Alternatives Wirtschaften Modell für die Zukunft

politik alternativ wirtschaClarita Müller-Plantenberg

Anfang September fand in Berlin erneut ein Kongress über Solidarische Ökonomie statt, SOLIKON genannt. Im Vorfeld gab es ein Wandelwochenprogramm. Dies umfasste verschiedene Touren zu über 50 Beispielen Solidarischer Ökonomie und verwandter Ansätze. Auch SOLIKON-Gäste aus Brasilien machten sich gleich nach ihrer Ankunft zu einer Wandelwochentour auf. Hierbei fiel Rosangela Alves de Oliveira, Soziologieprofessorin in Rio Grande do Norte,  auf, dass gegenüber früher der Organisationsprozess in Deutschland stagniere. In Brasilien hingegen habe man erreicht, sich seit Anfang des Jahrtausends in mehreren regionalen und im Nationalen Forum der Solidarischen Ökonomie zu organisieren.  Nach diesem Organisationsprozess sei man dann in der Lage gewesen, politische Rahmenbedingungen einzufordern. So gibt es inzwischen ein Nationales Sekretariat für Solidarische Ökonomie im Arbeitsministerium. Sie verstehe nicht, warum die vielen Initiativen und Netzwerke hier sich nicht auch gezielt zusammenschließen, um als wesentliche politische Kraft wahrgenommen zu werden.
SOLIKON – drei Veranstalter – 60 Kooperationspartner
Genau dies war nach der Wandelwoche die Motivation für den Regionaltag zum Auftakt des SOLIKON.  Regionale Interessen wurden von Frank Wesemann, Gärtner einer brandenburgischen Solidarischen Landwirtschaft, und von Elisabeth Voß vom Berliner Netz für Selbstverwaltung und Selbstorganisation im Regionalforum des SOLIKON diskutiert. Rosangela Alves de Oliveira – Mitbegründerin des Brasilianischen Forums für Solidarische Ökonomie – schilderte, wie sie zunächst regional begonnen hat, solidarische Wirtschaftsunternehmen bei der Caritas aufzubauen, und dann in der Arbeiterpartei für eine Organisation von Foren solidarischer Ökonomie eintrat. Diese hätten dann in demokratischer Weise den Bürgerinteressen Gehör gegenüber staatlichen Vertretern verschafft. Sie berichtete, wie solidarische Wirtschaftsunternehmen in Brasilien Foren mit ihren kirchlichen und universitären Unterstützern erst auf regionaler und dann auf nationaler Ebene aufgebaut hätten. Mitglieder des Vereins zur Förderung der Solidarischen Ökonomie e.V., die den „Atlas der Solidarischen Ökonomie Nordhessens“ zusammengestellt hatten, gingen dazu über, Treffen solidarischer Wirtschaftsunternehmen vor Ort zu organisieren. Sie waren fasziniert, dass die in der Region vorhandenen solidarischen Wirtschaftsunternehmen zwar nach den gleichen Prinzipien arbeiteten, sich jedoch in der Regel nicht kannten. Der dynamische Erfahrungsaustausch in dem „Regionalen Forum“ löste Synergien aus. Die Erfahrungen regionaler Vernetzung solidarischer Ökonomie wurden für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Regionalforums zum Lehrstück auf dem Weg zu regionaler Interessenvertretung von Gruppen und Gemeinschaften mit nicht kapitalistischen Wirtschaftsweisen. In der Regel sind sie durch dieselben Prinzipien gekennzeichnet: Demokratie durch Selbstverwaltung, Kooperation unserer solida­rischen Wirtschaftsunternehmen nach innen und außen, Gemeinwohlorientierung und ökologisches Bewusstsein. Diese Prinzipien bestimmen solidarisches Leben und Arbeiten, Produzieren, Vermark­ten, Finanzieren, Konsumieren. In diesen Prinzipien liegt die Stärke solidarischen Wirtschaftens.
Alternatives Wirtschaften und Leben wurde während der Wandelwoche sichtbar – es verwandelte unsere Sicht auf unsere Stadt und Region. Wie in einer großen Volksuniversität berichteten die Akteure der Wirtschaftsalternativen von ihrem Alltag, ihren Zielen, ihren Kooperationen und Perspektiven der Transformation. Das chinesische Sprichwort „Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen“ bewahrheitete sich: In der Wandelwoche fügten sich die Lichter zusammen und erleuchteten den Weg. Das Interesse war groß und existenziell, die Kooperationen vervielfältigten sich, gingen gestärkt aus diesem Austausch von Erlebnissen hervor. Auf dem Abschlusspodium betonte Sven Giegold, eines der Mitglieder der ersten Stunde in dieser Bewegung, dass es regionale Foren Solidarischer Ökonomie seien, die unsere Bewegung zu einer nicht mehr überhörbaren Stimme machen könnten.
Wir können vom Globalen Süden lernen.
Am Beispiel Brasiliens hörten wir auf einem Podium und in vertiefenden Foren, wie dort das Wirtschaften wieder in die Gesellschaft verlagert wird, d.h. in ihrem Interesse geschieht. Wir ließen uns sagen, dass solidarische Wirtschaftsunternehmen sich ihre Bündnispartner in den gesellschaftlichen Einrichtungen suchen können bzw. müssen. So bekamen sie beim Aufbau ihrer solidarischen Unternehmen, Netzwerke, Ketten und lokalen Ökonomien Unterstützung von der Caritas, von den Universitäten, auch von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften. Dass die aus sozialen Bewegungen von Landlosen, Wohnungssuchenden und Arbeitslosen entstandenen Unternehmen diese Unterstützung brauchten, um zu einer politischen Kraft zu werden, wurde deutlich. So gestärkt seien sie dann mit den staatlichen Vertretern ihrer Munizipien, Bundesstaaten und nationalen Ministerien in einen Austausch gekommen. Auf diese Art und Weise hätten sie politische Rahmenbedingungen schaffen können.
Die Bewegung der Solidarischen Ökonomie forderte bei Machtantritt des Präsidenten Inácio Lula da Silva ein nationales Sekretariat für Solidarische Ökonomie, das 2003 im Arbeitsministerium eingerichtet wurde. Nach 12- jähriger Arbeit hat es bereits mit 22 anderen Ministerien Verträge über die Zusammenarbeit mit der Solidarischen Ökonomie geschlossen, wie uns der Nationale Sekretär für Solidarische Ökonomie, Paul Singer, berichtete. Dieses Sekretariat ist auch aktiv in Kooperation mit den Mitgliedern des Netzwerks öffentlicher Förderer Solidarischer Ökonomie (rede de gestores públicos). In ihm sind die Bürgermeister, Verwalter von Landkreisen und bundesstaatliche Gouverneure zusammengeschlossen, die erkannt haben, dass die Förderung Solidarischer Ökonomie ihren Gesellschaften hilft. In Brasilien gibt es um die 20 000 – 30 000 solidarische Wirtschaftsunternehmen. Sie machen ca. 3% des BIP aus und beschäftigen ungefähr 3 Mio. Personen. Wie Flávio Chedid berichtete, unterstützen Universitäten Belegschaften dabei, ihre insolventen Unternehmen zu übernehmen. Dies geschieht durch Bildungsprogramme und durch die Bereitstellung von öffentlichen Zentren. In diesen „Soli-Zentren“ kann dann sowohl Bildungsarbeit für den Aufbau der Solidarischen Ökonomie als auch der Verkauf der Produkte aus der Solidarischen Ökonomie stattfinden. Dies half den beteiligten Städten und Bundesstaaten, unter der letzten Regierung die Arbeitslosigkeit zu senken. Weiterhin kann die Solidarische Ökonomie erneut durch ihre Politik der neu entstehenden Arbeitslosigkeit (auf Grund des neuen Sparpakets der Regierung Rousseff) und der Kriminalität entgegenwirken.

Bewegungen und Netzwerke aus Südeuropa

Auf dem Forum stellten sich auch griechische, spanische und portugiesische solidarische Initiativen und Netzwerke aus der Stadt und vom Land vor (Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Krisennothilfe und Bildung/Kultur). Geplant wird nun die Vernetzung mit hiesigen Initiativen der Solidarischen Ökonomie.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise im Süden Europas konzentrierte sich das anschließende Podium insbesondere auf die Frage der Resilienz solidarökonomischer Ansätze in Bezug auf die Abhängigkeit von den jeweiligen politischen Rahmenbedingungen. Gorka Pinillos von der „Cooperativa Integral Catalana“ erläuterte die basisdemokratische Selbstverwaltungs-Strategie seiner Genossenschaft als einzig gangbare unabhängige Vorgehensweise, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zuverlässig befriedigen zu können. Eindrucksvoll war die Präsentation von Georgia Bekridaki von Solidarity for All, dem Netzwerk der unzähligen Initiativen im Gesundheits-, Bildungs- und Ernährungssektor Griechenlands mit der Betonung auf dem demokratischen Charakter der Initiativen und ihrer Kooperation untereinander.
Hier und beim Abschlusspodium plädierte sie dafür, den gemeinsamen Nenner der solidarischen Initiativen und Wirtschaftsunternehmen in Europa zu benennen. Es ist der Kampf gegen TTIP und die Politik der Troika (Referendum in Griechenland), die zuverlässige Verbreitung von Informationen über die griechische Situation an den Kontaktpunkten in ganz Europa und der Aufbau eigener Vermarktungswege. Sie betonte, die Wahrnehmung von Europa als einem Kontinent in der Krise sei nicht nur in Südeuropa von Bedeutung, sondern es sei entscheidend, dass diese Sichtweise allen Staatsbürgern bewusst werde: „Wir müssen die Krise nutzen, um Europa in unserer eigenen Weise wieder aufzubauen!“ Sven Giegold plädierte anschließend für die Herausbildung regionaler Foren und den Aufbau einer starken transeuropäischen Bewegung für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Thomas Brose, Leiter des Klima-Bündnisses europäischer Städte, unterstrich, dass die Transformation nicht einfach eine Option, sondern vielmehr eine Notwendigkeit sei, da sich die bestehenden Lösungen für den Erhalt der Erdatmosphäre als untauglich erwiesen hätten. Erfahrungsaustausch über schon bestehende Solidarische Ökonomie und Vernetzung sei der Weg ebenso wie die Kontinente übergreifenden gesellschaftlichen Bündnisse, um den anstehenden Herausforderungen begegnen zu können.

Mehr zur SOLIKON: www.solikon2015.org. Und wer mehr Austausch über die Solidarische Ökonomie und verwandte Formen alternativen Wirtschaftens möchte, trage sich auf die offene Info- und Diskussionsliste ein. Sie liefert Artikel, Veranstaltungstipps und mehr.

Ausgabe 152/2015