Quilombolas kämpfen um ihr Land und ihre Identität

sozi quilombolasZu den traditionell lebenenden Bevölkerungsgruppen im Cerrado gehören auch die Quilombolas. Sie sind die Nachfahren afrikanischer Sklaven, die während der portugiesischen Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt wurden. Dabei waren die nach Brasilien verkauften afrikanischen Sklaven keinesfalls unterwürfige Einzelpersonen oder Gruppen, die sich mit ihrem Sklavendasein abgefunden hatten, wie die offizielle brasilianische Geschichtsschreibung Glauben machen möchte.

Die zahlreichen durch schwarze Gruppierungen angeführten Aufstände wie die Revolte der Alfaiates (Bahia, 1798), die Balaiada (Maranhão, 1838 – 1841) oder die Revolte der Malês (Bahia, 1835), um nur einige Beispiele zu nennen, zeigen, dass sich schwarze Sklaven, seit den Anfängen der Kolonialzeit im 16. Jahrhundert, vehement gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt zur Wehr gesetzt haben. Auf das Organisationstalent der Quilombolas geht auch der größte Aufstand der brasilianischen Gesellschaft zurück:  Im berühmten Quilombo von Palmares (Alagoas, 1580 – 1695) lebten im Jahr 1670 ca. 50.000 geflohene Sklaven. Am 20. November 1695 wurde er von Regierungstruppen vernichtet. Die Quilombos entstanden während der Kolonialzeit als Widerstandsbewegung gegen die Sklavenhaltergesellschaft, bestehen aber bis in die heutige Zeit weiter.
Den Ausdruck „Quilombo“ gibt es in Brasilien offiziell seit der Kolonialzeit. Im Jahre 1740 definierte der Portugiesische Überseerat jegliche Ansiedlung mit mindestens fünf geflohenen schwarzen Sklaven, auch wenn sie nichts weiter hätten als die „Lumpen auf ihrem Leib“ als Quilombo. Diese aus der Kolonialzeit stammende Wahrnehmung ist bis heute in der brasilianischen Gesellschaft präsent und spiegelt die verschrobene und wahrheitswidrige Sichtweise der Entstehung der Quilombos wider. Mit der brasilianischen Verfassung von 1988 bekam der Terminus „Quilombo“ aber eine andere Bedeutung. Er bezeichnet heute als Quilombo jeden Landbesitz, der von Schwarzen gekauft wurde, die aus der Sklaverei entlassen worden waren,  sowie Land, das von seinen Besitzern verlassen und von ehemaligen Sklaven übernommen wurde, heilige Stätten, die von Schwarzen verwaltet werden, sowie die von Sklaven gegründeten Siedlungen , in denen deren Nachkommen heute noch leben. Diese konzeptionelle Erweiterung des Begriffs Quilombo hat zentrale Bedeutung  bei der gesetzlichen Regulierung der Landansprüche ihrer Bewohner, der Quilombolas.
Eine Reihe von Anthropologen vermutet den Ursprung des Begriffs „Quilombo“ in Afrika. Im Gebiet der heutigen Republik Kongo gab es soziopolitische und militärische Vereinigungen, die sich so nannten. Es gibt strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den afrikanischen und den brasilianischen Quilombos. Allerdings ist für die brasilianischen Quilombos konstituierend, dass sie eine Form des Widerstands von geflohenen Sklaven waren. In den Quilombos entwickelten sie eine neue Lebensform, und ihre Wehrdörfer waren zugleich Zufluchtstätten für alle Unterdrückten. Damit stellten sie auch eine andere Lebensform und politische Ordnung als der afrikanische Quilombo dar.{mospagebreak}
In Brasilien gibt es eine große Anzahl von Quilombola-Gemeinschaften. Allerdings herrscht kein Konsens darüber, wie hoch deren Zahl tatsächlich ist. Inoffizielle Daten gehen derzeit von circa 2.000 bis 3.000 Gemeinschaften aus. Offizielle Quellen des brasilianischen Außenministeriums sowie der Kulturstiftung Palmares haben 743 Quilombo-Gemeinschaften registriert, von denen 42 offiziell anerkannt sind, aber nur 29 einen tatsächlichen Landtitel haben. „Agência Brasil“ nennt die Zahl von ungefähr 3.500 Quilombola-Gemeinschaften, bei denen ein direkter Bezug zu afrikanischen Sklavenvorfahren nachzuweisen ist. Genauso wie die tatsächliche Anzahl von Quilombola-Gemeinschaften in Brasilien umstritten ist, gibt es auch keine genauen Daten darüber, wie viele es im Cerrado sind, wobei sich die Situation der dortigen Quilombolas strukturell nicht von denen in anderen ökologischen Großräumen unterscheidet. Sie kämpfen alle mit ähnlichen Problemen und Herausforderungen.
Auch wenn die Forderung der Schwarzenbewegung nach Übereignung von historischem Quilomboland an deren Nachkommen. bis in die 1970er Jahre zurückgeht, ist es erst Artikel 68 in der Verfassung von 1988 zu verdanken, dass die Landrechte der Quilombolas offiziell anerkannt wurden. Im Unterschied zu den indigenen Völkern Brasiliens, denen das Recht auf ihr Land bereits zur Kolonialzeit zugestanden wurde, geschah dies im Falle der Quilombolas also erst sehr viel später. In Artikel 68 der Verfassung heißt es: „Den Nachkommen der Gemeinschaften der Quilombos, die ihr Land noch beanspruchen, wird das Land definitiv zugesprochen, der Staat muss die entsprechenden Landtitel vergeben.“
Die Umsetzung des Verfassungsauftrags gestaltet sich allerdings schwierig und langwierig. Erst während der Regierung Lula wurde im Jahr 2003 die Eigenidentifizierung der Gemeinschaften als Quilombolas als zentrales Kriterium für die Ingangsetzung des Prozesses der Landregulierung anerkannt. Dieser Selbstbestimmungsakt ist jedoch erst der Anfang eines langwierigen Prozesses, der extrem bürokratisch und mühsam ist und viel Potenzial für Landkonflikte birgt, weil er eine Veränderung der Grundbesitzstruktur nach sich zieht. Der Kampf um Land ist die zentrale Herausforderung für die Quilombola-Gemeinschaften.
 Ihr  Kampf  hat mit der Gründung von regionalen Quilombola-Organisationen während der letzten 25 Jahre einen deutlichen Auftrieb erhalten. Dabei geht es vor allem um das Recht der Gruppen, auf und von ihren Territorien leben zu können, aber auch um das Recht auf freie Ausübung ihres Glaubens und  ihrer spirituellen Werte, wie z.B. den Candomblé oder den Batuque (traditioneller Tanz).
Viele Quilombola-Gemeinschaften sind bereits von den staatlichen Behörden „identifiziert“, d.h. als ethnisch eigenständige Gruppe anerkannt worden. Die politischen und sozialen Ereignisse und Strömungen in der brasilianischen Geschichte haben aber dazu geführt, dass viele der Quilombola-Gemeinschaften ihre eigene soziokulturelle Identität negieren und deshalb wichtige Elemente ihrer historischen Wurzeln und Kultur verloren haben. Die afrikanischen Sprachen ihrer Vorfahren werden nicht mehr gesprochen. Viele Gruppen sind nicht in die regionale Wirtschaft eingebunden. Artikel 68 der Übergangsbestimmungen der Verfassung, der ihnen bedeutende Rechte garantiert, ist zudem oftmals unbekannt. Andere Gruppen wissen zwar um ihre Rechtsansprüche, verhalten sich jedoch trotzdem passiv. Der aktive Eintritt in den Landkampf könnte Konflikte mit den jeweiligen Großgrundbesitzern und der Agrarindustrie auslösen, zu denen nicht selten eine direkte Lohnabhängigkeit der Quilombolas besteht. Im August 2006 fanden öffentliche Anhörungen  mit dem Ziel statt, präzisere Daten zu erheben. Damit sollte erreicht werden, dass die nationale Politik die Entwicklung der traditionellen Bevölkerungsgruppen besser unterstützen kann.  Die Ergebnisse zeigten, dass durch die Ausweisung von Naturschutzgebieten, die sich mit den Territorien traditioneller Bevölkerungsgruppen überlagern, zahlreiche lokale Konflikte geschaffen wurden, u.a. für Quilombola-Gemeinschaften. Somit entstehen zwischen ehemaligen Verbündeten - Umweltgruppen und traditionellen Bevölkerungsgruppen - Konflikte, da sich erstere für die Schaffung von Schutzgebieten als menschenfreie Zonen einsetzen. Weitere Ergebnisse der Anhörungen zeigten, dass  die langfristige Existenz traditioneller Bevölkerungsgruppen engstens mit der Frage der Regelung der Landrechte verbunden ist. Das steht in einem klaren Widerspruch zu der derzeit von der Regierung praktizierten Politik. Trotz der Tatsache, dass Luiz Inácio Lula da Silva gerade auch mit Unterstützung der sozialen Bewegungen zum Präsidenten Brasiliens gewählt wurde, steht eine konkrete Umsetzung der Agrarreform, die den Ansprüchen der extrem diversifizierten Bevölkerungsgruppen in den ländlichen Regionen Brasiliens  gerecht wird, weiter aus.{mospagebreak}
Der Kampf um das Land der traditionellen Bevölkerungsgruppen unterscheidet sich in seiner Form deutlich von dem anderer gesellschaftlicher Gruppen, wie zum Beispiel der Landlosenbewegung MST. Während sich der MST in erster Linie für den Kampf von landlosen Arbeitern einsetzt, die häufig nicht aus der Region sind oder aus den städtischen Zentren der Umgebung stammen, handelt es sich beim Kampf der traditionellen Bevölkerungsgruppen um von ihnen traditionell bewirtschaftete Territorien, die sie nie verlassen haben; sie wurden allerdings von eindringenden Großgrundbesitzern systematisch zurückgedrängt und nach und nach enteignet.
Auch im Cerrado im nördlichen Minas Gerais ist dieser Prozess zu beobachten. In den weiten und unzugänglichen Savannen des Cerrados wurden im Laufe der Jahrhunderte von geflüchteten Sklaven zahlreiche Quilombola-Gemeinschaften gegründet. Mit Bedacht wurden isolierte, schwer zugängliche Gebiete gewählt, in die sich weiße Siedler, insbesondere wegen der starken Präsenz der Malaria, nicht vorwagten. Seit den 1950er Jahren, mit der  einsetzenden Kolonisierung in Richtung Cerrado und den Fortschritten bei der Kontrolle der Malaria, bekamen die Cerrado-Regionen einen wirtschaftlichen Wert und weckten  das Interesse weißer Farmer, sodass sie in diesen Gebieten investierten.
Seit dieser Zeit erleben die Quilombola-Gemeinschaften einen systematischen Besetzungs- und Enteignungsprozess ihrer Territorien. Das stetige Vordringen der Großfarmer auf ihr Gebiet  führt zu einer Einkesselung der Familien. Von den Fenstern ihrer Häuser oder von ihren winzigen Vorgärten aus, die ihre Häuser von den eingezäunten Weideflächen der Farmer trennen, schauen sie auf ihr ehemaliges Land, das sich heute in den Händen von großen Viehzuchtfarmen oder anderen Agrarunternehmen befindet. Es ist Teil ihres Alltags, die vor ihren Häusern vorbeifahrenden Viehtransporter zu beobachten, die schwer beladen die schlachtreifen Rinder abtransportieren, die auf ihrem ehemaligen Territorien gemästet wurden. Es ist Fleisch, das sie nie essen werden, das aber auf ihren traditionell angestammten Gebieten produziert worden ist.
Ein typisches Beispiel für eine solche Situation ist die Quilombola-Gemeinschaft Agreste im Munizip São João da Ponte, im nördlichen Minas Gerais. Eingekesselt von riesigen Rinder- und Saatgutfarmen, lebt die Quilombola-Gemeinschaft von Agreste wie auf einer einsamen Insel inmitten riesiger Fazendas. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Universität von Montes Claros wies nach, dass die Familien aus Agreste zunehmend ihre Identität als Nachkommen schwarzer Sklaven leugneten und deshalb Gefahr liefen, ihr traditionelles Kulturgut endgültig zu verlieren. Der Kontakt und Erfahrungsaustausch mit anderen schwarzen Gemeinden und Mitgliedern der Quilombola-Bewegung war fundamental dafür, dass sich die Familien der Gemeinschaft Agreste ihrer Identität als Quilombola-Gemeinschaft wieder bewusst wurden und sie ihre in der Verfassung verbrieften Rechte kennen lernten. Nach einem dreijährigen Bewusstseinsbildungsprozess identifizierte sich diese Schwarzengemeinschaft selbst als Quilombola-Gruppe und gründete zusammen mit der schwarzen Nachbargemeinschaft eine eigene Organisation. Die Herausforderungen für die Zukunft sind groß. Teile der Bevölkerung von Agreste haben davor Angst, einen Landforderungsprozess zu beginnen, da sie Konflikte mit den örtlichen Großgrundbesitzern befürchten. Sie möchten sich mit ihnen nicht anlegen. Da sie kein eigenes Land besitzen, um ihre Lebensgrundlage zu garantieren, verdingen sie sich als Tagelöhner und Saisonarbeiter bei den Großgrundbesitzern und Agrarunternehmen. Sie leben damit in einer Situation wirtschaftlicher und sozialer Abhängigkeit. Sie haben auch Angst vor direkter Gewalt. In der Region sind bereits bewaffnete Pistoleirobanden aufgetaucht, die deutliche Drohungen gegenüber den lokalen Quilombolaführern äußerten.
Der Fall der Gemeinde von Agreste ist ein Beispiel unter vielen. Es steht stellvertretend für die mannigfachen Herausforderungen, mit denen Quilombola-Gemeinschaften  kämpfen müssen. Dabei handelt es sich um Herausforderungen unterschiedlicher Art: Die Quilombola-Gemeinschaften müssen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Dem vor über zwei Jahrzehnten in die Verfassung von 1988 aufgenommenen Artikel 68 muss in der Praxis Gültigkeit verschafft werden. Außerdem müssen die Quilombolas in den Konflikten mit unterschiedlichen Interessengruppen bestehen können. Zum einem richtet sich ihr Kampf gegen die ehemals mit ihnen verbündeten Umweltschutzgruppen, deren Ziel die Einrichtung von Schutzgebieten ist. Zum anderen sind die Großgrundbesitzer ihre Feinde, die viele der ehemaligen Quilombola-Gebiete besetzt haben und im Nationalkongress über eine mächtige Lobby verfügen. Diese Lobbyisten bringen  ständig neue Änderungsvorschläge zum bestehenden Gesetz ein und wollen so verhindern, dass die traditionellen Bevölkerungsgruppen legal und definitiv ihre Rechte auf Territorien zugesprochen bekommen und  sie dann auch erhalten.
Darüber hinaus ist auch die Verbesserung der Sozialindikatoren der schwarzen Bevölkerung, zu denen auch die Quilombola-Gemeinschaften gehören, eines der dringendsten gesellschaftspolitischen Anliegen. Jüngste Erhebungen ergaben,  dass das Lohnniveau für Schwarze auf dem brasilianischen Arbeitsmarkt erheblich niedriger ist als das ihrer weißen Mitbürger, die in gleichen Positionen tätig sind. Ein Blick auf den Bildungssektor macht deutlich, wie ungleich auch in diesem Bereich die Verhältnisse in der Gesellschaft sind. Lediglich 2% der schwarzen Bevölkerung Brasiliens gelingt es, in eine universitäre Einrichtung einzutreten, in einem Land, in dem die Hälfte seiner Bevölkerung als dunkelhäutig gilt. Brasilien steht damit vor der enormen Herausforderung, die in der Verfassung verankerte Gleichheit der Rechte für alle unabhängig von ihrer Rasse, Hautfarbe, Religion oder Geschlecht auch in die gesellschaftspolitische Praxis umzusetzen.
Maria Helena de Souza Ide ist Erziehungswissenschaftlerin, Hans-Ullrich Ide ist Agrarwissenschaftler. Beide arbeiten an der Universität Montes Claros, Minas Gerais

Maria Helena de Souza Ide/Hans-Ullrich Ide

Nr. 139-2009