Menschenrechtsaktivist und Künstler – Emanoel Araújo

kultur menschrechtEmanoel Araújo ist Menschenrechtsaktivist, Künstler, „Filho de Ogum“ und Direktor des „Museu AfroBrasil” in São Paulo. „Es gibt sehr gute schwarze Künstler, die in Brasilien nicht bekannt sind, die man aber in Europa kennen sollte. 

Noch nehmen sie mich und dieses Museum nicht ernst in der hiesigen Kulturszene und in der Politik – aber das wird kommen“, sagt der 68-jährige Schwarze Emanoel Araújo ironisch. „Und zwar über die Sicht von draußen, über die Wahrnehmung durch das Ausland. Denn in Brasilien ist das stets der ausschlaggebende Faktor.“ Araújo ist keineswegs enttäuscht oder entmutigt, sondern optimistisch, sich seiner Sache sicher.
In der bildenden Kunst des Tropenlandes zählt er heute zu den wichtigsten, außergewöhnlichsten Akteuren. 1940 als Sklavennachfahre in Bahia geboren, hat der „Afro-Minimalist“ inzwischen weltweit als Bildhauer, Zeichner, Maler und Grafiker, doch auch als Kämpfer gegen Brasiliens Apartheid einen Namen. Das von Oscar Niemeyer für São Paulos Ibirapuera-Stadtpark projektierte Museum für afro-brasilianische Kunst bietet seinem Direktor und Kurator elftausend Quadratmeter Experimentierfläche, wie er sie sich immer gewünscht hatte. Araújo blickt von seinem Büro auf tropische Vegetation, auf Bäume hoch wie im Amazonasurwald – von der geballten Hässlichkeit des Betonmeers der abgasverseuchten kosmopolitischen Megacity, die ja sogar Lateinamerikas Kulturhauptstadt ist, sieht und spürt er hier nichts. „Das Museum gibt es erst vier Jahre – bis es eine Art Bestseller wird, dürfte noch etwas Zeit vergehen. Zuvor war ich zehn Jahre lang Direktor der städtischen Pinakothek, habe schwer gekämpft, bis sie endlich auch internationalen Ruf erlangte. Danach bin ich dort weg und hierher. Ich war ja der Einzige, der ständig auf ein afrobrasilianisches Museum gedrungen hatte, unentwegt dafür stritt. Von meiner Generation der schwarzen bildenden Künstler Brasiliens bin nur ich übrig. Von den anderen beiden in Rio de Janeiro verlor einer den Verstand, der andere verschwand von der Bildfläche. Die Wahrheit ist, dass heute die Bedingungen für schwarze Künstler schlechter sind als Jahrhunderte zuvor. Denn damals waren diese Künstler an eine wenngleich dekadente Struktur gebunden. Heute gibt es indessen keinerlei Struktur mehr, nichts, was einen Künstler unterstützt, sich selbstständig zu entwickeln. Es sei denn, er gehört zu einer gesellschaftlichen Elite, die ihm hilft.“{mospagebreak}
Araújo weiß es aus der eigenen Familie. Seine Vorfahren sind zwar schwarze Sklaven Bahias, doch gleichzeitig Angehörige der hoch geachteten, für den Prunk der Kolonialepoche so wichtigen Goldschmiedezunft. Die reichen Portugiesen zogen es damals gewöhnlich vor, statt der eigenen Söhne talentierte Sklaven auf die Schulen, auch die Kunstschulen, zu schicken. „Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde Kunst in Brasilien vornehmlich durch Schwarze geschaffen. Ob Malerei oder Bildhauerei, Verzierungen und Schmuck – der brasilianische Barock zählte großartige schwarze Künstler. Selbst in der brasilianischen Barockmusik gaben dunkelhäutige Komponisten wie Maurício Nunes Garcia den Ton an. Und als nach 1808 der Kaiser französische Maler und Bildhauer ins Land holte, die Akademie der schönen Künste gegründet wurde, bildete man dort der Tradition folgend auch talentierte Schwarze aus. Dass all diese Künstler heute in der Kulturgeschichte Brasiliens nicht oder kaum genannt werden, kaum noch präsent sind, ist ein Reflex des perversen, scheinheiligen Rassismus. Im Museu AfroBrasil hat Araújo bereits über 4.000 Kunstwerke zusammengetragen – darunter auch Tonkunst. Hoch geschätzt unter Kunstliebhabern der ganzen Welt ist der dunkelhäutige Antonio Francisco Lisboa, genannt Aleijadinho, wichtigster Bildhauer des brasilianischen Barock, dazu Architekt und Maler. Seine Kirchen, die 12 Prophetenstatuen in Congonhas do Campo, seine Skulptur von Jesus, der das Kreuz trägt, zählen zu den außergewöhnlichsten, auch international bekanntesten Werken. Aber wer kennt schon den Schwarzen Estevão Silva, der zu den besten Stillleben-Malern des 19. Jahrhunderts gerechnet wird? Mehrere seiner Werke, darunter Künstlerporträts und die von der Kunstkritik seinerzeit so überschwänglich gefeierten Stillleben mit tropischen Früchten, wie Mangos und Jaboticabas, hängen heute im Museu AfroBrasil von São Paulo. Allem ebenbürtig, was man aus dieser Kunstepoche in europäischen Museen kennt. Zeitgenosse von Estevão Silva war Emmanuel Zamor, sein Meisterstück, die zwei an einer Hauswand lehnenden schwarzen Kinder, ist im Museu AfroBrasil ebenso zu besichtigen wie Firmino Monteiros naturalistische tropische Landschaften am Atlantik.
Kunst aus Afrika ist ebenfalls ständig im Museum zu sehen. Derzeit ist Benin Schwerpunktland. Von dort kam ein Großteil der Sklaven, die in Goldminen und Zuckermühlen den immensen Reichtum der portugiesischen Kolonie begründeten. Direktor Araújo legt Wert darauf, auch herausragende dunkelhäutige Persönlichkeiten jenseits der Kunst vorzustellen – derzeit den Ingenieur Theodoro Sampaio aus Bahia, einziger Parlamentsabgeordneter in der Geschichte Brasiliens, der noch als Sklave geboren worden war, und dem es gelang, die eigene Mutter und die drei Geschwister freizukaufen. Im Museu AfroBrasil begegnet man ferner Schwarzenporträts des Fotografen Walter Firmo, einer Karikaturensammlung – und nicht zuletzt einem Dutzend Werken von Direktor Araújo selbst. „Weil mein Vater Goldschmied war, zur unteren Mittelschicht gehörte, konnte ich in Salvador da Bahia auf die Kunstakademie gehen, war dort der einzige Schwarze. Mit Ach und Krach hielt ich mich als Künstler, wurde in den siebziger Jahren Aktivist gegen den Rassismus, schrieb das erste Buch über sämtliche wichtigen Schwarzen in der brasilianischen Kunstgeschichte, von Musik bis Literatur, war zwei Jahre Gastprofessor an der Kunstakademie von New York.“{mospagebreak}
Künstlerkollege Maurício Pestana aus São Paulo leitet die einzige nationale Schwarzenzeitschrift: „Brasilien ist das rassistischste Land der Erde – überall auf der Welt haben die Strategien des Rassismus nicht funktioniert, zum Beispiel nicht in Südafrika, den USA oder Teilen Europas. Doch hier in Brasilien hat es geklappt, wirkt die rassistische Maschinerie seit jeher sehr intelligent. Dunkelhäutige sind die typischen Slumbewohner.“ Araújo stimmt Pestana zu, doch Idealisierungen und politische Korrektheit sind ihm fremd. Er erinnert daran, dass Schwarze bedeutende Sklavenhändler waren, damit enorme Reichtümer anhäuften. Und dass schwarze Sklaven, die freikommen konnten, in Brasilien sofort Sklaven kauften, mit ihren eigenen Brüdern handelten. Bei einem großen Sklavenaufstand in Bahia wurden die Revoltierenden durchweg von anderen Sklaven denunziert, die feindlichen Stämmen und Völkern angehörten. Derartiges wirke sich bis heute aus. „Interessant ist, dass sich die Schwarzen hier in den Sambaschulen organisieren oder in Fußball-Fanclubs – aber eben nicht in der Kunst. Ich kann nicht sagen, warum. Und die Schwarzen organisieren sich auch nicht effizient, um soziale Forderungen zu stellen. Dabei haben wir in Brasilien immerhin etwa 60 Prozent Dunkelhäutige.“ Im Museu Afro-Brasil stellt Araújo derzeit 140 Werke der größten schwarzen Maler aller Kunstepochen aus, die indessen, wie er betont, allesamt tragisch scheiterten, zumal sie nach dem offiziellen Ende der Sklaverei gegen die rassistischen Widerstände nicht ankamen, Selbstmord begingen, verrückt wurden, im Elend an Tuberkulose starben.
Längst zählt Araújo zu den wichtigsten Bildhauern Brasiliens, ist zudem Maler, Zeichner, Grafiker – die in- und ausländische Kunstkritik stuft ihn als Afro-Minimalisten und Konstruktivisten ein, der sich von afrikanischer Ornamentik, afrikanischen Stammessymbolen inspirieren lässt. Seine teils monumentalen, über drei Meter hohen Skulpturen, bevorzugt in Rot und Schwarz, gehören zum Stadtbild São Paulos, seine Reliefs sind Blickfang an modernen Gebäuden. Araujó nennt sich selbst einen „Filho de Ogum“, einen Anhänger der afrikanischen Gottheit Ogum – und solche Personen gelten als kohärent, couragiert, impulsiv, streitbar, hartnäckig, neugierig und jeder Routine abhold. So einer wie Araújo bringt es daher fertig, als frischgebackener Kulturstaatssekretär São Paulos 2005 nach nur zwei Monaten dem Präfekten in einem offenen Brief, unzufrieden mit armseligem Etat und aufoktroyierter Elite-Kultur, seine Entlassung vor die Füße zu knallen. Und mit „Filho de Ogum“ zu unterschreiben. So einer stürzt nicht ab, hat noch viel vor.  „Für die Schwarzen muss dieses Museum ein Spiegel werden, in dem sie sich betrachten, sich identifizieren mit schwarzer Kultur und Geschichte, mit allen schwarzen Künstlern, allen schwarzen Persönlichkeiten, die für Brasilien sehr wichtig waren. Dieses Museum will die Suche nach Selbstwertgefühl, nach schwarzem Bewusstsein fördern. Wir sorgen dafür, dass die Schwarzen ein für alle Mal klar definiert zum Begriff von brasilianischer Kunst gehören. Es gibt sehr gute schwarze Künstler, die in Brasilien nicht bekannt sind – die man aber in Europa kennen sollte.“

Klaus Hart ist freier Journalist und lebt in São Paulo.