Der „Velho Chico“ im Wandel Ein fragwürdiges Großprojekt im Nordosten

politiik velhoWolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Fast wie eine gotische Kathedrale, so hoch ist die Halle, von deren Brückenkran die riesige Pumpe herunterhängt, die gerade montiert wird. Durch die Seitenwand der Halle kann man durch vier kreisrunde Öffnungen schräg nach oben spähen, den kahlen Abhang hinauf, an dessen Fuß das Pumpenhaus steht. Dort werden demnächst die Rohre installiert, jedes mit übermannsgroßem Durchmesser, durch die Anfang 2016 vier Pumpen je sieben Kubikmeter Wasser pro Sekunde emporheben werden. Und diese 61 Höhenmeter sind nur der erste Schritt, den das aus dem Rio São Francisco, den die Einheimischen liebevoll „Velho Chico“ nennen, angesaugte Wasser macht – ein zwar imposanter, aber immer noch relativ bescheidener Teil eines der größten Wasserbauwerke der Welt.
„Als ich klein war, hab‘ ich selber Kakteen kleingeschnitten und die Stachel gekappt, damit die Ziegen meines Vaters wenigstens ein bisschen Wasser bekamen“, ereifert sich José Benjamim de Carvalho, „wir haben die Not doch am eigenen Leib erlebt!“ In den Siebzigern war das. Heute ist Carvalho der verantwortliche Ingenieur für den Bau der Pumpstation Floresta, und jegliche Kritik an dem Bauwerk ist für ihn „zutiefst unbegründet“: Entweder, sagt er, hätten die Kritiker keine Ahnung, oder sie meckerten nur aus politischem Opportunismus.
Tatsächlich ist die „transposição“, also die Umleitung, die Verlegung des Rio São Francisco ein umstrittenes Projekt. Der Zwist beginnt schon beim Wort: Befürworter sprechen lieber von „Integration“. Diese Vokabel hört sich immer gut an, und tatsächlich werden ja auch die Einzugsgebiete diverser Flüsse verbunden. Aber an der von vielen als pharaonenhaft empfundenen Größe ändert die Sprachregelung genauso wenig wie an den ökologischen und politischen Zweifeln.
Mit knapp 3000 Kilometern ist der São Francisco Südamerikas viertlängster Strom. 1502 von Portugiesen entdeckt, war er Jahrhunderte lang einer der wichtigsten Verkehrswege im Landesinneren. Er entspringt auf dem zentralen Plateau südlich von Brasília, verläuft parallel zur Küste von Süden nach Norden und entwässert dabei die doppelte Fläche Deutschlands. In seinem Unterlauf fließt er nach Osten dem Atlantik zu und durchquert dabei den Sertão, ein halbwüstenartiges Steppenland, das seit Menschengedenken von verheerenden Dürren gegeißelt wird.
1877, während einer dieser Katastrophen, kam erstmals die Idee auf, den São Francisco zum Teil nach Norden, in den trockenen Sertão umzuleiten. Und nun sind über 11 000 Menschen damit beschäftigt, diesen Jahrhundert-Traum sozusagen in Beton zu gießen: „Zwölf Millionen Menschen werden ihren Durst stillen können“, sagt Carvalho euphorisch. Die Wasserleitung, deren Kosten mit 2,7 Milliarden Euro etwa doppelt so hoch sind wie zu Baubeginn vor sieben Jahren angegeben, ist das Prestigeprojekt von Präsidentin Dilma Rousseff. Sie will sich damit als Garantin von Fortschritt, Wachstum und Entwicklung darstellen.
Oben auf dem Berg, wo die vier Rohre in ein fussballfeldgroßes Auffangbecken münden werden, hat man eine prächtige Fernsicht: Im Süden verschwimmt der Stausee des Itaparica-Wasserkraftwerkes im Dunst, das in den Achtzigern in den São Francisco gebaut wurde; ein sechs Kilometer langer Kanal verbindet ihn mit dem Pumpenhaus. Und nach Norden hin windet sich der mit hellgrauem Beton ausgekleidete Kanal mit einem Minimalgefälle von zehn Zentimetern pro Kilometer dem Horizont entgegen, der von höheren Bergen begrenzt ist. Nochmal fünf Pumpstationen sind nötig, um das Wasser weitere 252 Meter anzuheben. Über fünf Aquädukte, durch einen Tunnel und zwischengespeichert in zwölf Reservoirs, fließt es durch einen 217 Kilometer langen Kanal, gibt immer wieder Wasser an Seitenkanäle ab und mündet schließlich in den Rio Paraíba. Also die „Integration“ zweier hydrologischer Systeme.
Und das ist nur die sogenannte Ost-Achse. 60 Kilometer stromaufwärts zweigt die 260 Kilometer lange Nord-Achse ab: Mit drei Pumpstationen überwindet sie 181 Höhenmeter, ihr Wasser fließt über neun Aquädukte, wird in 15 Speicherbecken zwischengelagert und ergießt sich schließlich in zwei andere Flüsse im Norden. Ihr Superlativ ist der Cuncas-Tunnel, acht Meter hoch und 15 Kilometer lang.
„Vergleichen Sie das Projekt mit der deutschen Wiedervereinigung“, rät Carvalho. Das hört sich abwegig an. Aber für den Nordosten Brasiliens und seine Bewohner kommen die beiden Kanäle einer Aufwertung der Region gleich, auf die man im entwickelten Süden traditionell herabschaut – mit einer Abschätzigkeit, die mitunter durchaus rassistische Züge annimmt. „Der Süden muss endlich verstehen, dass er den Nordosten für die Jahrhunderte lange Vernachlässigung entschädigen muss“, sagt Carvalho. Tatsächlich galt der Nordosten stets als das Armenhaus Brasiliens. Während sich der Süden entwickelte und modernisierte, wurde die Rückständigkeit des Nordostens in Film, Musik und Literatur zu einer speziellen Exotik der Armut ästhetisiert.

Offene Fragen

„Dilma, Marina, Aécio, alle sind für die Umleitung“, wirft Roberto Malvezzi den drei wichtigsten Präsidentschaftskandidaten vor, „und alle tun so, als wäre der Fluss unerschöpflich“. Malvezzi steht einem Verband von Gruppen vor, die die Entwicklung des Stroms seit Jahrzehnten kritisch begleiten. Auch wenn offiziell betont wird, dass dem Fluss nur 1,4 bis drei Prozent – so viel wie zwei Suppenlöffel von einem Liter – entnommen würden: „Es ist unklar, wie viel die Kanäle am Ende abziehen“, sagt Malvezzi. Das Minimum der Nord-Achse wird zum Beispiel mit 16,4 Kubikmetern pro Sekunde angegeben, kann aber auch auf 127 erhöht werden.
„Früher strömte der Fluss ins Meer, heute dringt das Salzwasser 40, 50 Kilometer weit das Bett hinauf“, beschreibt Malvezzi die nachlassende Kraft des São Francisco. Er sei „ein sterbender Fluss“: 95 Prozent seiner Uferbewaldung sei schon zu Zeiten der Dampfschifffahrt abgeholzt und verfeuert worden. Hinzu kämen Versauerung, Verlandung, Verschmutzung und vor allem der Wasserverbrauch der Bewässerungslandwirtschaft: „Wahnsinn, hier mitten im Sertão auf Hunderttausenden von Hektar Zuckerrohr anzubauen!“
Der Präsidentin wirft Malvezzi vor, nicht so sehr die Entwicklung im Auge zu haben: „Sie schaut einfach nur aufs Wachstum!“ Und er erinnert spitz an einen Wahlkampf in den Neunzigern, als der Links-Kandidat Luiz Inácio Lula da Silva wie ein Rohrspatz auf die „transposição“ schimpfte. Nach seiner Wahl begann er sie ohne Verzug. „Sie haben mich und ganz Brasilien betrogen“, hielt Bischof Luiz Cappio, der 2007 sogar in den Hungerstreik trat, dem Wendehals Lula vor.
Dass die Arbeiten zeitweise ganz eingestellt waren, lag an der Organisation: Die Kanäle waren in zahllose Tranchen unterteilt, um der regionalen Bauwirtschaft Aufträge zu geben. Aber viele Firmen waren überfordert. Mit Hochdruck wird erst seit 2011 gearbeitet, als Lula-Nachfolgerin Rousseff die Abschnitte zusammenfasste und die großen Baulöwen zum Zuge kamen.
Kleinbauern müssen weichen
Über 800 bäuerliche Familien, die dem Kanal weichen mussten, werden in neu angelegte Dörfer umgesiedelt; allerdings haben viele die Landwirtschaft erstmal aufgegeben, weil der Kanal ja noch nicht fertig, das versprochene Land noch nicht bewässert ist. 325 Dörfern, die bis zu fünf Kilometer vom Kanal entfernt liegen, ist eine Sonderwasserleitung versprochen. Archäologen sichern die Fundstätten, auf die die Bagger stoßen, und fast zwölf Prozent der Investitionssumme ist für ökologische Ausgleichsmaßnahmen beiseitegelegt.
Das ist bis in die Details geregelt – umso erstaunlicher, dass die wichtigen Fragen bisher offen sind. Wer wird wofür wieviel Wasser bekommen, und wer entscheidet das? Malvezzi zufolge hieß es früher auf der Website des zuständigen Ministeriums, 70 Prozent des Wassers solle auf die Felder fließen, 26 Prozent sei für die Industrie und nur vier Prozent als Trinkwasser vorgesehen. „Das haben sie geändert, nachdem wir Druck gemacht haben“, sagt der Aktivist.
Offiziell ist von den zwölf Millionen Durstigen die Rede – das Projekt solle die Versorgung der Städte sicherstellen. Zwar werden die nationale Wasseraufsichtsbehörde ANA und ein Zweckverband für die Verteilung zuständig sein. Technische Gremien also. Aber das heißt noch lange nicht, dass damit politische und private Interessen neutralisiert sind. Etwa die der Großfarmer, die Wein, Zuckerrohr und Obst für den Export anbauen.
Oder der Preis, der dem Konsumenten für den Kubikmeter Wasser in Rechnung gestellt wird – er sei noch Gegenstand von „Studien“, teilt das zuständige Ministerium mit. Abgesehen von den Baukosten des Kanalsystems – wer bezahlt die Energie, mit der diese Tonne Wasser 313 Meter angehoben wird? Und wo kommt die überhaupt her?
Aus dem Wasserkraftwerk von Itaparica, antwortet Ingenieur Carvalho. Aus dem Netz, sagt das Ministerium. Aus unserer Nachbarschaft, fürchtet Lucélia Leal. Sie gehört zur Führung der Pankará-Indianer, trägt einen Häuptlings-Titel.

Die Pankará vertrieben und ausgeliefert

Serrote dos Campos brütet in der Mittagshitze, und wenn nicht ab und zu in der Ferne ein Motorrad vorüberknattern würde, könnte man annehmen, das Dorf sei verlassen. Die Hütten und Häuser liegen verstreut in den vor Trockenheit grauen Gärten, Hühner scharren wie in Zeitlupe unter den dürren, blätterlosen Sträuchern. Und die träge Friedlichkeit ändert sich auch nicht, als der Wasserwagen zu Lucélia Leal kommt. Eine riesige Zisterne aus Plastik lässt er links liegen, er steuert eine genauso große, aber gemauerte ein paar Meter weiter an. Der Fahrer steigt aus, legt den Schlauch und öffnet den Hahn.
„Politik!“, sagt Lucélia abfällig. Denn dass zwei Typen von Zisternen in der Landschaft herumstehen, der Wasserwagen aber nur die gemauerten anfährt, während zum Befüllen der Plastik-Reservoirs ein anderer Wasserlieferant zuständig ist – das liegt daran, dass zwei rivalisierende Ministerien für die beiden Zisternen-Typen zuständig sind. Wobei die aus Plastik im Ruch stehen, vor allem ihren Lieferanten reich gemacht zu haben: Sie sind mehr als doppelt so teuer als die gemauerten, für die die Nutzer Eigenleistungen erbringen.
Serrote dos Campos ist eine Siedlung der Pankará-Indianer. Hier wohnen 70 Familien, Lucélia, hat ihre Leute ins Versammlungshaus gerufen, sie schimpfen wie die Rohrspatzen auf die Regierung, die sich über die Interessen der Indianer und generell der kleinen Leute hinwegsetze. „Aber wir haben grundsätzlich gar nichts gegen Großprojekte“, betont Lucélia, „wir ärgern uns bloß darüber, wie sie durchgedrückt werden!“ Sie sind sich einig, dass von den Behörden nicht viel zu erwarten ist - und schon gar nichts Gutes. Und da haben sie wirklich keine guten Erfahrungen gemacht.
Das Zisternen-Theater ist noch nicht einmal das Absurdeste. Serrote dos Campos existiert noch keine drei Jahrzehnte. In den Achtzigern mussten die Pankará-Familien  gemeinsam mit über 10 000 Familien dem Staudamm von Itaparica weichen. Einer von dreien im Unterlauf des Rio São Francisco.
Der Stausee lief voll, heute liegt sein Ufer sechs Kilometer von Serrote entfernt – und die Pankará sind immer noch auf die Wasserwagen angewiesen. „Was ist das für eine Entwicklung?“, ruft Lucélia vor ihren Leuten im Versammlungshaus aus, „niemand fragt uns nach unserer Meinung, niemand berücksichtigt unsere Interessen!“ Itaparica hat heilige Stätten der Pankará überflutet, das Fischen haben sie aufgeben müssen, weil es kaum noch Fische gibt – „und dann haben wir hier nicht einmal Wasser!“
Ganz in ihrer Nähe wird zurzeit emsig an einem anderen Wasserbauwerk gearbeitet, das zu den größten, kühnsten und am heftigsten umstrittenen der Welt gehört, und nach den Erfahrungen mit Itaparica verwundert es nicht, dass die Pankará darüber alles andere als erfreut sind. „Der Fluss führt sowieso immer weniger Wasser, und jetzt soll er noch mehr abgeben“, ereifert sich Jorge Carvalho da França, ein anderer Häuptling.
Und dass das Wasser nicht einfach zum Trinken so aufwändig umgeleitet wird – das glauben die Pankará genauso wenig wie die anderen Kritiker des Projektes. Sie vermuten, dass São-Francisco-Wasser die Felder der Grossfarmen bewässern wird. So wie die Staudämme im Unterlauf des São Francisco ja auch die Landwirtschaft bedienen – mitten im Sertão wird auf hunderttausenden von Hektaren Zuckerrohr und Wein angebaut.

Neue Bedrohung

Was das Wasser später mal kostet, kann den Pankará egal sein; sie werden wohl sowieso nichts davon abbekommen. Aber eine andere Frage interessiert sie sehr: Wo kommt die Energie her, um das Wasser hochzupumpen - 28 Kubikmeter, also 28 Tonnen pro Sekunde allein in der ersten Pumpstation am Itaparica-Stausee?
Serrote dos Campos gehört zur Gemeinde Itacuruba, und die hat der staatliche Atomkonzern Eletronuclear als einen geeigneten Standort für Brasiliens vierten Atommeiler ausgemacht: Dünn besiedelt, mit einem grossen Fluss für das Kühlwasser in der Nähe und nicht weit von den Zentren des Verbrauchs entfernt. Der Pumpstation zum  Beispiel.
„Andere Länder legen ihre Atomkraftwerke still, und wir bauen sie“, sagt Häuptling Jorge kopfschüttelnd. Zwar ist noch nicht entschieden, wann und wo der Atommeiler gebaut ist. Aber die Pankará sind auf der Hut: „Als damals vom Bau des Staudamms die Rede war, hat es auch erstmal niemand geglaubt“, sagt Lucélia, „den Fehler machen wir nicht noch einmal“.

Ausgabe 150/2014