Alternatives Wirtschaften Modell für die Zukunft

politik alternativ wirtschaClarita Müller-Plantenberg

Anfang September fand in Berlin erneut ein Kongress über Solidarische Ökonomie statt, SOLIKON genannt. Im Vorfeld gab es ein Wandelwochenprogramm. Dies umfasste verschiedene Touren zu über 50 Beispielen Solidarischer Ökonomie und verwandter Ansätze. Auch SOLIKON-Gäste aus Brasilien machten sich gleich nach ihrer Ankunft zu einer Wandelwochentour auf. Hierbei fiel Rosangela Alves de Oliveira, Soziologieprofessorin in Rio Grande do Norte,  auf, dass gegenüber früher der Organisationsprozess in Deutschland stagniere.

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Olympiade 2016 Ohne Vertreibung geht es nicht

politik olympia 1Wolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Nein, mit Aschenbechern schmeißt Bürgermeister Eduardo Paes nicht mehr um sich, versichert Roberto Ainbinder feixend, der Chef der Olympia-Bauten von Rio de Janeiro. Jeder, der mit der Lokalpolitik am Zuckerhut etwas vertraut ist, kennt die Geschichten von Paes‘ Wutausbrüchen, wenn’s ihm zu lange dauert oder etwas nicht klappt – und dass da schon mal Heftmaschine und Aschenbecher geflogen sind. Ainbinder hat ein harmloseres Problem mit dem Chef: Dessen Anrufe. „Ich frag‘ mich, wann der schläft“, sagt der Chefarchitekt, „er meldet sich nachts um eins genauso wie morgens um fünf, und immer muss man so tun, als ob man hellwach sei.“

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Brasilien in der Krise - Die politischen und wirtschaftlichen Perspektiven trüben sich ein

politik krise 1Peter v. Wogau

Die politische Krise, die sich seit den Demonstrationen 2013/2014 ankündigte und durch den Skandal um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras verstärkte, hat sich im Laufe dieses Jahres auch zu einer wirtschaftlichen Krise entwickelt. Trotz ihres Wahlsieges im November 2014 ist der Bestand der Regierungskoalition keineswegs gesichert. Und in dieser Gemengelage gibt es zunehmend Kräfte, die auf eine Amtsenthebung (Impeachment) der Präsidentin Dilma Rousseff setzen.

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Die Olympischen Spiele in den Augen eines Strandtuch-Verkäufers

Wolfgang Kunath, Rio de Janeiro

„Es gibt ja Sportarten“, sagt Amaro de Lira mit spöttischem Unterton, „von denen wir gar nicht gewusst haben, dass es sie gibt!“. Der 61jährige gehört sozusagen zum lebenden Inventar von Copacabana, weil er dort seit vierzig Jahren als Straßenhändler tätig ist. Seine Ironie zielt auf ein grundsätzliches Problem, dass die Brasilianer mit den Olympischen Spielen haben: Sie interessieren sich einfach nicht groß dafür. Sie haben jetzt, kurz vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro, ganz andere Sorgen.

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Krise des politischen Systems

politik kriseThomas Manz, São Paulo

Am 17. April fand im brasilianischen Abgeordnetenhaus die Abstimmung über das Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) gegen die Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) statt. Das Für und Wider des Impeachment beherrschte seit Monaten die politischen Debatten des Landes, mobilisierte wiederholt Massen zu Demonstrationen und sorgte zuletzt für ein vergiftetes Klima.

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Carajás Unstillbarer Hunger nach Eisenerz

politik carajasLisa Carstensen

Auf Einladung der der Rosa-Luxemburg-Stiftung war Dario Bossi im Mai in Deutschland. Er ist ein kombonianischer Priester, arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Justiça nos Trilhos (Gerechtigkeit entlang der Schienen) und lebt seit acht Jahren in Piquiá de Baixo, im Bundesstaat Maranhão. Für die BrasilienNachrichten führte Lisa Carstensen nachfolgendes Interview mit Dario Bossi. Sie besorgte auch die Einführung.

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Morddrohungen gegen Fischer

politik drohungWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Als Alexandre Anderson de Souza kurz nach Mitternacht vom Fischen zurückkam, warnten ihn seine Kollegen noch; die Lage sei brenzlig. Aber das half nichts mehr: „Sie schossen aus dem Dunklen auf mich, ich hab‘ die Kugeln an meinem Kopf vorbeipfeifen hören.“ Er sah noch zwei Männer im Dunklen verschwinden - die Schüsse kamen vom Werksgelände einer Firma, die die Ölanlagen in die Bucht von Guanabara baut. Alexandre und seine Kollegen hielten die Pontons, an denen die Schiffe Öl und Gas der nahen Raffinerie laden sollten, damals 38 Tage lang besetzt, weil sie ihre Fischgründe zu vernichten drohten. Als Alexandre am nächsten Morgen zur Polizei ging, wollte der Diensthabende die Anzeige erst nicht annehmen, als er hörte, dass die Schüsse  vom Werksgelände gekommen waren.

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Brasiliens Regierung durchläuft schwierige Zeiten

politik schwierigeZeitenGünther Schulz

Immer wieder beschäftigen sich in letzter Zeit auch die bundesdeutschen Medien mit dem größten Land Lateinamerikas. Grund dafür ist die unruhige politische und wirtschaftliche  Situation, welche die letzten Monate kennzeichnet.
Seitdem Dilma Rousseff, die Kandidatin der PT (Partido dos Trabalhadores), der „Partei der Arbeiter“, am 27. Oktober 2014 erneut zur Präsidentin Brasiliens gewählt wurde, kommt es in ganz Brasilien immer wieder zu Demonstrationen. Den größten Zulauf finden sie in den beiden großen Wirtschaftszentren São Paulo und Rio de Janeiro.

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Complexo da Maré Der schwierige Weg zur Anerkennung

politik complexeGünther Schulz

Immer wieder ist Maré in den Schlagzeilen – oftmals wegen Schießereien zwischen der Polizei und den Drogengangs. Dabei kommen auch vollkommen Unbeteiligte zu Schaden. Zuletzt starb am 8. Juni 2013 der Ingenieur Gil Augusto Barbosa, 53, durch einen Kopfschuss. Er war aus Versehen in die Favela Vila do João geraten.
Diese Favela ist Teil des „Complexo da Maré”, eines Gebietes, in dem sich sechzehn Favelas befinden. Bewohnt werden sie von insgesamt 140.000 Menschen.

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Ein Freiburger in der Favela Wie ich Brasilien von unten erlebe

politik faveleAdrian Geiges, Rio de  Janeiro

Aufgewachsen bin ich in Freiburg-Littenweiler und in Staufen im Breisgau, jetzt lebe ich in der Favela Tavares Bastos von Rio de Janeiro. Ein gewisser Kontrast lässt sich nicht leugnen. Wie kam es dazu?

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Der „Velho Chico“ im Wandel Ein fragwürdiges Großprojekt im Nordosten

politiik velhoWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Fast wie eine gotische Kathedrale, so hoch ist die Halle, von deren Brückenkran die riesige Pumpe herunterhängt, die gerade montiert wird. Durch die Seitenwand der Halle kann man durch vier kreisrunde Öffnungen schräg nach oben spähen, den kahlen Abhang hinauf, an dessen Fuß das Pumpenhaus steht. Dort werden demnächst die Rohre installiert, jedes mit übermannsgroßem Durchmesser, durch die Anfang 2016 vier Pumpen je sieben Kubikmeter Wasser pro Sekunde emporheben werden. Und diese 61 Höhenmeter sind nur der erste Schritt, den das aus dem Rio São Francisco, den die Einheimischen liebevoll „Velho Chico“ nennen, angesaugte Wasser macht – ein zwar imposanter, aber immer noch relativ bescheidener Teil eines der größten Wasserbauwerke der Welt.
„Als ich klein war, hab‘ ich selber Kakteen kleingeschnitten und die Stachel gekappt, damit die Ziegen meines Vaters wenigstens ein bisschen Wasser bekamen“, ereifert sich José Benjamim de Carvalho, „wir haben die Not doch am eigenen Leib erlebt!“ In den Siebzigern war das. Heute ist Carvalho der verantwortliche Ingenieur für den Bau der Pumpstation Floresta, und jegliche Kritik an dem Bauwerk ist für ihn „zutiefst unbegründet“: Entweder, sagt er, hätten die Kritiker keine Ahnung, oder sie meckerten nur aus politischem Opportunismus.
Tatsächlich ist die „transposição“, also die Umleitung, die Verlegung des Rio São Francisco ein umstrittenes Projekt. Der Zwist beginnt schon beim Wort: Befürworter sprechen lieber von „Integration“. Diese Vokabel hört sich immer gut an, und tatsächlich werden ja auch die Einzugsgebiete diverser Flüsse verbunden. Aber an der von vielen als pharaonenhaft empfundenen Größe ändert die Sprachregelung genauso wenig wie an den ökologischen und politischen Zweifeln.
Mit knapp 3000 Kilometern ist der São Francisco Südamerikas viertlängster Strom. 1502 von Portugiesen entdeckt, war er Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Verkehrswege im Landesinneren. Er entspringt auf dem zentralen Plateau südlich von Brasília, verläuft parallel zur Küste von Süden nach Norden und entwässert dabei die doppelte Fläche Deutschlands. In seinem Unterlauf fließt er nach Osten dem Atlantik zu und durchquert dabei den Sertão, ein halbwüstenartiges Steppenland, das seit Menschengedenken von verheerenden Dürren gegeißelt wird.
1877, während einer dieser Katastrophen, kam erstmals die Idee auf, den São Francisco zum Teil nach Norden, in den trockenen Sertão umzuleiten. Und nun sind über 11 000 Menschen damit beschäftigt, diesen Jahrhundert-Traum sozusagen in Beton zu gießen: „Zwölf Millionen Menschen werden ihren Durst stillen können“, sagt Carvalho euphorisch. Die Wasserleitung, deren Kosten mit 2,7 Milliarden Euro etwa doppelt so hoch sind wie zu Baubeginn vor sieben Jahren angegeben, ist das Prestigeprojekt von Präsidentin Dilma Rousseff. Sie will sich damit als Garantin von Fortschritt, Wachstum und Entwicklung darstellen.
Oben auf dem Berg, wo die vier Rohre in ein fussballfeldgroßes Auffangbecken münden werden, hat man eine prächtige Fernsicht: Im Süden verschwimmt der Stausee des Itaparica-Wasserkraftwerkes im Dunst, das in den Achtzigern in den São Francisco gebaut wurde; ein sechs Kilometer langer Kanal verbindet ihn mit dem Pumpenhaus. Und nach Norden hin windet sich der mit hellgrauem Beton ausgekleidete Kanal mit einem Minimalgefälle von zehn Zentimetern pro Kilometer dem Horizont entgegen, der von höheren Bergen begrenzt ist. Nochmal fünf Pumpstationen sind nötig, um das Wasser weitere 252 Meter anzuheben. Über fünf Aquädukte, durch einen Tunnel und zwischengespeichert in zwölf Reservoirs, fließt es durch einen 217 Kilometer langen Kanal, gibt immer wieder Wasser an Seitenkanäle ab und mündet schließlich in den Rio Paraíba. Also die „Integration“ zweier hydrologischer Systeme.
Und das ist nur die sogenannte Ost-Achse. 60 Kilometer stromaufwärts zweigt die 260 Kilometer lange Nord-Achse ab: Mit drei Pumpstationen überwindet sie 181 Höhenmeter, ihr Wasser fließt über neun Aquädukte, wird in 15 Speicherbecken zwischengelagert und ergießt sich schließlich in zwei andere Flüsse im Norden. Ihr Superlativ ist der Cuncas-Tunnel, acht Meter hoch und 15 Kilometer lang.
„Vergleichen Sie das Projekt mit der deutschen Wiedervereinigung“, rät Carvalho. Das hört sich abwegig an. Aber für den Nordosten Brasiliens und seine Bewohner kommen die beiden Kanäle einer Aufwertung der Region gleich, auf die man im entwickelten Süden traditionell herabschaut – mit einer Abschätzigkeit, die mitunter durchaus rassistische Züge annimmt. „Der Süden muss endlich verstehen, dass er den Nordosten für die Jahrhunderte lange Vernachlässigung entschädigen muss“, sagt Carvalho. Tatsächlich galt der Nordosten stets als das Armenhaus Brasiliens. Während sich der Süden entwickelte und modernisierte, wurde die Rückständigkeit des Nordostens in Film, Musik und Literatur zu einer speziellen Exotik der Armut ästhetisiert.

Offene Fragen

„Dilma, Marina, Aécio, alle sind für die Umleitung“, wirft Roberto Malvezzi den drei wichtigsten Präsidentschaftskandidaten vor, „und alle tun so, als wäre der Fluss unerschöpflich“. Malvezzi steht einem Verband von Gruppen vor, die die Entwicklung des Stroms seit Jahrzehnten kritisch begleiten. Auch wenn offiziell betont wird, dass dem Fluss nur 1,4 bis drei Prozent – so viel wie zwei Suppenlöffel von einem Liter – entnommen würden: „Es ist unklar, wie viel die Kanäle am Ende abziehen“, sagt Malvezzi. Das Minimum der Nord-Achse wird zum Beispiel mit 16,4 Kubikmetern pro Sekunde angegeben, kann aber auch auf 127 erhöht werden.
„Früher strömte der Fluss ins Meer, heute dringt das Salzwasser 40, 50 Kilometer weit das Bett hinauf“, beschreibt Malvezzi die nachlassende Kraft des São Francisco. Er sei „ein sterbender Fluss“: 95 Prozent seiner Uferbewaldung sei schon zu Zeiten der Dampfschifffahrt abgeholzt und verfeuert worden. Hinzu kämen Versauerung, Verlandung, Verschmutzung und vor allem der Wasserverbrauch der Bewässerungslandwirtschaft: „Wahnsinn, hier mitten im Sertão auf Hunderttausenden von Hektar Zuckerrohr anzubauen!“
Der Präsidentin wirft Malvezzi vor, nicht so sehr die Entwicklung im Auge zu haben: „Sie schaut einfach nur aufs Wachstum!“ Und er erinnert spitz an einen Wahlkampf in den Neunzigern, als der Links-Kandidat Luiz Inácio Lula da Silva wie ein Rohrspatz auf die „transposição“ schimpfte. Nach seiner Wahl begann er sie ohne Verzug. „Sie haben mich und ganz Brasilien betrogen“, hielt Bischof Luiz Cappio, der 2007 sogar in den Hungerstreik trat, dem Wendehals Lula vor.
Dass die Arbeiten zeitweise ganz eingestellt waren, lag an der Organisation: Die Kanäle waren in zahllose Tranchen unterteilt, um der regionalen Bauwirtschaft Aufträge zu geben. Aber viele Firmen waren überfordert. Mit Hochdruck wird erst seit 2011 gearbeitet, als Lula-Nachfolgerin Rousseff die Abschnitte zusammenfasste und die großen Baulöwen zum Zuge kamen.
Kleinbauern müssen weichen
Über 800 bäuerliche Familien, die dem Kanal weichen mussten, werden in neu angelegte Dörfer umgesiedelt; allerdings haben viele die Landwirtschaft erstmal aufgegeben, weil der Kanal ja noch nicht fertig, das versprochene Land noch nicht bewässert ist. 325 Dörfern, die bis zu fünf Kilometer vom Kanal entfernt liegen, ist eine Sonderwasserleitung versprochen. Archäologen sichern die Fundstätten, auf die die Bagger stoßen, und fast zwölf Prozent der Investitionssumme ist für ökologische Ausgleichsmaßnahmen beiseitegelegt.
Das ist bis in die Details geregelt – umso erstaunlicher, dass die wichtigen Fragen bisher offen sind. Wer wird wofür wieviel Wasser bekommen, und wer entscheidet das? Malvezzi zufolge hieß es früher auf der Website des zuständigen Ministeriums, 70 Prozent des Wassers solle auf die Felder fließen, 26 Prozent sei für die Industrie und nur vier Prozent als Trinkwasser vorgesehen. „Das haben sie geändert, nachdem wir Druck gemacht haben“, sagt der Aktivist.
Offiziell ist von den zwölf Millionen Durstigen die Rede – das Projekt solle die Versorgung der Städte sicherstellen. Zwar werden die nationale Wasseraufsichtsbehörde ANA und ein Zweckverband für die Verteilung zuständig sein. Technische Gremien also. Aber das heißt noch lange nicht, dass damit politische und private Interessen neutralisiert sind. Etwa die der Großfarmer, die Wein, Zuckerrohr und Obst für den Export anbauen.
Oder der Preis, der dem Konsumenten für den Kubikmeter Wasser in Rechnung gestellt wird – er sei noch Gegenstand von „Studien“, teilt das zuständige Ministerium mit. Abgesehen von den Baukosten des Kanalsystems – wer bezahlt die Energie, mit der diese Tonne Wasser 313 Meter angehoben wird? Und wo kommt die überhaupt her?
Aus dem Wasserkraftwerk von Itaparica, antwortet Ingenieur Carvalho. Aus dem Netz, sagt das Ministerium. Aus unserer Nachbarschaft, fürchtet Lucélia Leal. Sie gehört zur Führung der Pankará-Indianer, trägt einen Häuptlings-Titel.

Die Pankará vertrieben und ausgeliefert

Serrote dos Campos brütet in der Mittagshitze, und wenn nicht ab und zu in der Ferne ein Motorrad vorüberknattern würde, könnte man annehmen, das Dorf sei verlassen. Die Hütten und Häuser liegen verstreut in den vor Trockenheit grauen Gärten, Hühner scharren wie in Zeitlupe unter den dürren, blätterlosen Sträuchern. Und die träge Friedlichkeit ändert sich auch nicht, als der Wasserwagen zu Lucélia Leal kommt. Eine riesige Zisterne aus Plastik lässt er links liegen, er steuert eine genauso große, aber gemauerte ein paar Meter weiter an. Der Fahrer steigt aus, legt den Schlauch und öffnet den Hahn.
„Politik!“, sagt Lucélia abfällig. Denn dass zwei Typen von Zisternen in der Landschaft herumstehen, der Wasserwagen aber nur die gemauerten anfährt, während zum Befüllen der Plastik-Reservoirs ein anderer Wasserlieferant zuständig ist – das liegt daran, dass zwei rivalisierende Ministerien für die beiden Zisternen-Typen zuständig sind. Wobei die aus Plastik im Ruch stehen, vor allem ihren Lieferanten reich gemacht zu haben: Sie sind mehr als doppelt so teuer als die gemauerten, für die die Nutzer Eigenleistungen erbringen.
Serrote dos Campos ist eine Siedlung der Pankará-Indianer. Hier wohnen 70 Familien, Lucélia, hat ihre Leute ins Versammlungshaus gerufen, sie schimpfen wie die Rohrspatzen auf die Regierung, die sich über die Interessen der Indianer und generell der kleinen Leute hinwegsetze. „Aber wir haben grundsätzlich gar nichts gegen Großprojekte“, betont Lucélia, „wir ärgern uns bloß darüber, wie sie durchgedrückt werden!“ Sie sind sich einig, dass von den Behörden nicht viel zu erwarten ist - und schon gar nichts Gutes. Und da haben sie wirklich keine guten Erfahrungen gemacht.
Das Zisternen-Theater ist noch nicht einmal das Absurdeste. Serrote dos Campos existiert noch keine drei Jahrzehnte. In den Achtzigern mussten die Pankará-Familien  gemeinsam mit über 10 000 Familien dem Staudamm von Itaparica weichen. Einer von dreien im Unterlauf des Rio São Francisco.
Der Stausee lief voll, heute liegt sein Ufer sechs Kilometer von Serrote entfernt – und die Pankará sind immer noch auf die Wasserwagen angewiesen. „Was ist das für eine Entwicklung?“, ruft Lucélia vor ihren Leuten im Versammlungshaus aus, „niemand fragt uns nach unserer Meinung, niemand berücksichtigt unsere Interessen!“ Itaparica hat heilige Stätten der Pankará überflutet, das Fischen haben sie aufgeben müssen, weil es kaum noch Fische gibt – „und dann haben wir hier nicht einmal Wasser!“
Ganz in ihrer Nähe wird zurzeit emsig an einem anderen Wasserbauwerk gearbeitet, das zu den größten, kühnsten und am heftigsten umstrittenen der Welt gehört, und nach den Erfahrungen mit Itaparica verwundert es nicht, dass die Pankará darüber alles andere als erfreut sind. „Der Fluss führt sowieso immer weniger Wasser, und jetzt soll er noch mehr abgeben“, ereifert sich Jorge Carvalho da França, ein anderer Häuptling.
Und dass das Wasser nicht einfach zum Trinken so aufwändig umgeleitet wird – das glauben die Pankará genauso wenig wie die anderen Kritiker des Projektes. Sie vermuten, dass São-Francisco-Wasser die Felder der Grossfarmen bewässern wird. So wie die Staudämme im Unterlauf des São Francisco ja auch die Landwirtschaft bedienen – mitten im Sertão wird auf hunderttausenden von Hektaren Zuckerrohr und Wein angebaut.

Neue Bedrohung

Was das Wasser später mal kostet, kann den Pankará egal sein; sie werden wohl sowieso nichts davon abbekommen. Aber eine andere Frage interessiert sie sehr: Wo kommt die Energie her, um das Wasser hochzupumpen - 28 Kubikmeter, also 28 Tonnen pro Sekunde allein in der ersten Pumpstation am Itaparica-Stausee?
Serrote dos Campos gehört zur Gemeinde Itacuruba, und die hat der staatliche Atomkonzern Eletronuclear als einen geeigneten Standort für Brasiliens vierten Atommeiler ausgemacht: Dünn besiedelt, mit einem grossen Fluss für das Kühlwasser in der Nähe und nicht weit von den Zentren des Verbrauchs entfernt. Der Pumpstation zum  Beispiel.
„Andere Länder legen ihre Atomkraftwerke still, und wir bauen sie“, sagt Häuptling Jorge kopfschüttelnd. Zwar ist noch nicht entschieden, wann und wo der Atommeiler gebaut ist. Aber die Pankará sind auf der Hut: „Als damals vom Bau des Staudamms die Rede war, hat es auch erstmal niemand geglaubt“, sagt Lucélia, „den Fehler machen wir nicht noch einmal“.

Ausgabe 150/2014

Große Hoffnungen und große Herausforderungen

politik hoffnungLeandro Vidal, Florianópolis, Übersetzung: Bernd Stoessel

Es waren Wahlen, wie Brasilien sie seit Langem nicht mehr erlebt hat - jenes Land, das sich jeder Beurteilung entzieht  aufgrund seiner unerschöpflichen Fähigkeit zu verblüffen. Entgegen der herrschenden und von den Medien sorgsam gepflegten Meinung von einer angeblichen Ernüchterung gegenüber „der Politik“ und „den Politikern“ hat die brasilianische Gesellschaft ihre Kraft unter Beweis gestellt, sich auf einen hoch emotionalen Wahlprozesses einzulassen. Hierbei ging es um zwei deutlich unterschiedliche Wege für die Zukunft Brasiliens. Eine Demonstration größter politischer Vitalität, gerade im Vergleich mit der Apathie und den sich gegenüberstehenden sehr ähnlichen Politikentwürfen, die sich in vielen Wahlkämpfen auf der ganzen Welt beobachten lassen.

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Wahlen in Brasilien – Kontinuität versus Wandel Dilma Rousseff gewinnt als Garantin für die Kontinuität der Sozialprogramme

politik wahlenPeter von Wogau

Dilma Rousseff ging als Siegerin aus den Wahlen hervor, trotz vieler Rufe nach Wandel und trotz einer schwächelnden Konjunktur.  Ihr Herausforderer Aécio Neves war Kandidat der Mitte-Rechts-Partei PSDB, die ebenfalls in den letzten 20 Jahren entweder die Regierung stellte oder die führende Oppositionspartei war. Insoweit ist eines der herausragenden Ergebnisse der Wahlen die Kontinuität im politischen Prozess – genau dies war es, wofür sich die Brasilianer entschieden haben.

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Streit um Strom - Brasiliens Regierung macht neue Vorgaben bei den Konzessionen für den Stromsektor

politik stromChristian Russau

Ende Oktober kam es im Nordosten und Norden Brasiliens zum größten Stromausfall der letzten zehn Jahre. Rund 53 Millionen Menschen waren von dem apagão, wie großflächige Stromausfälle in Brasilien genannt werden, betroffen. Dieser apagão tauchte 100 % des Nordostens und 77 % der Bundesstaaten Pará, Tocantins und Maranhão ins Dunkel.
Laut Angaben der zuständigen Behörden kam es nach einem Kurzschluss zum Schmelzen einer Relaisstation; da für Wartungsarbeiten und zum Testen der Belastungsfähigkeit des Netzes der Region zuvor die Sicherheitsüberbrückungen abgeschaltet und vergessen worden war, sie wieder einzuschalten, kam es zum großen Stromausfall.

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Mehr Soja, mehr Gewalt - Neue Soja-Front im Nordosten Brasiliens

politik soja gewaltNorbert Suchanek, Rio de Janeiro

Mehr Soja bedeutet mehr Gewaltverbrechen und Vertreibung. Die Expansion des Agrobusiness geht in Brasilien offensichtlich Hand in Hand mit einer Zunahme von Gewalt. Das zeigt sich zumindest am Beispiel des nordostbrasilianischen Bundesstaates Maranhão, einem der vier neuen unter dem Kürzel MaToPiBa zusammengefassten Frontstaaten des Soja-Agrobusiness: MaToPiBa steht für Maranhão, Tocantins, Piauí und Bahia.

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Quote auf brasilianisch

politik quoteWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

“Mein Vater ist schwarz, meine Familie ist arm, ich bin körperbehindert, eigentlich bin ich völlig gearscht”, ruft Giovanni Rodrigues fröhlich aus und entschuldigt sich gleich für das starke Adverb. Der Grund für seine Fröhlichkeit: Er hat es trotzdem geschafft. Arm, schwarz, behindert - normalerweise hat man da in Brasilien keine großen beruflichen Aussichten. Aber er hat von der Quoten-Regelung profitiert, die die Landes-Universität von Rio de Janeiro, die Uerj, schon vor zehn Jahren eingeführt hat.

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Im Abseits Soziale Ausgrenzungen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft

politik abseitsAndrea Dip, São Paulo
Übersetzung: Andrea Zellhuber, Basel

Die WM 2014 wirft ihren Schatten voraus
Der Runde Tisch Brasilien veranstaltete vom 30.11.-02.12.2012 eine Tagung mit dem Thema Copa para tod@as! Die Männer-Fußball-WM 2014: ein brasilianisches „Sommer“-Märchen? (Dokumentation zur Tagung sowie Tagungsband:  www.kooperation-brasilien.org). Inhalt dieser Brasilienfachtagung war die kritische Auseinandersetzung mit den negativen Auswirkungen der WM-Vorbereitungen.

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Erneut Journalist erschossen - Die meisten Journalistenmorde bleiben unaufgeklärt

politik erschossenNorbert Suchanek, Rio de Janeiro

In São Luís, der Hauptstadt des nordostbrasilianischen Bundesstaates Maranhão,  wurde am Abend des 23. April der Journalist Décio Sá erschossen. Der 42-jährige Reporter der Zeitung „O Estado do Maranhão war vor allem aufgrund seines kritischen Blogs „Blog de Décio bekannt, in dem er über Lokalpolitik, Korruption und organisierte Kriminalität berichtete.
Décio Sá ist bereits der vierte ermordete Journalist in Brasilien in diesem Jahr.

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Alltag in Pará Kindesmissbrauch - Korruption und Straffreiheit

politik paraGünther Schulz

Auch in Brasilien ist das Thema Kindesmissbrauch in jüngster Zeit in die Schlagzeilen geraten. Vor allem das Eingeständnis der – in Brasilien auch jedem kleinen Kind bekannten – Fernsehmoderatorin Xuxa, Maria da Graça Meneghel, als Kind missbraucht worden zu sein, sorgte nicht nur für Aufsehen und Diskussionen sondern löste geradezu eine Welle von Anzeigen aus. Die anonyme Rufnummer „Disque 100“ verzeichnete innerhalb von zwei Tagen nach Xuxas Äußerungen einen Anstieg um 30% gegenüber der Vorwoche. Laut Aussagen des „Nationalen Sekretariats für Menschenrechte“ - Secretaria Nacional de Direitos Humanos - ist in Brasilien alle acht Minuten ein Kind Opfer sexuellen Missbrauchs.

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Ausflug in die kontrollierte Gefahr

politik gefahrChristine Wollowski, Recife

Viele Fremde suchen in den Elendsvierteln (Favelas) von Rio de Janeiro den Nervenkitzel – dabei verwandeln sich manche der berüchtigten Favelas längst in friedliche Orte mit ganz anderen Touristenattraktionen.
„Ist es sehr gefährlich hier?“ Manchmal klingt die Frage verschreckt, manchmal ängstlich erwartungsvoll, manchmal nahezu hoffnungsfroh. Aber sie kommt fast immer, wenn die Kunden der Agentur „Be a local“, sich in Kleinbussen zu Rio de Janeiros größter Favela Rocinha kutschieren lassen.

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