Geborgen in der Ungeborgenheit Bilanz des Bischofs vom Rio Xingu

indigene geborgenheitErwin Kräutler, Altamira

Dom Erwin, wie der Bischof aus Altamira liebevoll von der Bevölkerung genannt wird, zog anlässlich seines 75. Geburtstags eine Bilanz seines fast 50-jährigen Lebens am Rio Xingu. Bekannt wurde er hierzulande vor allem wegen seines Einsatzes für die vom Belo-Monte-Staudamm betroffenen Menschen, darunter befinden sich auch mehrere indigene Gemeinschaften.
 Seit vielen Jahren begleiten die „Brasilien Nachrichten“ solidarisch seine Arbeit. Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus seiner Bilanz. 

Kirchliche Basisgemeinden

Eine Konkretisierung dieser „armen“ Kirche finden wir in den kleinen kirchlichen Basisgemeinden. Am Rio Xingu entstanden ab 1972 die ersten Basisgemeinden. Als Bischof habe ich diese Weise, Kirche zu sein, ganz bewusst gefördert, weil ich einfach der Überzeugung war und bin, dass dieses seelsorgerische Konzept in Amazonien greift und den urkirchlichen Gemeinden ganz nahe kommt.
Leider gab es in den vergangenen Jahren aus Unkenntnis oder sogar aus Böswilligkeit immer wieder massive Einwände und Verleumdungen gegen die Basisgemeinden. Man ortete sie zunächst im Dunstkreis der als „marxistisch“ stigmatisierten Befreiungstheologie. Manche gingen sogar so weit und diffamierten sie als ideologisierte Keimzellen für blutige Revolutionen und Klassenkampf. Viel Unrecht ist geschehen! Und dennoch, die kirchlichen Basisgemeinden blieben das, was sie von Anfang an waren, nämlich Orte, an denen die Kirche wirklich lebt. Sie sind die Weise, Kirche zu sein, wie sie in Medellín (1968) und Puebla (1979) und für Amazonien in Santarém (1972) mit viel Liebe in die Wege geleitet wurde. In diesen Gemeinden leben die Menschen das Evangelium. Geschwisterliches Miteinander, samaritanische gegenseitige Hilfeleistung gehören zum Gemeindeleben. Aber auch die prophetische Dimension wird nicht ausgespart: Gott wird als Gott erfahren, der mit auf dem Weg ist. Diese Gemeinden sind auch Orte des Gebetes, der Meditation, der „Lectio Divina“, der mit viel Liebe vorbereiteten liturgischen Feiern…
 Diese Weise, Kirche zu sein, fordert selbstverständlich von den Hirten auch eine neue Weise, Hirte zu sein. Klerikaler Autoritarismus findet in Basisgemeinden nicht den idealen Humus. Und Klerikalismus und Autoritarismus sind nun wirklich die Krebsübel, die Papst Franziskus besonders anprangert… 

Der Mensch und seine Mit-Welt

Ein dritter Problemkreis, der mich beschäftigt und als Bischof vom Xingu herausfordert, ist der Mensch und seine Mit-Welt. Ich denke selbstverständlich zunächst an Amazonien, aber das Problem lässt sich nicht auf diese Region reduzieren, sondern ist eine Angelegenheit, die die ganze Welt angeht. Anders ausgedrückt: Die skrupellose Zerstörung Amazoniens hat Folgen für den gesamten Planeten. Tausende Quadratkilometer tropischer Regenwald fielen in den vergangenen Jahrzehnten den Flammen zum Opfer. Vor 150 Jahren bedeckten die Tropenwälder noch zwölf Prozent der Erdoberfläche. Mehr als die Hälfte hat der Mensch bereits zerstört. Großflächiges Weideland, Soja- oder Zuckerrohrplantagen haben den Wald ersetzt. Dort, wo es ihn noch gibt, geht die hemmungslose Schlägerung der Edelhölzer weiter. Die „ewigen“ Wälder fallen. Und schon beginnt der Angriff auf die „ewigen“ Wasser. Die großen Ströme werden aufgestaut und in tote Seen verwandelt. Immer mehr Flüsse sind vergiftet. Die Luft ist verpestet. Die polaren Eisschilde schmelzen, die Gletscher schrumpfen und lassen in den kommenden Jahren den Meeresspiegel bedeutend höher steigen, als der Weltklimarat noch 2007 vorausberechnet hat. Der Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro erkor „Nachhaltige Entwicklung“ zum Grundprinzip der Agenda 21. Die Ansprüche der jetzigen Generation dürfen die Lebensqualität der kommenden Generationen nicht gefährden, hieß es. 1997 legt das Kyoto-Protokoll erstmals rechtlich verbindliche Ziele für Emissionshöchstmengen für Industrieländer fest. Eine Konferenz folgt auf die andere. Wenn es jedoch um konkrete Entscheidungen geht, tun die Großen nicht mit. In Durban, Südafrika, wurde 2011 das Kyoto-Protokoll zwar verlängert, aber konkrete Maßnahmen bleiben bis 2020 „vorerst“ offen. Was hat „Rio + 20“ im Juni 2012 tatsächlich zuwege gebracht? Das Ergebnis ist frustrierend. Die Schlusserklärung „The Future We Want“ spricht zwar von Umweltschutz und Bekämpfung der Armut, fixiert aber weder Fristen noch konkrete Ziele – ein Dokument ohne greifbare Folgen und verbindliche Richtlinien.
 In seiner Ansprache an die brasilianischen Bischöfe sprach Papst Franziskus am 27. Juli 2013 von Amazonien als „Bewährungstest für die brasilianische Kirche und Gesellschaft“. Amazonien ist so etwas wie die Nagelprobe „für den augenblicklichen wie den zukünftigen Weg nicht nur der Kirche in Brasilien, sondern auch für das gesamte gesellschaftliche Gefüge“. Wörtlich sagte der Papst: „Ich möchte alle einladen, über das nachzudenken, was Aparecida über Amazonien gesagt hat, auch über die nachdrückliche Aufforderung zur Achtung und Bewahrung der gesamten Schöpfung, die Gott dem Menschen anvertraut hat, nicht damit er sie ungezügelt ausbeutet, sondern damit er sie zu einem Garten macht.“
 Aparecida beklagt, dass die Urbevölkerung des Kontinents bei Entscheidungen über die Nutzung von Naturreichtümern praktisch ausgeschlossen ist. Amazonien werde geplündert, die Erde vergiftet, Wasser zum Handelsgegenstand degradiert und Wasserreserven monopolisiert . Weiter betont Aparecida die Bedeutung Amazoniens für die gesamte Menschheit. Ein Entwicklungsmodell sei zu schaffen, „das den Armen dient und das Gemeinwohl fördert“.
 Es bleibt nun zu hoffen, dass Papst Franziskus in seiner geplanten Enzyklika diese Themen aufgreift und weiter ausführt. Wir haben allzu lange geschwiegen und Grundsatzfragen der Ökologie verdrängt. Die Sorge um die Mit-Welt, die Bewahrung und Verteidigung der Schöpfung sind jedoch in unserem Glauben begründet. Gott hat den Menschen nicht zum unumschränkten Gewaltherrscher über seine Mit-Welt eingesetzt. Das so oft missverstandene Bibelwort: „Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28), muss endlich dem Urtext gemäß ausgelegt werden. Der Auftrag Gottes ist kein Freibrief für eine gewaltsame Inbesitznahme und skrupellose Plünderung der Natur. Der hebräische Urtext „Setzt euren Fuß auf die Erde“ will sagen: Gott überträgt dem Menschen Verantwortung und bestellt ihn, alle Dinge und Lebewesen zu betreuen, zu pflegen und zu schützen: „Und Gott sah alles, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Es war sehr gut! Auf einmal aber zerreißt der Mensch das Band zwischen sich und seiner Mit-Welt. Er bricht den Bund mit der Schöpfung, beginnt die Natur zu manipulieren und zu vergewaltigen und quält sie bis aufs Blut. Die Folgen sind verheerend. An die Stelle gemeinsamer Maßnahmen zum Schutz der geschundenen Mit- Welt treten Konzessionen für den Raubbau an den Naturreichtümern und Lizenzen für umweltzerstörende Mammutprojekte.
 Es ist höchste Zeit, dass wir als Kirche für die bedrohte Schöpfung eintreten und todbringende Mechanismen anprangern. Das allein aber genügt nicht! Jede und jeder von uns hat sich zu fragen, inwieweit sie oder er für den langsamen Tod unseres Planeten mitverantwortlich ist. Ein viel bescheidenerer, maßvollerer und genügsamerer Lebensstil ist das Gebot der Stunde, Mut zum Verzicht und bewusste Abkehr von der durch Werbung immer neu geschürten Konsumgier. Auch die Kinder und Kindeskinder dieser Generation wollen leben! „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ (Weish 1,13)

Mit freundlicher Genehmigung aus: Stimmen der Zeit Heft 7, Juli 2014  http://www.stimmen-der-zeit.de

Ausgabe 151/2015