Die Olympischen Spiele in den Augen eines Strandtuch-Verkäufers

Wolfgang Kunath, Rio de Janeiro

„Es gibt ja Sportarten“, sagt Amaro de Lira mit spöttischem Unterton, „von denen wir gar nicht gewusst haben, dass es sie gibt!“. Der 61jährige gehört sozusagen zum lebenden Inventar von Copacabana, weil er dort seit vierzig Jahren als Straßenhändler tätig ist. Seine Ironie zielt auf ein grundsätzliches Problem, dass die Brasilianer mit den Olympischen Spielen haben: Sie interessieren sich einfach nicht groß dafür. Sie haben jetzt, kurz vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro, ganz andere Sorgen.


Amaro, der mit einem Ballen Strandtücher unterwegs ist, war auch am 2. Oktober 2009 am Strand von Copacabana. Da war die Stimmung eine ganz andere: Zehntausende fielen sich schreiend, manche weinend in die Arme, als auf den Riesenleinwänden zu sehen war, welche Stadt das Internationale Olympische Komitee als Austragungsort der Spiel 2016 ausgewählt hatte: Rio de Janeiro. „Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig!“, jubelte der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva – und heute?
Heute hat Brasilien tatsächlich andere Sorgen. „Das ist doch klar, dass diese Spiele die Leute ziemlich kalt lassen“, sagt Amaro, „zehn Millionen sind ohne Arbeit, die Inflation ist hoch, niemand hat Geld, es gibt keine Hoffnung, Diebstahl an jeder Ecke, Unmoral greift um sich. Das alles hat diese politische Krise erzeugt“. Die mündet in das Amtsenthebungsverfahren von Präsidentin Dilma Rousseff. Als sei das alles noch nicht übel genug, wagt Amaro noch einen Blick in die Zukunft: „Warten Sie mal die Olympiade ab – 80 oder 90 Prozent der Brasilianer sind doch überzeugt, dass danach noch jede Menge Korruptionsvorwürfe auf den Tisch kommen!“
Es ist schon paradox: Nachdem 2014 ein hoher IOC-Mann gejammert hatte, so eine miese Olympia-Vorbereitung wie in Rio habe er noch nie gesehen, kriegten die Brasilianer geradezu vorbildlich die Kurve. Anders als die Fußballstadien der Weltmeisterschaft 2014 wurden die Bauten zügig fertig, ohne dass es zu größeren Verzögerungen oder groben Überschreitungen des Kostenrahmens gekommen wäre.
Negativ-Nachrichten wie die verdreckte Bucht vor Rio, die 2009 für die Segler noch vorbildlich gereinigt werden sollte, saßen die Verantwortlichen erfolgreich aus. Als in Athen die olympische Fackel entzündet wurde, lobte IOC-Chef Thomas Bach tapfer – immerhin sei die Bucht zu 60 Prozent sauber. Zika ist fast vergessen. Von der mitunter rabiaten Räumung einer dem Olympia-Projekt im Wege stehenden Kleine-Leute-Siedlung ist ebenso wenig die Rede wie von der olympischen Bodenspekulation. Dass die Spiele vor allem das Reichenviertel Barra begünstigen, während die Habenichtse nicht viel abkriegen, erregt, vermutlich weil es ja immer schon so war in Brasilien, auch niemanden groß.
Also könnte sich nun, kurz vor Beginn des Sportevents, eine gewisse Vorfreude einstellen. Aber davon ist ganz und gar nichts zu spüren, so sehr die Verantwortlichen in ihren Sonntagsreden auch den Enthusiasmus herbeizureden versuchen. Selbst der Kartenvorverkauf ist mau. „Das Impeachment und allgemein die zugespitzte politische Lage überlagert alles“, erklärt sich Marco Santoro die Olympia-Lustlosigkeit, Dozent am Fachbereich Sport der Landesuniversität Rio de Janeiro.
Die Identität Brasiliens verändert sich gerade: „Nachdem in den letzten Jahren das alte Image vom lebensfrohen Brasiliens mit Fußball, Strand und schönen Mulattinnen einem etwas ernsthafteren Selbstbild gewichen ist, scheinen wir jetzt die Herzlichkeit zu verlieren.Die politische Polarisierung bringt richtigen Hass zutage“, meint Santoro. Ob das Impeachment ein Putsch sei oder nicht, werde so erbittert debattiert, dass an den Stammtischen sogar das Thema Fußball in den Hintergrund getreten sei.
„Olympia wird absolut ignoriert. Die Brasilianer konzentrieren sich auf die Krise“, denkt ebenfalls auch der deutsche Sportsoziologe Martin Curi, der seit 2002 in Rio lebt. Brasilien habe den Wendepunkt 2013 mit den riesigen Demonstrationen erlebt, die die gewaltigen Ausgaben für die Mega-Events in Verhältnis zum allgemeinen Lebensstandard setzten. Der hat sich, genau wie Strandtuch-Verkäufer Amaro sagt, seitdem nur verschlechtert.
„Sieben zu eins. Das ist die Metapher für alles Negative in Brasilien geworden“, sagt Curi in Anspielung an das WM-Spiel Deutschland-Brasilien. Endlich sind wir nicht mehr zweitklassig – das freudige Überlegenheitsgefühl, das Präsident Lula damals zum Ausdruck brachte, ist gut sechs Jahre später einer tiefen Verzagtheit gewichen.
Nun ist selbst ein banaler Radweg, der gerade erst zur vorolympischen Aufhübschung gebaut worden war, von einer Ozeanwelle zum Einsturz gebracht worden. Ricardo Freitag, Professor für Kommunikation an der Landesuniversität Rio, meint, der Einsturz des Radweges mache der Bevölkerung klar, dass die Logik des City-Marketings, die dieses Mega-Event als Hebel für die Stadtentwicklung anpreist“, nichts als Schwindel sei: „Die Leute fragen sich: das soll eine Olympiastadt sein?“  
Jenseits der aktuellen Gründe für die Olympia-Unlust Brasiliens gibt es noch einen grundsätzlichen: Allein der Fußball entzündet die nationalen Leidenschaften, nicht Leichtathletik oder was sonst noch bei Olympia vorkommt. Der brasilianische Anthropologe Roberto DaMatta vergleicht Olympia mit Autorennen: „Es muss immer schneller sein. Es geht nur darum, ins Buch der Rekorde zu kommen“, sagt er gezielt provokant, „Fußball sei doch ein viel komplexeres Phänomen.“ Da dürften ihm viele seiner Landsleute zustimmen.
„Monokultur bleibt Monokultur“, sagt Santoro im Hinblick auf die Dominanz des Fußballs. Der Versuch, durch Olympia andere Sportarten populär zu machen, sei gescheitert: „Wer interessiert sich denn für Fechten? Für Boxen? Für Rugby?“, fragt er. „Die Regierung wollte ja solche Nischensportarten fördern, aber dafür gibt es kein Geld mehr.“
Unter den zehn besten zu sein und 27 bis 30 Medaillen zu holen, das hat Sportminister Ricardo Leyser kürzlich als Parole für Rio 2016 ausgegeben. Das wäre, selbst wenn Brasilien in besserer Verfassung wäre, schon ein ehrgeiziges Ziel; zurzeit erscheint es allerdings unmöglich. Unter den ersten zehn waren die Brasilianer noch nie und mehr als 17 Medaillen haben sie nie geholt. Also wird es wohl sportlich nicht so sehr viel zu jubeln geben.
„Eigentlich ist die Olympiade gar nicht für die Brasilianer“, so lautet die nüchterne Schlussfolgerung von Strandtuch-Verkäufer Amaro, „so gesehen machen wir sie nur für die anderen“.

Wolfgang Kunath ist Lateinamerika-Korrespondent, lebt seit 2002 in Rio de Janeiro.

Ausgabe 153/2016