Größte Stadt Brasiliens - Kleinstes Theater

Ein Streifzug durch die kulturelle Szene São Paulos.

KarteSão Paulo ist eine ganz besondere Stadt, die sich durch eine einzelne  Person kaum erschließen lässt. Nicht nur, weil es viele Orte anzusehen gibt, sondern auch wegen der vielen Möglichkeiten, wie man São Paulo wahrnehmen kann.

Schnäppchenjäger kommen aus allen Teilen des Landes und lassen sich von den unzähligen Läden und Straßenständen faszinieren, die alles verkaufen, was es auf der Welt zu verkaufen gibt.
Auch fehlt es nicht an Industrieanlagen; zugleich ist São Paulo das Finanzzentrum Brasiliens. Im großen historischen Zentrum der Stadt sind die Waren- und  die Aktienbörse, und in ihrem Umkreis haben sich viele der wichtigsten Unternehmen Brasiliens angesiedelt. Dies ist aber auch ein Ort von Tausenden kleiner Unternehmen, die arbeiten, wachsen und auch pleite gehen, insgesamt jedoch eine enorme finanzielle Kraft in São Paulo entstehen lassen.
Es gibt auch noch einen anderen wichtigen Aspekt von São Paulo, das ist die Kultur. Hier eröffnet sich ein Land der Möglichkeiten, der Vielfältigkeit und auch der Ausgrenzung – all dies spiegelt das kulturelle Leben in São Paulo bestens wider.
Es gibt Raum für gigantische Veranstaltungen, aber ebenso auch für die kleinen Theater um die Ecke. Die Stadt ist offen für alle Formen der Kunst. Natürlich sind manche einflussreicher als andere, Platz gibt es für alle.
Eine der künstlerischen Ausdrucksformen ist das Theater. São Paulo bestimmt gemeinsam mit Rio de Janeiro die Theaterszene Brasiliens. Heute sind es vor allem Komödien, die in den Schauspielhäusern gespielt werden. Im Moment genießt das „stand up“ den größten Zuspruch. Dort wendet man sich an ein elitäres Publikum, die gespielten Komödien basieren besonders auf Improvisation und Sarkasmus und werden besonders in Theatern gespielt, die in Shopping-Centern liegen -  eine der neuen Tendenzen in São Paulo.
Auch die Musicals durchliefen in São Paulo eine bemerkenswerte Entwicklung. Gab es vor einigen Jahren nur wenige Stücke, finden heutzutage zunehmend mehr Paulistanos daran Gefallen. Als erstes kam der vorhersehbare Erfolg der Inszenierung von „Die Schöne und das Biest“, ein großartiges und wunderschönes Spektakel. Nachdem es von Beginn an immer ausverkauft war, bestand auch nach seiner Absetzung verstärktes Interesse an Musicals. Es folgten Inszenierungen wie „Der König und ich“ sowie „Cats“, und die Reihe geht weiter bis zu „Zorro“, dem maskierten Helden. Diese Produktionen richteten sich zwar an ein Publikum mit höherer Kaufkraft, die Entwicklung dieser Sparte ist gleichwohl beeindruckend.{mospagebreak}
Das Geniale an São Paulo ist aber die Möglichkeit, dass man viele „Perlen“ findet, wenn man sich nur die Mühe macht. Die SESC´s sind dafür das beste Beispiel. Es ist eine von Unternehmen finanzierte Einrichtung, die insbesondere der Arbeiterschaft, letztendlich aber allen Kultur nahebringen will. In diesen Zentren findet man im allgemeinen große und kleine anspruchsvolle Veranstaltungen.
Ein Szenetreff in São Paulo sind die wunderbaren Theater an der Praça Roosevelt. Hier versammelt sich die „Underground-Kultur“. Man findet Aufführungen von großer Tiefe und Reflexion. An diesem Ort hat man sich komplett der Gegenkultur verschrieben. Es wird Theater gemacht, das frei, authentisch und libertinär sein soll. In der Nähe gibt es die traditionellen Theater in der Rua Augusta, die jetzt wieder aufmachen. Auf die Besucher, die Schauspielhäuser mit Plüschpolstern und mit rotem Samt bespannten Wänden erwarten, können die Erfahrungen in dieser Theatergegenwelt am Anfang befremdlich wirken, aber die Anstrengung lohnt sich.
São Paulo ist ebenso ein Ort der Begegnung, ein alternativer Ort, wo sich alles trifft, was es an Besonderem in Brasilien gibt. Ein Beispiel ist die „Virada Cultura“.  Das bedeutet 24 Stunden Programm mit fast allen Formen der Darstellungskunst: Zirkus, Tanz, und natürlich Theater. Ein weiteres Ereignis ist die jährlich im Juli stattfindende „Übernahme“ des Theaters TUCA durch die Gruppe LUME. Dieses vor 25 Jahren gegründete Ensemble gab schon in 20 Ländern der Welt Vorstellungen. Es leistet eine großartige Arbeit, überall gibt es  während dieser Wochen Workshops in der Stadt.
Neben Glanz und Glamour hat São Paulo aber auch seine besondere kulturelle Welt. Weit ab von den kulturellen Brennpunkten, in einfachen Wohngebieten, weit ab von allem, in einer Straße, die wie jede andere aussieht, in einem Gebiet, wo es anscheinend nichts, aber auch überhaupt nichts gibt, kann man ein Theaterstück sehen, oder besser, eine unglaubliche Theatererfahrung machen, wie zum Beispiel beim Stück „Rapatada Pelo Raio.“
Basierend auf indigenen Erzählungen, wird in einem kleinen Schuppen gespielt. Es ist gerade einmal Platz für zwanzig Personen. Fünf Schauspieler nehmen die wenigen Glücklichen mit auf eine unbeschreibliche Reise. Es wird aus der Mitte der Zuschauer heraus gespielt, das Eintauchen in die Geschichte geschieht mit atemberaubender Geschwindigkeit. Auf dem Höhepunkt des Geschehens angelangt, werden alle eingeladen, sich die Augen zu verbinden und in Hängematten zu legen. Ab da erzählen die Schauspieler die Geschichte mit Tönen, Bewegungen und Gerüchen. Das Eintauchen in die Geschichte ist für den Zuschauer unvergleichlich. Es ist nicht möglich von diesem Ereignis so wegzugehen, wie man hinkam. All das trägt sich zu in der größten Stadt Brasiliens in einem der winzigsten Theater der Welt.

Flávio Cremasco Ferreira, São Paulo. Übersetzung: Wolfgang Pauli