Quote auf brasilianisch

politik quoteWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

“Mein Vater ist schwarz, meine Familie ist arm, ich bin körperbehindert, eigentlich bin ich völlig gearscht”, ruft Giovanni Rodrigues fröhlich aus und entschuldigt sich gleich für das starke Adverb. Der Grund für seine Fröhlichkeit: Er hat es trotzdem geschafft. Arm, schwarz, behindert - normalerweise hat man da in Brasilien keine großen beruflichen Aussichten. Aber er hat von der Quoten-Regelung profitiert, die die Landes-Universität von Rio de Janeiro, die Uerj, schon vor zehn Jahren eingeführt hat.

„Ich hatte ja nun drei Quoten zur Auswahl, ich hab mich für die Behindertenquote entschieden, weil da die Konkurrenz am kleinsten ist“, erzählt er genüsslich, „und dann habe ich das klassische Studium der Elite von Rio de Janeiro begonnen: Jura.“
Abends um sieben Uhr vor der Zentrale des Bergbau-Multis Vale: Denen, die da aus dem Büro kommen, sieht man die Zugehörigkeit zum weißen Mittelstand an der Nasenspitze an, und es sind nicht nur die etwas ungelenken Körperbewegungen, durch die sich Giovanni von seinen Kollegen abhebt, sondern auch seine Hauptfarbe und Physiognomie. Der 27jährige arbeitet in der Rechtsabteilung der zweitgrößten Firma Brasiliens, aber „ohne die Quote säße ich heute in der Favela!“ Also dort, wo er herkommt. Und deshalb sind Quoten für ihn die unerlässlichen Brücken über die „absurde soziale Kluft in diesem Land“.
Brasiliens öffentliche Schulen sind fast immer miserabel, also schickt, wer es sich nur leisten kann, seine Kinder auf teure, bessere Privatschulen. Schon das ist ungerecht, aber die Absurdität verdoppelt sich noch mal an den Universitäten. Denn im „Vestibular“, der Zulassungsprüfung, sind die Kinder des Mittelstands natürlich überlegen und schaffen relativ leicht den Zugang zu den öffentlichen Universitäten. Die sind, anders als Grund- und Sekundar-Schulen, gut bis hervorragend – und gratis. Für die schlechteren Schüler, die oft eben nur die ärmeren sind, bleiben die privaten Universitäten, die – umgekehrt - fast alle schlecht und ausnahmslos teuer sind. 1,5 Millionen doppelt privilegierte Studenten an 99 Bundes- und 108 Landesunis stehen also 4,8 Millionen doppelt benachteiligte an 2100 privaten Hochschulen gegenüber:  „pervers“, findet Giovanni.
Aber das System ändert sich nach und nach, und das löst immer wieder heftige Debatten und Proteste derer aus, deren Privilegien beschnitten werden sollen. Gerade hat Präsidentin Dilma Rousseff ein Gesetz unterzeichnet, durch das die Hochschulen des Bundes nun die Hälfte ihrer Studienplätze für Absolventen öffentlicher Schulen mit niedrigen Familieneinkommen reservieren müssen. Davon ist ein von Bundesland zu Bundesland schwankender Anteil für Schwarze vorgesehen – schwankend, weil zum Beispiel in Südbrasilien wenige, im Nordosten viele Schwarze leben.
Die Aufregung ist groß. Der Publizist und Philosoph Luiz Felipe Pondé versteigt sich zu dem Satz, die soziale Gerechtigkeit sei „eine der Signaturen des Faschismus unserer Zeit“. Bedächtiger fasst der Bildungsforscher Simon Schwartzman seine Ablehnung zusammen. Er ist zwar für die gezielte Förderung Benachteiligter, hält aber die Quote für ungeeignet. „Wenn sich heute 1.000 gute Schüler auf 100 Plätze bewerben, werden sich künftig 1.000 gute Schüler auf 50 Plätze bewerben, und die anderen 50 bekommen Unqualifizierte“, fürchtet Schwartzman.
Statt Leistung trete das Soziale in den Vordergrund, und „das ist eine politische Logik, keine akademische“. Wenn man das hohe Niveau beibehalte, blieben die Schlechteren auf der Strecke, und wenn man es senke, liefen die Guten weg.
Und was schlagen die Quoten-Gegner vor? Dass die öffentlichen Schulen endlich besser werden, sagt Schwartzman. Förderung müsse mit finanziellen Zuschüssen einhergehen, damit die Geförderten nicht Geld verdienen müssen und nur abends lernen können. Und schließlich sollte es mehr praxisnahe Ausbildungsgänge geben, die die sozialen Aufsteiger aufnehmen könnten – was freilich auf ein Art Zwei-Klassen-System herausliefe.
Das Merkwürdige an Brasiliens Quoten-Debatte ist, dass die Medien ebenso wie die Experten oft so tun, als sei die Quote völlig neu. Aber es gibt sie schon an Dutzenden von Landes-Unis, die sie auf eigene Initiative oder auf Druck der Politik eingeführt haben. „Nein, ich kenne die Praxis an der Uerj nicht“, räumt Schwartzman ein. Sollte er aber. Denn die Erfahrungen, die Rios Landes-Uni mit der Quote gemacht hat, widerlegen die Gegner.
Neben dem Maracanã-Stadion türmt sich das zwölfgeschossige Beton-Gebirge der Landes-Uni von Rio de Janeiro auf. „Kongo“, so wird sie von Absolventen der sich elitärer dünkenden Bundes-Unis  genannt. Die Quoten-Studenten, die „cotistas“, haben das Schimpfwort umgedreht: Sie sagen „Kongo“ voller Stolz. Wobei nicht alle Kommilitonen diesen Stolz teilen. „In den Sozialwissenschaften wird die Quote nicht in Frage gestellt, aber sagen wir mal bei den Betriebswirtschaftlern schon“, sagt Eduardo Martins, der im 3.Semester Journalismus studiert. „Sie bemühen den Gleichheitsgrundsatz“, erklärt Eduardo, „aber die Realität sieht doch anders aus! Wenn Gleichheit herrschte, dann gäbe es in São Gonçalo mehr Weiße und in Leblon mehr Schwarze.“
Eduardo wohnt nicht im feinen Leblon, sondern in São Gonçalo. Sein Vater ist schwarz. Als Busfahrer verdient er 2.000 Reais, 800 Euro - wenig für einen vierköpfigen Haushalt und wenig genug für die Quote. „Ich bin bei Ingenieurswissenschaft ohne Quote angekommen, aber dann habe ich umgesattelt“, erzählt der 25jährige, „und weil ich’s mir ja schon bewiesen hatte, habe ich Kommunikation auf Quote angefangen.“ Der Vorteil: Er bekommt jetzt 300 Reais Monatszuschuss, außerdem Fahrtkosten- und Bücherbeihilfe – was Schwartzman fordert, gibt es also längst.
Dass die Cotistas nicht mithalten können, hält Eduardo für eine „Lüge“. Die Uerj untersucht natürlich haargenau, wie Cotista und Nicht-Cotistas abschneiden: Kein signifikanter Unterschied, außer dass Quotenstudenten seltener das Studienfach wechseln oder ganz aufgeben. „Ist doch klar“, erklärt Eduardo, „für die Cotistas ist das die einzige Chance, deshalb strengen sie sich an.“ Und der Unterschied in der Schulbildung? „Die öffentlichen Schulen sind wirklich mies, das hab ich am eigenen Leib erfahren“, räumt er ein. Aber die Uerj bietet Kurse an, um diese Unterschiede auszugleichen.
Vor allem gegen Rassenquoten laufen die Kritiker Sturm. Nicht nur, weil man in Brasilien selber erklärt, welcher Rasse man angehört, was theoretisch die Möglichkeit eröffnet, sich Quoten-Vorteile zu erschummeln. Sondern aus prinzipiellen Gründen: Weil man sich einer historisch hochgradig belasteten Kategorie bedient, wenn auch zum guten Zweck. „Sicher, das hat etwas von einer griechischen Tragödie“, räumt Rafael dos Santos ein, Uerj-Historiker und einer von sieben Schwarzen unter den 150 Professoren seiner Fakultät, „aber dass sich diese Gesellschaft endlich ändert, liegt eben an den Quoten – schauen Sie sich die Foto-Alben der Abschlussbälle an: Vor zehn Jahren wäre da kein Schwarzer zu sehen gewesen!“
Sicher polarisiere die Schwarzen-Quote die Gesellschaft, aber das zwinge dazu, Lösungen zu suchen, und die „Meritokratie“, also die herkömmliche, durch Leistung ausgewiesene Elite erleide womöglich ihre Traumata. „Aber mehr als die Freiheit hat Brasilien den Schwarzen 1888“ – bei Abschaffung der Sklaverei – „nicht gegeben, da gibt es eine historische Schuld zu tilgen“, und die Quote greife eben „das alte Selbstschutz-System der Eliten“ an.
Als er als Professor anfing, da sagte eine Kollegin, die ihn noch nicht kannte, er solle ihr doch mal ein paar Fotokopien machen. Da müsse sie einen Angestellten bitten, antwortete Santos – ach, er sei kein Angestellter? Dann wohl Student? Wie, Professor? Aber nur aushilfsweise, oder?, fragte die Kollegin.
„Nein“, sagt Santos, „es war ihr nicht peinlich. Sie hat es nicht einmal gemerkt.“

Wolfgang Kunath ist Korrespodent der Stuttgarter Zeitung und lebt in Rio de Janeiro.

Ausgabe 146/2012