Alltag in Pará Kindesmissbrauch - Korruption und Straffreiheit

politik paraGünther Schulz

Auch in Brasilien ist das Thema Kindesmissbrauch in jüngster Zeit in die Schlagzeilen geraten. Vor allem das Eingeständnis der – in Brasilien auch jedem kleinen Kind bekannten – Fernsehmoderatorin Xuxa, Maria da Graça Meneghel, als Kind missbraucht worden zu sein, sorgte nicht nur für Aufsehen und Diskussionen sondern löste geradezu eine Welle von Anzeigen aus. Die anonyme Rufnummer „Disque 100“ verzeichnete innerhalb von zwei Tagen nach Xuxas Äußerungen einen Anstieg um 30% gegenüber der Vorwoche. Laut Aussagen des „Nationalen Sekretariats für Menschenrechte“ - Secretaria Nacional de Direitos Humanos - ist in Brasilien alle acht Minuten ein Kind Opfer sexuellen Missbrauchs.

Allzu oft sind die Täter im häuslichen Umfeld zu finden wie beispielsweise bei Leila (5), die von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, oder das Schicksal einer 12-jährigen, die ihre eigene Mutter „verkaufte“.
Was jetzt über Prominente an die Öffentlichkeit dringt, ist für Henriqueta Cavalcante von Justiça e Paz, Region Norte II Pará/Amapá, nichts Neues. Seit vielen Jahren klagt die Ordensschwester die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen, in die auch Politiker involviert sind, an und fordert, die weitverbreitete Korruption und den Menschenhandel in ihrem Bundesland zu bekämpfen. Es wundert nicht, dass anonyme Anrufe, Beschimpfungen, ja sogar die Nennung eines genauen Zeitpunktes der Ermordung ihren Alltag prägen. Folge ist, dass Henriqueta Cavalcante seit einigen Monaten tagtäglich Polizeischutz erhält.
BN-Redakteur Günther Schulz konnte Henriqueta Cavalcante im Mai einige Tage lang begleiten. Ihm erzählte sie bei seinem Besuch, wie es zu den Morddrohungen, die auch an den Bischof Dom José Aranca gerichtet sind, kam:
„2009 wurde ein Untersuchungsausschuss aufgrund meiner Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs an Kindern in Marajó eingerichtet. Dies schreckte die organisierte Kriminalität in unserem Bundesstaat Pará auf, seither habe ich keine Ruhe mehr.
Hinzu kommt, dass ich Politiker der Korruption überführte. Dies sorgte dafür, dass ich seit Mitte 2011 selbst Teil des Schutzprogramms „Programas de Proteções“ bin – täglich begleitet mich eine Polizistin. Insgesamt sind drei Polizistinnen für mich zuständig, sie wechseln sich wöchentlich ab.
Informationen erhalte ich von den Betroffenen selbst – es gibt immer Opfer, die mich aufsuchen und informieren. Eine weitere Möglichkeit sind neben den direkten Kontakten Telefonanrufe, die mich erreichen. Ich bin inzwischen in Brasilien ziemlich bekannt, es gibt sogar Menschen, die bis hierher nach Belém reisen, um mir ihre Anklagen direkt vorzutragen. Die Menschen bringen uns als Kirchenleute Vertrauen entgegen.
Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Bundesstaat Pará, in Marajó. 35% der Menschen sind hier noch Analphabeten. Sie leben in großem Elend und kriminelle Kreise machen sich dieses Elend zunutze.
Zwar gibt es heute in allen Munizipien eine Anlaufstelle bei sexuellem Missbrauch - „conselho tutelar“. Allerdings sind leider allzu viele dieser „Ratgeber“ ebenfalls in Pädophilie verwickelt und somit keine echten Ansprechpartner. Auch weite Kreise der Polizei sind korrupt, lassen sich bestechen und unternehmen dann nichts. Letztlich bleiben die Opfer ausgeliefert, nur einige finden dann den Weg zu uns.“
Ihre Arbeit umschreibt sie mit folgenden Schwerpunkten: Aufdeckung und Bekanntmachung der sexuellen Ausbeutung der Kinder, Nachweis der Korruption, Schaffung eines Bewusstseins, damit die Menschen erkennen, welche Politiker es ehrlich meinen, und Einsatz für die Verwirklichung der Menschenrechte.
Henriqueta Cavalcante greift auch direkt ein: Im Oktober 2011 nahm sie bei sich drei missbrauchte Kinder auf, bis eine entsprechende Unterkunft gefunden war. Zurück in ihr Elternhaus konnten sie nicht mehr, Henriqueta ist überzeugt, dass sie umgebracht werden würden, dies sei die Realität. Sie geht sogar so weit, dass sie von einem „Bundesland ohne Gesetz“ –„Estado sem lei“ spricht. Straflosigkeit sei weitverbreitet, die Einflussmöglichkeiten der Bundesregierung seien gering, diese mache allerdings auch nicht einmal einen Versuch.
Polizeischutz notwendig
Es erstaunt nicht, dass Henriqueta Cavalcante angesichts ihres furchtlosen Auftretens bedroht wird und augenblicklich nur noch mit Polizeischutz unterwegs sein kann. Diese in Brasilien bereits mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnete engagierte Frau erfährt wohl derzeit vor allem deshalb Polizeischutz, da ein Mord an einer Schwester der Weltöffentlichkeit zeigen würde, dass sich seit der Ermordung der US-amerikanischen Ordensschwester Dorothy Stang nichts geändert hat.
Auf die Frage, ob sich die Situation in den letzten Jahren verbessert habe, verneint sie energisch, das Gegenteil sei der Fall. „Die Lage verschlimmert sich ständig, die Korruption nimmt zu und die soziale Ungleichheit wächst.“ Daran änderten auch Sozialprogramme wie „bolsa famila“ nichts. Es fehle an einer Politik, die Arbeitsplätze schafft, Zukunftsperspektiven aufzeigt und den Kindern Rechte garantiert.
Angesprochen auf das derzeitige Großprojekt Belo Monte, ist sie mit vielen anderen Kritikern dieses Wasserkraftwerkes der Meinung, dass dieses Projekt für Amazonien keinen Fortschritt bringe: „Das Projekt Belo Monte ist ein Projekt der Zerstörung. Die einheimische Bevölkerung leidet darunter, die Migration nimmt unglaubliche Ausmaße an. Altamira platzt aus allen Nähten. Die Kinderprostitution, der Menschenhandel, Drogen, Waffenhandel, Zerstörung der Umwelt haben zugenommen. Unvorhergesehene Konsequenzen werden eintreten, das ganze Universum wird unter Belo Monte und den weiteren geplanten Projekten leiden.“
Unterstützung der Protestbewegung aber auch ihrer Arbeit von außen hält Henriqueta für sehr bedeutend: „Ihr (Anm: die Brasilieninitiative Freiburg e.V.) habt bereits eine Möglichkeit gefunden: Mit den Brasilien Nachrichten zeigt Ihr die Fragwürdigkeit solcher Projekte auf, weist auf unsere Arbeit hin. Ihr könnt weiter helfen, auch die fehlende Strafverfolgung anzuprangern. In Brasilien selbst finden wir kaum Gehör. Das Engagement von außen ist notwendig: Wendet euch an die brasilianische Regierung, zeigt, dass es in Pará keine Strafverfolgung gibt, dass derjenige, der Geld hat, in der Regel straffrei ausgeht.“
Während meines Aufenthalts bei ihr ist der Druck, der auf ihr lastet, ständig spürbar. Blättert man im Archiv ihres Büros, kommen die furchtbarsten Fälle von Missbrauch und Menschenhandel zum Vorschein. Sich hiermit tagtäglich zu beschäftigen, ist eine - auch psychische - Belastung, die kaum zu ertragen ist.
Henriqueta ist überzeugt, dass ihr Telefon abgehört wird, leidet unter der ständigen Begleitung durch eine Polizistin, die zu ihrer Sicherheit abgestellt ist. Henriqueta zeigt im Gespräch, dass auch sie die Situation schwer erträgt, trotzdem ist sie von ihrer Mission überzeugt. Der Druck, die Drohungen zeigen  Wirkung. Wie lange sie diese Arbeit noch aushält, bleibt offen. Dennoch braucht es Menschen wie sie, die sich in Brasilien für die Realisierung der Menschenrechte einsetzen.
Henriqueta Cavalcantes Arbeit verzeichnet trotzt allem immer wieder kleine Erfolge: Vor kurzem gelang es, mehrere Mädchen, zwischen elf und siebzehn Jahre alt, aus einer Art Pousada (Anm: kleine Pension) zu befreien.

Belo Monte: seit Baubeginn steigt die Prostitution an

Jede Woche kommen neue Mädchen aus verschiedensten Teilen des Landes , in der Regel um die 20 Jahre alt, in Altamira an. Sie wollen die Gelegenheit der Ankunft tausender neuer Arbeiter nutzen. Schätzungen der Stadtverwaltung gehen davon aus, dass die ursprünglich knapp 100.000 Einwohner große Stadt inzwischen auf 145.000 Menschen angewachsen ist. 2013, ab dem Jahr, in welchem voraussichtlich die Arbeiten in vollem Gange sind, erhöht sich allein die Zahl der Arbeiter auf 23.000.
Viele von ihnen suchen ein schnelles Vergnügen in Etablissements wie „Amoricana“, das älteste Haus am Platz. Julia, 23, kam kürzlich aus Santarém, eine Freundin hatte ihr gesagt, dass sie umgerechnet fast 2000 € verdienen könne. Die meisten Mädchen, die als Prostituierte arbeiten, kommen wie sie von außerhalb und hoffen, dem Elend daheim entfliehen zu können.
„Die Männer suchen nicht nur schnellen Sex. Viele zahlen auch um mit jemandem sprechen zu können“, so Kelly, 22. Lia, schon länger im Geschäft: „Mein erster Eindruck war, dass es hier genau so zugeht wie in einem Garimpo (Anm.: Goldsuchercamp), viele Männer, die hier sind um zu arbeiten, suchen in der kurzen Freizeit ein schnelles und leichtes Vergnügen.“
Die Präfektur von Altamira sieht sich inzwischen genötigt, Aktionen durchzuführen, um auf die Gefahren von AIDS aufmerksam zu machen.

Tráfico Humano - Menschenhandel

Am spektakulärsten sind sicherlich die Fälle von Zwangsprostitution, d.h. junge Frauen werden mit falschen Versprechungen und der Aussicht auf ein besseres Leben nach Europa gebracht und sodann zur Prostitution gezwungen. Eine der Hauptrouten im Bundesstaat Pará betrifft die Städte Macapá und Oiapoque in Amapá. Hier erfolgt die „letzte Auswahl“, bevor der Transfer über Surinam und Cayenne nach Europa stattfindet.
Henriqueta Cavalcante klagte im Juni 2012 vor einem Untersuchungsausschuss in Belém, der im März 2011 zum Thema Menschenhandel eingerichtet worden war, die Machenschaften in Oiapoque an und forderte ein schnelles Eingreifen. Anschaulich berichtete sie von ihrem Aufenthalt und von Gesprächen mit jungen Frauen, die ihr mitteilten, dass man ihnen die Pässe abgenommen habe und sie sich somit in völliger Abhängigkeit befänden. Sie müssten sich als Prostituierte verdingen, die örtlichen Behörden, darunter auch die Polizei, schauen dem Treiben zu bzw. beteiligen sich daran.
Eine andere Art Menschenhandel macht in Brasilien derzeit von sich reden. Verstärkt tauchen in den letzten Jahren selbst ernannte „Scouts“ im armen Nordosten auf und nehmen Jugendliche unter dem Vorwand mit, sie zum Fußballstar aufbauen zu wollen. Einige tausend Kilometer weit entfernt, im Süden des Landes, finden sie sich in einfachsten Unterkünften wieder. Die Eltern der Kinder müssen in der Regel monatlich einen finanziellen Beitrag leisten, manche verschulden sich, glauben an die Versprechungen. Die Internationale Arbeitsorganisation OIT sieht darin die Verletzung grundlegender Rechte von Kindern: „Die große Mehrheit muss nach einer bestimmten Zeit wieder zurück in eine harte Realität, ohne jegliche Hilfestellung. Psychologische und soziale Frustrationen sind die Folge und beeinflussen die Entwicklung der Jugendlichen negativ.“

Ausgabe 145/2012