Morddrohungen gegen Fischer

politik drohungWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Als Alexandre Anderson de Souza kurz nach Mitternacht vom Fischen zurückkam, warnten ihn seine Kollegen noch; die Lage sei brenzlig. Aber das half nichts mehr: „Sie schossen aus dem Dunklen auf mich, ich hab‘ die Kugeln an meinem Kopf vorbeipfeifen hören.“ Er sah noch zwei Männer im Dunklen verschwinden - die Schüsse kamen vom Werksgelände einer Firma, die die Ölanlagen in die Bucht von Guanabara baut. Alexandre und seine Kollegen hielten die Pontons, an denen die Schiffe Öl und Gas der nahen Raffinerie laden sollten, damals 38 Tage lang besetzt, weil sie ihre Fischgründe zu vernichten drohten. Als Alexandre am nächsten Morgen zur Polizei ging, wollte der Diensthabende die Anzeige erst nicht annehmen, als er hörte, dass die Schüsse  vom Werksgelände gekommen waren.


Das ist nun sechs Jahre her. Seitdem sind fünf Fischer ermordet worden oder verschwunden, und Alexandre, 44, der Präsident der Fischer-Vereinigung Ahomar, kann sich nicht mehr nach Praia de Mauá, einem Ortsteil der Großstadt Magé, wagen, wo Ahomar ihren mittlerweile geschlossenen Sitz hat. Mit sechs Familienmitgliedern lebt er, finanziert durch ein Schutzprogramm der Regierung in Brasília, in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Rio. Es ist die 16. Bleibe der Familie, seitdem sie im November 2012 Hals über Kopf Magé verlassen musste. „In meinem eigenen Land lebe ich im politischen Exil“, sagt er.
Die Bucht von Guanabara ist etwa 380 Quadratkilometer groß. Die Portugiesen, die sie am 1. Januar 1502 entdeckten, hielten sie für die Mündung eines Stromes. Ein Irrtum, der der später hier gegründeten Stadt bis heute ihren Namen gibt: Rio de Janeiro, der Januar-Fluss. Das Gespräch mit Alexandre findet im Büro der Menschenrechtsorganisation „Justiça Global“ statt, das als einzigen Luxus seinen betörenden Ausblick hat: Es sind der Zuckerhut und davor das tintenblaue Wasser der Bucht mit den ein- und ausfahrenden Schiffen.
Der Teil der Bucht, in der Alexandre zu Hause war, ist auf keiner Postkarte abgebildet. Eine Stunde Fahrt über Autobahnen durch graue Vorstädte, vorbei am übelriechenden, müllübersäten Brackwassern der Meeresbucht, und dann biegt man nach Praia de Mauá ab. Alexandres Schwester Andréia, die wegen der kranken Mutter geblieben ist, macht die Fremdenführerin. Das Werksgelände, von dem aus damals die Schüsse fielen, ist heute freies Feld, nachdem Ahomar die Firma wegen der nicht erfüllten Umweltauflagen verklagt hat.
Es sieht alles so friedlich aus: In der Ferne verschwimmen die Öl- und Gas-Pontons im Sonnenglast, buntgestrichene Fischerboote liegen bewegungslos im stillen Wasser, unter einem schattigen Baum sitzen ein paar alte Herren beim Bierchen zusammen. Nebenan steht Brasiliens ältester Bahnhof: Kaiser Pedro kam von Rio aus mit dem Schiff und stieg hier in seine, die erste Eisenbahn Brasiliens um und fuhr in die Berge nach Petrópolis, seine Sommerresidenz. Außer zwei-, dreihundert Meter Schienen und den Resten einer von „Saxby & Farmer Ltd“ in London-Chippenham gelieferten Weiche ist nicht mehr viel übrig davon.
Auf den zweiten Blick ist es nicht mehr idyllisch. Am Strand liegen jede Menge tote Fische, immer von der gleichen Sorte. Neben dem verrammelten Sitz von Ahomar, nicht größer als eine Garage, fließt ein ölig schwarzer Zufluss in die Bucht. Wo die einfachen Häuser des Ortes aufhören, liegt das Werksgelände der Firma, die heute die Leitungen baut: Rohre über Rohre, zur Montage bereitliegend. Weiter will Andréia nicht fahren: „Da hinten beginnt das freie Feld, da ist es nicht mehr sicher!“ Und warum? „Weil sich dort die zwei Drogenbanden gegenseitig das Terrain streitig machen, und die Miliz hängt auch mit drin.“  
Hier, auf ihrer der Öffnung zum Atlantik abgewandten Seite, ist die Bucht seicht, und ursprünglich war sie von riesigen Mangrovenwäldern bestanden. Aber das hat sich geändert. Magé hat heute fast 300.000 Einwohner. Vor dem Jahr 2000, sagt Alexandre, standen am Nordrand der Bucht eine Raffinerie und zwei Öl-Terminals, heute sind es drei Raffinerien, vier Terminals, drei Piers. Und zu jedem führen Rohrleitungen, die den Fischern die Arbeit vergällen.
Aus dem geborstenen Rohr einer Anlage des staatlichen Ölkonzerns Petrobras flossen vor 15 Jahren 1,3 Millionen Liter Öl in die Bucht, Alexandre zufolge sogar drei Millionen. Die Fischer haben bis heute keinen Pfennig Entschädigung erhalten. „Davor hat man am Tag hundert, hundertfünfzig Kilo gefangen“, beschreibt der Chef von Ahomar die Veränderung, „heute hast du Glück, wenn du zwanzig im Netz hast.“ Hunderte, womöglich bis zu 500  Schiffen sind heute im Dienst von Petrobras ständig in der Bucht unterwegs, schätzt Alexandre – und Fischereizonen habe der Staat bis heute nicht ausgewiesen.  
Ahomar entstand erst sieben Jahre nach der Katastrophe. Aber die Erinnerung daran hält den Kampf am Leben. Und Alexandre ist trotz seiner Flüchtlingsexistenz ganz zufrieden mit den Erfolgen. „Wir arbeiten jetzt eben an den  anderen 28 Fischer-Stränden der Bucht – überall bis auf Magé“, antwortet er auf die Frage, ob sie den Kampf in Wahrheit nicht verloren hätten, „und wir haben über die Gerichte vier große Vorhaben von Petrobras verhindern können!“
Das Allergrößte steht womöglich auf der Kippe. Auf 45 Quadratkilometern nordöstlich der Bucht entsteht seit 2006 der größte petrochemische Komplex Südamerikas, dessen Bau über 200.000 Menschen beschäftigen sollte. So hieß es jedenfalls damals, und Alexandre bezeichnet den Komplex immer noch als unheilvollen „Drachen“. Aber durch niedrige Ölpreise und einen epochalen Korruptionsskandal steckt Petrobras tief in der Krise. Was aus dem noch nicht fertiggestellten Projekt, dessen Kosten sich seit 2006 mehr als verdoppelt haben, einmal wird, ist ungewiss. Jedenfalls wird Comperj kräftig reduziert. „Ich hab‘ geweint vor Freude, als all die Schweinereien bei Petrobras an den Tag kamen“, sagt Alexandre.
2009, drei Wochen nach dem nächtlichen Anschlag, wurde der Ahomar-Kassenwart Paulo Cézar dos Santos ermordet: Drei Männer tauchten nachts bei ihm zu Hause auf, verprügelten ihn und schossen ihm dann fünfmal ins Gesicht, alles vor seiner Frau und den Kindern. „Ich hab‘ die Schüsse gehört, er wohnte nicht weit weg von mir“, sagt Alexandre. Abgegeben wurden sie aus einer Waffe, wie sie normalerweise nur die Sicherheitskräfte haben.
Alexandre wurde dann in das Programm zum Schutz von Menschenrechtsaktivisten aufgenommen, das die Regierung in Brasília 2004 geschaffen hatte. „Ob ich zum Bäcker ging oder in die Kirche, immer hatte ich zwei bewaffnete Leibwächter an meiner Seite“, erinnert er sich. Aber sicher fühlte er sich nur bedingt. Denn die Leibwächter waren Polizisten – und Polizisten sind klassischerweise die Angehörigen der Milizen. In Magé heißt die Miliz „Blaues Kommando“. Die Mitglieder von Ahomar sind felsenfest davon überzeugt, dass zumindest die Vertragsfirmen von Petrobras Milizionäre anheuern - wenn es schon der Konzern nicht selbst ist - um lästige Störfaktoren auszuschalten. Alles das allerdings bestreiten die Firmen.  
Vier weitere Fischer wurden in der Zeit danach noch umgebracht oder sie verschwanden. Im November 2012 hatte sich die Lage so zugespitzt, dass Alexandre und seine ebenfalls bedrohte Frau Hals über Kopf nach Brasília zitiert wurden, wo ihnen die Verantwortlichen des Schutzprogramms eröffneten, dass sie aus Magé verschwinden müssten.
Alexandre geht heute, wie viele seiner Kollegen, so weit zu unterstellen, dass er nicht in erster Linie wegen seiner persönlichen Sicherheit aus Magé abgezogen wurde, sondern dass da die Politik dahintersteckt: Schließlich leisteten die Fischer gegen ein Prestige-Projekt der Regierung Widerstand. „Es ist ja ziemlich widersprüchlich“, sagt er, „der Staat, dessen Großprojekte ich bekämpfe, schützt mich zugleich.“
Sandra Carvalho, die Direktorin der Menschenrechts-Organisation Justiça Global, hält das Programm für „zu dürftig“. Die Leibwächter seien nicht vertrauenswürdig gewesen. Außerdem habe das Programm ja den Sinn, nicht nur die Person zu schützen, sondern auch ihre Arbeit für die Menschenrechte zu gewährleisten, und genau dieses Ziel sei im Fall Alexandre  nicht erreicht. Generell hapere es an der Koordination: Das Programm ist bei der Bundesregierung angesiedelt, aber die öffentliche Sicherheit ist Ländersache, und das Land Rio habe „das Programm nie richtig umgesetzt“. Immerhin: Auf der ganzen Welt haben sich Gruppen von Amnesty International über Alexandres Schicksal besorgt gezeigt und vermutlich tausende von Briefen an die politisch Verantwortlichen geschrieben.
Das Sekretariat für Menschenrechte in Brasília, das das Programm verwaltet, teilt auf Anfrage mit, bisher seien 1164 Menschen unter seinen Schutz gestellt worden – erfolgreich, denn keiner sei ermordet worden. Alexandre Anderson habe „alle nötige Unterstützung“ bekommen, die im übrigen „durchschnittlich 7.086,25 Reais im Monat“ – 2.331 Euro – koste. Seine Aktivität als Menschenrechtsaktivist sei „in keinem Moment“ beeinträchtig worden, was sich daran zeige, dass er seinen Standpunkt „in völliger Freiheit“ auf Konferenzen und Seminaren äußern könne. „Völlig absurd“, knurrt Alexandre, „ich kann nicht nach Magé, und Ahomar ist geschlossen.“ Und im Übrigen erhalte jedes Mitglied seiner Familie zehn Reais am Tag für Essen, Kleidung und sonstige Bedürfnisse, umgerechnet 3,29 Euro.
Ein Sprecher des Sicherheitsministeriums von Rio de Janeiro erklärt auf Anfrage, die Todesfälle seien von einer auf Organisierte Kriminalität spezialisierten Polizeieinheit untersucht worden. Aber die habe keine Hinweise auf die Tätigkeit von Milizen gefunden und die Fälle daher an die Mordkommission weitergereicht; ein Täter sei verhaftet worden.
„Richtig“, sagt Alexandre, „bloß dass der kurze Zeit danach wieder freigelassen wurde.“ Bisher habe niemand für die Morde büßen müssen.

Ausgabe 151/2015