Weltsozialforum – Belém 2009

politik weltsozforumWährend der Kapitalismus in Davos seine Wunden leckt, löst seine Krise in Belém klammheimliche Freude aus. Dort findet das Weltsozialforum statt, das alternative, linke Gegenstück zu Davos - und das sieht seine alte, ätzende Kritik am Kapitalismus nun durch die Wirklichkeit bestätigt. neiro.

Warum setzen sich Abertausende von Menschen ins Flugzeug, warum reisen sie in diese regnerische Tropen-Stadt, warum halten sie Stunden über Stunden bei Backofen-Temperaturen in stickigen Seminarräumen aus? Sicher auch wegen der bunten, alternativen Folklore des Weltsozialforums, die ein einzigartiges Wir-Gefühl erzeugt. Aber vor allem wegen der vielen Glanzlichter des sechstägigen Welttreffens der alternativen Bewegungen, von denen zum Beispiel das IIRSA-Seminar eines ist.
Das Kürzel steht für ein gigantisches Infrastruktur-Projekt, das die Staatschefs Südamerikas Ende der Neunziger beschlossen haben. Für knapp 70 Milliarden Dollar sollten kreuz und quer durch Südamerika neue Straßen, Hochspannungsleitungen, Wasserwege, Telefonverbindungen gelegt werden. Man braucht nur einen Blick auf die Landkarte zu werfen, dann ahnt man schon, was für ein gewaltiges Ausmaß an Naturzerstörung da im Namen des Fortschritts geplant wird – Autobahnen durch das Amazonasbecken, um Asien schneller und billiger mit Soja zu versorgen!
Das Weltsozialforum bringt – und das ist seine Stärke – Wissenschaftler und Kritiker, Aktivisten und Betroffene zu differenziertem, sachkundigem Dialog zusammen, und keineswegs nur „die, die sowieso gegen alles und jedes sind“, wie das Magazin „Veja“ das Forum einmal beschimpft hat. So war es früher, so ist es auch diesmal – nur mit einem Unterschied: Die Finanzkrise unterlegt den alten Zweifeln am Weltwirtschaftssystem und seiner Wachstumsphilosophie nicht nur Aktualität, sondern verleiht ihnen Bestätigung und Berechtigung.
IIRSA, das sei Ausdruck der alten, unverbesserlichen Fortschrittsidee, die eigentlich nur von den indigenen Völkern in Frage gestellt werde, sagte ein kolumbianischer Soziologe – ja, da hätte man früher auch schon genickt. Aber die Krise des Finanzsystems stellt selbst so einen unbestrittenen Satz in einen neuen Kontext.

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Denn merkwürdig: Jahrzehnte lang diskutierten akademische Zirkel die so genannten Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, nun schütteln plötzlich auch die jeder linken Anwandlung unverdächtigen Familienväter den Kopf: So kann es doch nicht weitergehen! Dass die als links apostrophierten Staaten Südamerikas dieses Jahr nur die zweite Garnitur nach Davos schicken, während die Staatschefs in Belém auftreten wollten, ist ein zusätzlicher Triumph fürs Forum.
Die Krise ist das vorherrschende Thema in Belém, auch wenn die Stadt als Bühne des neunten Sozialforums gewählt wurde, weil sie das Tor zum Amazonasbecken ist, also zum Symbol für die ökologische Bedrohung des Erdballs schlechthin. „Wenn uns jetzt etwas eint, dann die Krise“, sagt der Deutsche Klaus Schilder bündig, der für die Hilfsorganisation „Terre des hommes“ arbeitet und der sich in den bunten, langen Demonstrationszug eingereiht hat, der zum Auftakt durch die Innenstadt von Belém führte. Und die brasilianische Apothekerin Celia Chaves, deren Organisation gegen  Pharma-Patente kämpft, unkt, die Krise werde die Monopolstellung der Pillendreher in Europa und den USA noch stärken. Die Krise zeige, „dass wir an eine andere Wirtschaft denken müssen, die den Menschen und seine Würde ins Zentrum stellt“, sagt der sardische Priester Bruno Sechi, der schon 44 Jahre lang in Brasilien lebt.
Belém ist eine durchaus charmante Mischung von Millionenstadt und Tropennest: Einst durch Kautschuk reich geworden, hat es ein aus Hochhäusern und teils fein renovierten, teils vor Stockflecken geschwärzten Gründerzeit-Villen zusammengewürfeltes Zentrum, über dessen Straßen sich das dichte Dach der Mango-Alleen wölbt. Mangos im Rinnstein, Mangos auf Motorhauben: Als wollte die Natur beweisen, dass sie sich gegen den Menschen behaupten kann. Als die nach einem tropischen Regenguss langsam wieder trocknenden Demonstranten an der Basilika vorbeiziehen, die jedes Jahr im Oktober das Ziel der größten Marien-Prozession der Welt ist, kreisen kreischend riesige Schwärme von hellgrünen Piriquitos unter dem dunkelgrauen Abendhimmel.
Die Tropenidylle hat ihre unidyllische Kehrseite. Die beiden Universitäten, auf deren Campus das Forum stattfindet, grenzen an ärmliche bis bettelarme Viertel, in denen die Menschen die Forumsteilnehmer, die vereinzelt über die mit stinkenden Kanäle mit schwarz-blauem Abwasser hüpfen, wohl wie Abgesandte eines anderen Sterns wahrnehmen. Die Behörden haben jede Menge Polizisten auf die Straße geschickt; wenn sie denn für Sicherheit sorgen, dann verhindern sie jedenfalls nicht den Zusammenbruch des Verkehrs vor den Unis, aus denen am Abend Zehntausende in ihre Unterkünfte wollen.
Ohnehin leidet das Forum in Belém, ganz anders als seine Vorgänger im südbrasilianischen Porto Alegre, unter grotesk schlechter Organisation. Die tausende von Teilnehmern an über 2300 Veranstaltungen, für die die Programme nicht reichten, mochten sich vielleicht damit trösten, dass sowieso 40 Prozent der Angaben im Programm falsch sind, wie einer der Organisatoren treuherzig zugab. Aber vielleicht sollte man das zur Folklore des Forums zählen, ebenso wie unauffindbare Räume, geänderte Zeiten und Informationspersonal, das nicht  Bescheid weiß.


{mospagebreak} Natürlich gehört der bunte Mix zur unverzichtbaren Forums-Folklore: Fröhlich lärmende Musikgruppen an allen Ecken und Enden, bizarre Themen wie heilige Drogen, biedere Bastelarbeiten und bunte Frucht-Marmeladen aus dem Sektor „solidarische Ökonomie“ und, am allerschönsten, der behäbige Flussdampfer, der die beide am Rio Guamá gelegenen Universitäten miteinander verbindet.
Aber soll man Josef Stalin auch zur Folklore zählen? Ja, in Belém gibt es sie noch, die Mitglieder zumindest einer hartgesottenen kommunistischen Splittergruppe, die Stalin im Banner führt. Und handelt es sich bei Indianern, um die es ja bei diesem Forum in erster Linie geht, um Folklore? Sind die bunten Federkronen echt, oder haben die Indianern nur von Greenpeace gelernt, wie man den Pressefotografen Bildmotive liefert? Und was ist mit jenen, die Geld kassieren für ein Foto,  sind das nicht eher die traurigen Tropen?
Natürlich gibt es Superstars und Säulenheilige. Der Befreiungstheologe Leonardo Boff zum Beispiel, der praktisch zum Stammpersonal des Forums gehört, erntet jubelnden Beifall, als er gegen die Konsumwelt des Shopping Centers zu Felde zieht; dass er vor einiger Zeit sein Kinderbuch im eleganten Shopping von Rio de Janeiro vorstellte, wissen die Jubelnden nicht.
Oder Marina Silva, die langjährige, hoch angesehene Umweltministerin Brasiliens, die letzten Mai entnervt das Handtuch warf, weil sie die Rückendeckung von Präsident Lula vermisste. Sie redet nun ohne die Zurückhaltung, die ihr das Amt auferlegte, und wird nur noch mehr beklatscht. Geschickt und überzeugend zog sie gegen die Kritiker zu Felde, die dem Forum vorwerfen, es erzeuge keine konkreten Ergebnisse. „Utopien sind doch nur der Anfang!“, rief sie aus, und dann warb sie um Widerstand gegen die Agrar-Lobby im Parlament, die das brasilianische Waldschutzgesetz aufweichen will: „Wenn das nichts Konkretes ist!“

Wolfgang Kunath ist Korrespondent der Stuttgarter Zeitung und lebt in Rio de Ja

Nr. 139-2009