Jenseits des Forró pé-de-serra - Gegenwartsmusik im Nordosten Brasiliens

kultur forroAndréa Rosevell Übersetzung: Hendrik Johannemann

Forró pé-de-serra, Xote, Xaxado und Baião – in den 50er Jahren waren dies die Musikstile, die man mit der Bevölkerung und der Kultur des nordöstlichen Brasiliens in Verbindung brachte. Luiz Gonzaga, Sänger und Komponist aus dem Bundesstaat Pernambuco und wohl wichtigster Repräsentant der damaligen brasilianischen Musikszene, charakterisierte den Nordosten Brasiliens trotz seiner häufig verdorrten Landschaften als Hort frohsinniger Menschen, stets bekleidet mit Hüten und Ledersandalen. Sechsundsechzig Jahre später gedenkt man der Nordestinos, der Bewohner Nordostbrasiliens, weiterhin mit den musikalisch erzählten Geschichten Gonzagas. Jedoch sind diese Charakterisierungen längst nicht mehr ausreichend, um auch die neueren musikalischen Produktionen aus dieser Region zu umfassen.

Das Vermächtnis des Yorubá-Volkes für die Musikkultur in Bahia: „Afro-baianidade“

Samstagnacht in Salvador. Eine Gruppe Jugendlicher schlendert singend und tanzend durch die Innenstadt. Angezogen sind einige wie US-amerikanische Hip-Hopper, andere tragen traditionell indigene Kleidung. Auf ihren Köpfen ist das Haar zu Zöpfen geflochten oder mit Turbanen bedeckt – in ihren Köpfen haben sie nur „Black Power“. Sie sind auf dem Weg zum Batekoo-Festival, bei dem afrobrasilianische Sounds im Mittelpunkt stehen. Von Pagodão über Rap, Funk, Afro-House bis hin zu Elektro – dies alles wird musikalisch miteinander verwoben. Im Internet finden sich noch gewagtere Kreationen von DJs, die etwa Aboios, die Musik der örtlichen Rinderhirten, mit Samba und typischen Forró-Instrumenten zusammenmixen.
„Obwohl das Batekoo für viele Menschen bloß ein weiteres Musikfestival ist, glaube ich, dass es sich zu einem Ambiente entwickelt hat, in dem die schlechte Lebenslage der afrobrasilianischen Bevölkerung zur Sprache kommt. Unser Festival ist eine Art soziale Bewegung für die Freiheit, ob körperlich, musikalisch, sexuell oder ethnisch verstanden. Das Batekoo will zum Handeln anregen“, so einer der Veranstalter des Events. Das Batekoo trug dazu bei, dass sich Salvador zur Wiege hybrider afrobrasilianischer Sounds entwickelte. Diese neuen Musikstile sind mittlerweile nationale Phänomene, rÜepräsentieren aber weiterhin die nordöstliche Region Brasiliens.
Auch in Salvadors Karnevalsszene besteht eine Brücke zwischen Brasilien und Afrika fort. Die traditionell afrobrasilianischen Karnevalsblöcke Ilê Aiyê, Malêdebalê, Olodum, Muzenza und Ara Ketu suchten die Ursprünge ihrer Identität von jeher in ihrer afrikanischen Herkunft. Diese Verbindung spiegelt sich auch in den Namen der Karnevalsgruppen wider. Sie rühren vom Volk der Yorubá her, ebenso wie die Sambarhythmen und ein Großteil ihrer Instrumente.
So ermöglichte der Karneval zusammen mit den neuen phonografischen Technologien eine Durchmischung afrobrasilianischer Sounds mit dem urbanen Samba, jamaikanischen und nordamerikanischen Rhythmen und Musikstilen aus dem gegenwärtigen afrikanischen Kontext. Es entstanden die typischen Bahia-Sounds Sambareggae, Axé und Pagodão. Diese Kulturprodukte werden heute als authentische Musik Bahias angesehen und geben dem Nordosten auf diese Weise ein neues Gewand, das sowohl in andere brasilianische Regionen, aber auch ins Ausland ausstrahlt. Die neuen Sounds repräsentieren die urbanen, aber zur gleichen Zeit peripheren und ganz zentral schwarzen Bewohner des brasilianischen Nordostens.

Der geheiligte Ort der Traditionen

Musiker älteren Semesters beäugen mit Skepsis, wie die Globalisierung auch vor ihrem Kulturbereich nicht Halt macht. Sie befürchten eine Verfälschung und Verwässerung der Jahrhunderte alten Populärkultur, die sich im Nordosten Brasilien erhalten konnte, zumal sich gerade die Liedermacher dieser Region besonders stark auf diese kulturellen Wurzeln berufen.
Der Nordosten Brasiliens, bestehend aus den Bundesstaaten Alagoas, Bahia, Ceará, Maranhão, Paraíba, Piauí, Pernambuco, Rio Grande do Norte und Sergipe, wurde im 19. Jahrhundert als das authentische Brasilien schlechthin angesehen, da dort althergebrachte Werte und Bräuche aufrechterhalten wurden – und zwar vor allem, was künstlerische Ausdrucksformen betrifft.
Der Gebrauch von Rhythmusinstrumenten zeichnet die Musik des Nordostens aus. Diese wurden aus Portugal, Spanien oder den Niederlanden übernommen, haben aber auch indigene und afrobrasilianische Wurzeln. Kreistänze wie die Polka oder Candomblé haben zentralen Einfluss auf die Musik dieser Region.
Dem Journalisten und Wissenschaftler Osvaldo Meira Trigueiro zufolge ist die Musik der Nordestinos jedoch im Wandel begriffen und nicht mehr dieselbe wie früher. Die Globalisierung und der technologische Fortschritt brachten neue Stile hervor, die genauso authentisch und repräsentativ für den Nordosten Brasiliens sind wie ihre Vorgänger. „Vermeintlich vergangene nationale, regionale und lokale Stile strecken ihre Fühler bis in die Gegenwart aus und schaffen zusammen mit Prozessen kultureller Aneignung neue Identitäten“, so der Experte.
Diese neuen Entwicklungen manifestieren sich im Aufkommen von Stilrichtungen wie Pagodão im Bundesstaat Bahia, Elektro-Forró, Arracha und Mangue Beat. Es handelt sich um hybride Kunstformen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, welche den Nordosten und seine Bewohner ins Zentrum der urbanen und technologischen Umbrüche rücken.

Übertreibungen, Liebe und Sex: Das neue Gesicht des Forró im Nordosten Brasiliens

Während der traditionellen São-João-Festlichkeiten war es lange üblich, sich die alten Kolonialhäuser in den Stadtzentren, die Umzüge und Hochzeiten unter freiem Himmel anzuschauen – alles Dinge, die symbolisch für den Nordosten Brasiliens stehen. Forró pé-de-serra war dabei die Musik, welche diese Feste zusammen mit einfallsreich verkleideten Tänzern untermalte. Das Szenario ist heute das gleiche, bloß tanzt man nunmehr zu elektronischem Forró.
Am Akkordeon kann man den alten Musikstil weiterhin unschwer erkennen, doch wird dieses traditionelle Forró-Instrument zunehmend von E-Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug und Keyboard begleitet.
Die Liedtexte erzählen zudem nicht mehr vom Schicksal der Nordestinos, vom Sertão, von Hunger, Durst und Flucht. Obwohl moderne Forró-Songs nach wie vor kleine Erzählungen darbieten, drehen sie sich heute um Liebesabenteuer, Flirts, Sex und Alkoholismus.
Laut Felipe Trotta, Kommunikations- und Kulturwissenschaftler, reicht die musikalische Gedankenwelt eines Luiz Gonzaga nicht mehr aus, den typischen, vor allem jugendlichen, Nordestino anzusprechen: „Jugendliche aus den Städten im Hinterland entwickelten neue musikalische Identifikationsmuster, indem sie lokale Musiktraditionen und ihr alltägliches Handeln und Denken dem Kommerz oder den neuesten nordamerikanischen Musik-Veröffentlichungen anpassen.“
Der gegenwärtige, urban geprägte Forró regt die Weiterentwicklung dieser Musikkultur ebenso an wie er neue Tänze, Feste und gar Forró-Fans hervorbringt. Immer mehr Jugendliche können sich in den Geschichten und Melodien aktuellerer Forró-Songs wiederfinden.
Andere Wissenschaftler führen diesen musikalischen Wandel auf die massive Abwanderung in den Südosten Brasiliens zurück, so dass sich der regionale Stil letztendlich ausbreitete und kommerzialisiert wurde. Ebenso habe die Musikbranche Druck ausgeübt und Instrumente und Gesangsstimmen an den Massengeschmack angepasst.
Darüber hinaus herrschen in den Städten, die Luiz Gonzaga einst besang, wie Campina Grande, Feira de Santana, Garanhuns oder Caruaru, heutzutage schlicht bessere Lebensverhältnisse als damals. Die Nordestinos legen ein gewandeltes Verhältnis zu ihrer Heimat an den Tag. Dies bereitete den Weg für neue Formen des Forró.
Die Anthropologin Elizabeth Travassos beobachtet zwei Kräfte, die das Musikverständnis in Brasilien stets beeinflusst haben. Es herrscht erstens ein Wechselverhältnis zwischen der Nachahmung europäischer Vorbilder auf der einen und der Verfolgung eines eigenen Weges auf der anderen Seite. Zweitens gibt es eine Dichotomie zwischen Populär- und Gebildetenkultur. Authentische brasilianische Musik entstand somit in einem Spannungsfeld von Tradition und Moderne, zwischen Althergebrachtem und Popmusik – wie auch der Forró pé-de-serra damals und neuere Forró-Formen heute.

Andréa Rosevell arbeitet als Journalistin in Salvador da Bahia.

Ausgabe 153/2016