BrasilienNachrichten - wie alles anfing ...

kultur 150ausgabeB. Lobgesang, A. Reyers, G. Schulz

Brasilien zu Zeiten der Militärdiktatur in den 70er Jahren – auch in Deutschland gab es eine positive Presse für das größte lateinamerikanische Land.
Was tun gegen diese positiven Berichte über die Diktatur? Viele Brasilien-Solidaritätsgruppen entstanden, darunter die „Koordinationsgruppe Brasilien“ von Amnesty International in Köln, die „Brasilien Hilfe e.V.“ innerhalb der Katholischen Hochschulgemeinde in Marburg,

die brasilieninitiative f r e i b u r g  e.V. in Freiburg. Und wir entschlossen uns, eine Zeitung als Gegenöffentlichkeit herauszubringen, als ein Gegengewicht zu den Berichten über die Militärdiktatur. Initiator und Mitbegründer war Hubertus (Hupsy) Rescher, der 2013 leider viel zu früh verstarb.
Es begann 1974 mit hektografierten Blättern, zusammengetackert – und manch einer der Autoren durften nicht mit seinem Namen erscheinen, da sie Exil-Brasilianer waren, ihr Land aus politischen Gründen verlassen mussten, 1976 dann die erste Herausgabe der „Brasilien Nachrichten.“
So wie heute auch, entstanden die BrasilienNachrichten in freiwilliger, ehrenamtlicher und damit in unbezahlter Arbeit. Alles machten wir selbst: von der Matrizenbeschreibung (wer kennt das denn heute noch?) bis hin zum Verteilen und Verkaufen. Bis wir die ersten Fotos aufnehmen konnten, verging einige Zeit, und erst recht die Formatänderungen: DIN A4, DIN A5, dann geheftet auf DIN A4, fast das gleiche Format, das wir heute auch noch benutzen. Auch der Wechsel zu PC-Programmen dauerte, ebenso der Weg von schwarz-weiß zu farbig.
Die Diskussionen zu den verschiedenen Veränderungen und natürlich zu den Artikeln dauerten nächtelang an – und wir verbrauchten eine Menge an Tee, Kaffee und Wein. Anfang der 80er Jahre siedelten die „Brasilien Nachrichten“ von Marburg ins Grenzgebiet von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen um und entstanden seitdem in Mettingen und Osnabrück. 1997 waren dann unsere Kräfte erschöpft, da die Arbeit an der Zeitschrift letztendlich nur noch in den Händen von zwei Personen ruhte. Die Zeitschrift wurde eingestellt, doch zufrieden konnte damit niemand sein. So existierte zunächst nur noch der vor allem an Mitglieder der brasilieninitiative f r e i b u r g  e.V., herausgegebene „Brasilien – Rundbrief.“ Im gegenseitigen Austausch zwischen Mettingen/Osnabrück und Freiburg kam es im Jahr 2000 zu dem Entschluss, unter dem Namen BrasilienNachrichten ein Magazin in neuem Gewand wieder auferstehen zu lassen, der „Brasilien-Rundbrief“ aus Freiburg ging auf in den jetzt neu entstehenden
BrasilienNachrichten, 2007 wurde die Redaktion von Mettingen und Osnabrück nach Freiburg verlegt.
Vieles hat sich seit den Anfängen verändert. Aus einst weitgehend selbst geschriebenen Beiträgen ist im Laufe der Jahre ein Magazin entstanden, das nicht zuletzt durch seine grafische Gestaltung an Professionaliät gewonnen hat. Zudem gelang es, die Mitwirkung zahlreicher auch in Brasilien lebender Journalisten zu erlangen. Der Bezugskreis hat sich erweitert, die BrasilienNachrichten erreichen inzwischen auch außerhalb der nur noch bescheiden existierenden Brasilien-Solidaritäsgruppen Brasilien-Interessierte. Das Magazin ist bundesweit verbreitet und leistet nach wie vor einen Beitrag im Bemühen ein realistischeres Bild Brasiliens zu vermitteln, die gängigen Klischees zu relativieren und auf die nach wie vor sozialen Probleme dieses größten lateinamerikanischen Landes aufmerksam zu machen. Auch in der Politik gab es seit den 70er Jahren Veränderungen. Brasilien ist heute eine Demokratie. Wer hätte 1974 gedacht, dass 2003 und auch 2014 ehemals Verfolgte der Diktatur Präsident bzw. Präsidentin des Landes sind? Dass die extreme Armut im Land abgenommen hat, aber immer noch nicht besiegt ist? Dass es trotz des Reichtums Brasiliens immer noch notwendig ist, Projekte aus dem Ausland zu unterstützen, weil die Mittel des Landes nicht den Weg ins Landesinnere finden.
Die BrasilienNachrichten werden den Weg des größten lateinamerikanischen Landes auch weiterhin kritisch begleiten.

Ausgabe 150/2014