Steigerung des Mindestlohns bringt kaum Entspannung

mindestlohnTrotz Verbesserungen noch weit entfernt von ausreichenden Löhnen
Im April 2007 wurde der gesetzliche Mindestlohn von R$ 350 auf R$ 380 angehoben. Das war eine Lohnsteigerung von fast 8,6 %.

Davon träumen in hiesigen Landen manche Gewerkschaften, die sich dann nach Streiks mit Lohnkürzungen und längeren Arbeitszeiten zufrieden geben müssen. Ganz zu schweigen von misslungenen Versuchen, in Deutschland einen Mindestlohn einzuführen.
Die Anhebung des Mindestlohns im April bedeutet eine Steigerung von fast 8,6%. Begibt sich das Land jetzt wirklich auf den Weg zu gerechten Löhnen, falls es solche überhaupt geben kann? Wie immer verbirgt die schöne Hülle, der Nominallohn, ein überaus kärgliches Inneres, den Reallohn.
Man muss sich nämlich immer wieder vor Augen halten, dass der Mindestlohn lt. Verfassung ausreichen soll, um die Ausgaben einer Familie für Nahrung, Wohnung, Bildung, Gesundheit, Kleidung, Hygiene, Freizeit und Sozialvorsorge zu decken (Verfassung der Bundesrepublik Brasilien, Kapitel II: Von den sozialen Rechten, Artikel 7, Abschnitt IV). Als Familie gelten zwei Erwachsene und zwei Kinder, die dann in ihrem Konsum als eine erwachsene Person gerechnet werden. Seit fast 70 Jahren existiert das Gesetz über den Mindestlohn (Gesetz 399 vom 30.4.1938).
Das Gewerkschaftsinstitut Diese berechnet regelmäßig den notwendigen Mindestlohn, den Reallohn also, mit dem die Forderungen der Verfassung erfüllt würden.
Der Mindestlohn hätte im Jahre 2005 mehr als fünfmal so hoch sein müssen, als er tatsächlich war (ca. 1:5,3), im folgenden Jahr 2006 immer noch mehr als fast viereinhalbmal so hoch (ca. 1:4,4). Im Mai des laufenden Jahres lag das Verhältnis bei ca. 1:4,3. Es zeigen sich deutliche Verbesserungen im Vergleich zu 2005, jedoch nur geringe im Vergleich zum Vorjahr.
Wichtigstes Element für die Berechnung des Mindestlohnes ist der Korb der Grundnahrungsmittel (Cesta Básica). Hier untersucht DIEESE die Situation in 16 Hauptstädten der Bundesländer. Wir führen davon in den BRASILIEN NACHRICHTEN immer die Berechnungen für zwei Städte an, São Paulo als größte Industriemetropole des Subkontinents, im Südosten des Landes gelegen, und Fortaleza im Nordosten, das sich in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem Tourismusmagneten entwickelt. Den Berechnungen zugrunde liegen unterschiedliche Mengen der Lebensmittel. Der Basiskorb für São Paulo führt sogar ein Produkt mehr an, Kartoffeln.
Die bereits oben erwähnten Verbesserungen zum Vorjahr zeigen sich besonders im Bereich der Grundnahrungsmittel. Auch im Vergleich zum Vormonat April 2007 sanken die Preise für sie im Monat Mai 2007. Und dies geschah, obwohl DIEESE seit drei Monaten eine steigende Inflation feststellt. Die niedrigsten notwendigen Arbeitszeiten zum Kauf des Basiskorbes finden sich im Nordosten: Recife 77h 41m, Salvador 78h 34m, João Pessoa 80h 35m, Fortaleza 80h 56m, Aracaju 82h 30m, Natal 84h 10m. Belém, einzige Stadt aus der Nordregion bei dieser Untersuchung, liegt mit 95h 21m im Mittelfeld. Die Spitze bilden, wie fast immer, Rio de Janeiro 101h 30m, São Paulo 107h 04m und Porto Alegre 111h 41m. Fast 112 Stunden muss ein Mindestlohnempfänger in Porto Alegre, im „wunderbaren“ Süden allein für den Basiskorb arbeiten. Bei einer monatlichen Arbeitszeit von rund 180 Stunden bleiben also knapp 70 Stunden, um Lohn zu erarbeiten, mit dem die restlichen Bedürfnisse befriedigt werden könne. Dass dies unmöglich ist, leuchtet ein.

 

Frauen besonders betroffen

Besonders betroffen sind von der nach wie vor schlechten Situation vor allem Frauen, deren Löhne deutlich niedriger liegen als die der Männer. DIEESE fand heraus, dass im November 2006 die Löhne der Frauen im Verhältnis zu denen der Männer nur folgende Werte erreichten: Recife 81,8%, Porto Alegre 81,7%, Salvador 80,7%, São Paulo 77,7%, Belo Horizonte 76,5% und Bundesdistrikt 75,4%. Bei den Werktätigen, die in diesen genannten Metropolitan-Regionen bis zu einem Mindestlohn verdienen, findet sich mit 31% die größte Gruppe bei den Frauen. In den beiden Nordostregionen sind es sogar 49,2% in Salvador und 53,8%, also mehr als die Hälfte in Recife. Der niedrigste Wert findet sich in der Metropolitan-Region Porto Alegre mit 20,9%, gefolgt von São Paulo mit 26%. Der Anteil der männlichen Mindestlohnempfänger an ihrer Gesamtheit ist dagegen deutlich niedriger. In den beiden hier genannten Regionen mit Extremwerten für die Frauen liegt der Anteil der männlichen Mindestlohnempfänger bei 9,2% in Porto Alegre und 34,9% in Recife. Wesentlicher Grund für dieses Ungleichgewicht ist die gesellschaftliche Zuweisung lohnabhängiger Frauen in Bereiche geringer qualifizierter Arbeit, zuvorderst im Dienstleistungssektor und hier nach wie vor überragend der Bereich der Hausangestellten. In diesem Bereich verdienen in den Metropolitan-Regionen Porto Alegre 30,9% weniger als einen Mindestlohn, in Recife 33,8%. Einen Mindestlohn erhalten in den beiden Regionen entsprechend 33,2% bzw. 36,9%. Unrühmliches Schlusslicht in dieser Statistik ist der Bundesdistrikt mit 39,9% der Hausangestellten, die weniger als einen Mindestlohn erhalten, und weitere 55,4%, die einen Mindestlohn bekommen. Vor allem Frauen über 40 Jahre mit einem niedrigen Bildungsstand zählen zu denjenigen, die einen Mindestlohn oder weniger verdienen. Rund zwei Fünftel der Mindestlohnempfängerinnen in den genannten Regionen haben eine unvollständige Elementarschulbildung (Recife 40,9%, Porto Alegre 45,9%). Allerdings gehören zu den Mindestlohnempfängerinnen auch Frauen mit einer abgeschlossenen mittleren Schulbildung, in geringem Maße sogar mit Hochschulbildung. Den mittleren Bildungsgang (Ensino Médio) hatten in Recife 29,3% und Porto Alegre 18,3% der Mindestlohnempfängerinnen abgeschlossen. Das ist ein deutliches Beispiel für die gesellschaftlich negative Bewertung der  weiblichen Arbeitskraft. Trotz zahlreicher positiver Elemente, z.B. Bolsa Família, das Familienstipendium, ist Brasilien im Bereich des Einkommens noch weit von einer gerechten Gesellschaft entfernt.

Nr. 138-2008