd bildet aber ihre Hauptbeschäftigung und ist gleichzeitig die Achse, um die ein Großteil der tagtäglichen Aktivitäten in der Gemeinschaft kreist. An der Jagd beteiligen sich alle Mitglieder der Gruppe, einschließlich der Frauen und Kinder, die eine bemerkenswerte Rolle spielen. Dies hat sogar Anlass zu der Annahme gegeben, dass sich die Gemeinschaft der Awá möglicherweise durch eine Gleichbehandlung hinsichtlich der geschlechtlichen Arbeitsteilung auszeichnet. Die Awá jagen bis zu vier verschiedene Arten von Affen, mit denen sie darüber hinaus eine bemerkenswerte vertragliche Verbindung eingehen, die offensichtlich auf dem Prinzip der Dankbarkeit basiert. Die Verbindung besteht darin, dass die Kinder der von den Awá im Regenwald gejagten erwachsenen Affen von Gemeinschaftsmitgliedern aufgezogen werden. Die Beziehung der beiden Parteien ist so eng, dass die Frauen der Awá die jungen Affen so lange stillen, bis diese sich im Dschungel eigenständig zu helfen wissen.

Geschichte des Kontakts

Seit der Ankunft der Europäer im Amazonasgebiet zeigte sich ihnen der Regenwald als unbezwingbar und fremdartig. Auch schrieb man ihm eine gewisse Mythologie zu, in der er eine Art Eldorado in ständiger Entdeckung darstellt und mit einem Boden ausgestattet ist, aus dem Gold und Diamanten nur so herausströmen. Nach dem Ende des Kautschukbooms, dem pflanzlichen Gold, das zu einem zweiten Debakel für die amerindische Urbevölkerung im Amazonasgebiet wurde, stießen Wissenschaftler 1967 schließlich in den Bergen der Serra dos Carajás auf begehrte Metalle. Die gefundenen Vorkommen boten eine enorm reiche Reserve (insbesondere an Eisen), die jedwede zuvor gehegte Erwartung, so übertrieben sie auch war, deutlich übertraf.
Die Ausbeutung der Mine wurde für die damals herrschende Militärdiktatur zur absoluten Priorität und verlangte eine in Brasilien beispiellose Infrastruktur zur Ausschöpfung, um aus dem Boden einen solchen Reichtum zu holen, wie er seit der Schröpfung der Bodenschätze im Bundesstaat Minas Gerais nicht mehr gesehen worden war. Für das große Bauprojekt musste ausländisches Kapital in Anspruch genommen werden, das im Wert bereits einer der Adern der Mine entsprach. Unter anderem entschlossen sich die Weltbank und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, in das Projekt zu investieren. Es gab dabei jedoch ein Hindernis: Der Bau des Gesamtkomplexes beeinträchtigte etwa vierzig indigene Gemeinschaften. Nicht nur die Ausschöpfung des Metalls störte und vertrieb die Gemeinschaften. Um das Metall anschließend zu exportieren – denn sonst hätte das Projekt keinen Sinn –, war der Bau einer Zugstrecke, die die Minen mit der Küste verband, unumgänglich, wodurch das von dem Projekt beeinträchtigte Gebiet um ein Vielfaches vergrößert wurde.
Schließlich wurde eine Lösung gefunden: Die Investoren setzten als Klausel durch, dass die Grenzen der von den Gemeinschaften bewohnten Gebiete respektiert werden müssten, so dass das für den Bau verantwortliche Unternehmen, Companhia Vale do Rio Doce (CVRD), sich gezwungen sah, mit der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (FUNAI) zu verhandeln, um den Kredit erhalten zu können. 1985 sahen die Awá, wie der an den Süden des Indigenengebietes von Carú angrenzende Schienenstrang das Jagdwild verscheuchte und wie aus den an den Ufern errichteten Siedlungen die Garimpeiros (Goldsucher), Grileiros (Landräuber), Holzhändler und Fazendeiros  (Großgrundbesitzer) auftauchten, und heimtückisch in das Land eindrangen, das damals als „besitzerlos“ galt.
1973 begann die FUNAI die Kontaktaufnahme mit den Awá, der sich 1976 im Gebiet von Alto Turiaçu verwirklichte. Von da an liefen die Dinge alles andere als gut und vier Jahre nach dem Erstkontakt lebten von 91 Personen aus einer der Awá- Gruppen nur noch 25. Die Mehrheit starb an Grippe oder an Malaria. Dann begann der Prozess der Grenzziehung für ein eigenes Gebiet der Awá, doch aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Interessen dauerte es bis zum Jahr 2005, bis sich etwas bewegte. Bis heute hat das illegale Eindringen von Holzhändlern den Regenwald der Awá bereits um 31 Prozent reduziert und die lautlosen Morde erzwangen die stete Flucht der Awá.

Aktuelle Problemfelder

Der Kontakt bedeutete für die Gemeinschaft im Gebiet von Rio Turiaçu ihr fast vollständiges Aussterben, zusätzlich zu einer Reihe von Unannehmlichkeiten und Fehlanpassungen in ihrer traditionellen Lebensweise, auf die sie sich noch immer umstellen.  
Durch den von der FUNAI geförderten Übergang in die Sesshaftigkeit wurden sie beispielsweise abhängig vom Anbau von Maniok und anderen Agrarprodukten. Laut García sollen während der Regenzeit durch den Ackerbau die Dürreperioden abgefedert werden; die Awá scheinen hingegen ihre Vorliebe für die Jagd und für ihre Art von Subsistenzwirtschaft beizubehalten.
Eine andere Folge des Kontakts, mit dem sie sich konfrontiert sahen, ist ein demographisches Ungleichgewicht von Frauen und Männern. Es ist unklar, warum die Frauen den Auswirkungen des demographischen Zusammenbruchs gravierender erlagen. Dementsprechend hat es Fälle von Polyandrie („Vielmännerei“) gegeben, die nicht dem sonst monogamen Modell der Awá entsprechen.
Es steht aber außer Zweifel, dass die Hauptprobleme, mit denen sie konfrontiert sind, dem Eindringen in ihre Gebiete geschuldet sind. Illegale Holzfäller, Fazendeiros und Siedler aus den nahe dem Carajás-Korridor gelegenen Gemeinden stoßen in den Regenwald vor, handeln mit Produkten, die sie dem noch immer fruchtbaren Boden geraubt haben. Einem Boden, der durch den Anbau von Monokulturen vergeudet, als Weideland für Vieh benutzt oder einfach der kompletten Verödung überlassen wird.
Gelegentlich begegnen sich Awá und Holzfäller. Die Anwesenheit des indigenen Volkes wird oft aber mittels Gewalt und Drohungen verschwiegen. Es besteht weder einen Wille zur Entschädigung noch ein Interesse daran, dass dieses Gebiet von Indianern bewohnt ist.

Mihúa: die Isolierten

Mihúa – so nennen die „kontaktierten“ Awá jene, die sich bislang nicht zu einem Aufeinandertreffen mit den karaí gezwungen sahen. Sie durchstreifen die indigenen Gebiete von Carú, Alto Turiaçu und Araribóia. Dieses letzte Reservat teilen sie mit den Guajajara, die ebenfalls unter dem konstanten Eindringen der Holzfäller leiden. Im Februar vergangenen Jahres versicherten die Guajajara, Kontakt mit einer isolierten Awá-Gruppe gehabt zu haben. Nach den Berichten eines Guajajara, der sich an die brasilianische Nichtregierungsorganisation CIMI (Conselho Indigenista Missionário) wandte, hatte er versucht, ein Gespräch mit einer Awá-Gruppe zu beginnen, die nach seiner Darstellung aus Kindern und Älteren bestand. Die Gruppe verschwand jedoch sofort im Dickicht.  
Für den CIMI ist dies ein klares Zeichen für eine selbst gewählte und gewollte Isolation. Praktisch seit der Grenzziehung hat das Gebiet Araribóia unter wiederholtem gewaltsamem Invasionen gelitten. Die Aufklärung des jüngsten Vorfalls steht derzeit noch aus. Die Guajajara behaupten, dass Holzhändler im September letzten Jahres ein Awá-Kind ermordeten. Die FUNAI bewertet die Behauptung als Gerücht ohne Grundlage. Ungeachtet dessen versichern CIMI und Guajajara, dass dieser Vorfall stattgefunden hat. Währenddessen zieht sich die Entscheidungsfindung über die Zukunft der Awá immer weiter in die Länge. Durch diese Unsicherheit werden ihr Aussterben und die Straflosigkeit der Eindringlinge weiter befördert.
E-Mail-Aktion für die Awá an den brasilianischen Justizminister unter: www.survivalinternational.de/awa

Ausgabe 145/2012