Complexo da Maré Der schwierige Weg zur Anerkennung

politik complexeGünther Schulz

Immer wieder ist Maré in den Schlagzeilen – oftmals wegen Schießereien zwischen der Polizei und den Drogengangs. Dabei kommen auch vollkommen Unbeteiligte zu Schaden. Zuletzt starb am 8. Juni 2013 der Ingenieur Gil Augusto Barbosa, 53, durch einen Kopfschuss. Er war aus Versehen in die Favela Vila do João geraten.
Diese Favela ist Teil des „Complexo da Maré”, eines Gebietes, in dem sich sechzehn Favelas befinden. Bewohnt werden sie von insgesamt 140.000 Menschen. Es ist das größte Konglomerat an Favelas in Rio de Janeiro, umschlossen von Haupteinfallsstraßen. Die ersten Bewohner lebten hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch in „Palafitas“, auf Stelzen errichteten Holzhäusern, da es damals je nach Flut (daher der Name maré) immer wieder zu Überschwemmungen kam. Im Laufe der Zeit erfolgte eine Trockenlegung, unter anderem durch Baumaterialreste. Die Bevölkerung stieg kontinuierlich an.

„Observatório de Favelas“ Aufbrechen von Vorurteilen

Hier, im Complexo da Maré, befindet sich auch der Sitz von „Observatório de Favelas“, einer Nichtregierungsorganisation, die seit nunmehr 13 Jahren in vielfältiger Weise auf die Situation der Bevölkerung von Maré aufmerksam macht.
Die 2001 begonnene Arbeit – initiiert von Universitätsprofessoren mit ihren Studenten – war motiviert von dem Bemühen, sich selbst ein Bild vom realen Leben in der Favela zu verschaffen, das eigene Wissen zu erweitern. Daraus folgte die Frage, welchen Beitrag man leisten kann, um das gängige Favela-Bild, das durch Gewalt, Kriminalität und Armut gekennzeichnet ist, zu durchbrechen. In der Folgezeit kam es zum Aufbau einer Struktur unter Einbeziehung der Betroffenen. Seither gehören regelmäßige Befragungen der Einwohnerschaft von Maré ebenso zur Arbeit der NGO wie auch Bildungsangebote und vielfältige andere Aktivitäten. Im Verlauf der Jahre wurden lokale Führungspersönlichkeiten ausgebildet, die bei der Verwirklichung der Aktivitäten mitwirken.
Ziel der Arbeit ist die Anerkennung der Favela-Bewohner als gleichwertige Bürger Rio de Janeiros, letztlich der brasilianischen Gesellschaft. Es gilt, die bisherige Ausgrenzung, die allzu oft verbreitete Diskriminierung aufzuheben. Das ist ein schwieriges Unterfangen, es erfordert nicht zuletzt die Medien zu gewinnen. Allzu oft verbreiten sie ein Favela-Bild, das durch Drogenbanden, Gesetzlosigkeit und ständige Gewaltausbrüche gekennzeichnet ist.

Militär zur „Befriedung“

Die öffentliche Politik hat Maré bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt. Erst mit der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Brasilien und der zu erwartenden Touristen wandelte sich das – nicht zuletzt durch die Entsendung von Militärs. Allein 2.000 Militärpolizisten bezogen Stellung in den Favelas von Maré, um dort eine gewisse Ruhe zu garantieren. Auch in anderen Favelas von Rio kam es zur Durchführung von „pacificações“ „Befriedungsaktionen“, das heißt ständiger Polizeipräsenz u. a. mit Durchsuchungen der Behausungen, ohne dass diese vorher angekündigt wurden. Es war der Versuch, die Kontrolle über die Favelas zurückzugewinnen. Cândido Grzybowski, Leiter des sozialwissenschaftlichen Instituts Ibase, sieht in diesen Aktionen eher eine „militärische Besetzung“ und keinesfalls eine „Befriedung.“ Es gelte eine „Befreiung“ (libertação) städtischer Gebiete von Drogenhändlern und Milizen mit dem Ziel durchzuführen, die Bürgerrechte für seine Bewohner durchzusetzen. „Unser Gemeinwesen, die Stadt Rio de Janeiro, und die ganze umliegende Region sollte ein Gemeinwesen für alle sein, ein Gebiet, in dem alle Bürger mit all ihren Unterschieden, ihrer Vielfalt, ohne Diskriminierung und Trennung, mit Würde und in Frieden leben sollten. Dies müssen wir gemeinsam von unseren Regierungen einfordern. Es ist eine Aufgabe von uns allen, die wir hier leben. Wir müssen anerkennen, dass die Favelas zur Stadt gehören, Gebiete sind, wo die Bürgerrechte gelten und in denen Bewohner als vollwertige Bürger anerkannt werden.“
Das haben die politisch Verantwortlichen immer noch nicht realisiert. Der in Maré ursprünglich vorgesehene Abzug des Militärs nach Beendigung der WM ist inzwischen verschoben. Im Straßenbild patrouillieren die ostentativ ihre Waffen zeigenden Militärpolizisten, doch darüber hinaus geschieht nichts. Und hier setzt die Arbeit des „Observatório de Favelas“ an: Es geht darum zu zeigen, dass in den Favelas Menschen leben, denen die gleichen Bürgerrechte wie allen Nicht-Favelados zuzugestehen sind. Und hierzu gehören das Recht auf ein ordentliches Bildungssystem, eine gute Gesundheitsversorgung, geregelte Müllentsorgung, Vorhandensein eines Abwassersystems, Beleuchtung, Asphaltierung der Straßen, das Recht auf eine Adresse. Nicht zuletzt müsste der Diskriminierung in der Öffentlichkeit ein Ende gesetzt werden. Erst mit der Verwirklichung dieser Punkte könnte mit Recht von einer „pacificação“ – „Befriedung“, gesprochen werden, meint auch Jorge Luiz Barbosa, der Mitbegründer des Observatório.

Kultur in der Favela

Konkret besteht die Arbeit des „Observatório de Favelas“ darin, die vorhandenen Ungerechtigkeiten wie soziale Benachteiligung und das Fehlen von Bürgerrechten in fünf Bereichen zu thematisieren: Städtische Politik, Erziehung, Kommunikation, Kultur und Menschenrechte.  
Gerade auch im kulturellen Bereich finden vielfältige Aktivitäten statt. Von August bis Dezember 2014 gibt es verschiedenste Veranstaltungen im Rahmen von „Travessias“ (s. Beitrag von Janice Clémen in dieser Ausgabe), unter anderem Ausstellungen mit Werken von Künstlern sowohl von außerhalb als auch von innerhalb des Maré-Komplexes. Dies ist ein weiterer Versuch, die bestehenden Grenzen zu durchbrechen, Klischees hinsichtlich einer Favela abzubauen, die Begegnung mit Menschen aus verschiedensten Stadtteilen zu ermöglichen und eine größere Akzeptanz zu erlangen. Einen Erfolg gibt es bereits zu verzeichnen: Im offiziellen Kulturkalender von Rio de Janeiro findet die Ausstellung Erwähnung.
Das Observatório möchte symbolisch aufzeigen, dass es möglich ist, eine neue „städtische Wirklichkeit“ zu zeichnen, bei der Begegnungen stattfinden, Welten sich begegnen, Durchlässigkeit („travessias“) möglich ist,“ so Janice. Die kulturellen Aktivitäten in Maré bedeuten zugleich, dass deren Bewohner als Bürger mit vollen Rechten Anerkennung finden. Mit „Imagens do Povo“ („Bilder des Volkes“), ein weiteres vom Observatório in die Wege geleitetes Projekt, gibt es eine konkrete Möglichkeit für die Bewohnerinnen und Bewohner  Marés, sich nicht nur fotografisch mit ihrer Lebenswirklichkeit auseinanderzusetzen. Es handelt sich um den Aufbau eines Dokumentationszentrums und bietet die konkrete Erfahrung und die Möglichkeit sich im Bereich der Fotografie Wissen anzueignen. Durch die angebotenen Kurse nehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihren eigenen Alltag bewusster wahr. Immer wieder findet ein Kursteilnehmer nach Abschluss auch eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt. Diese von Rovena Rosa koordinierte Arbeit hat seit Beginn eine breite Akzeptanz gefunden.
Im Bereich der Menschenrechte erfolgt die Dokumentation der vielfältigen, täglich vorkommenden Verletzungen. Es kommt zudem zum Austausch, zur Reflexion darüber, wie die öffentliche Sicherheit in Maré garantiert werden kann. Es geht um die Reduzierung der Gewalt vor allem gegenüber Kindern und Jugendlichen, um die Entwicklung eines neuen Modells. Ständig geht es auch um die Frage, wie eine Wertschätzung menschlichen Lebens stärker vermittelt werden kann.
Das Observatório knüpft ferner Kontakte zu anderen sozialen und politischen Einrichtungen. Es ist notwendirg, „die Stadt in ihrer Vielfältigkeit zu verstehen und die Besonderheiten jedes Territoriums und deren Bewohner anzuerkennen. Die Politik hat allen Bürgern die gleichen Rechte zu garantieren“, so Jorge Barbosa.

Eigenständiges Leben in Maré

Dass das Leben in einer Favela viel mehr als Gewalt und Drogen bedeutet und ein normaler Alltag stattfindet, den die Medien oft nicht wahrnehmen wollen, zeigte eine Tagung im Juli dieses Jahres. Im Rahmen des Seminars „Selbstständige in Maré“ erfolgte erstmals die Präsentation von wirtschaftlichen Daten. Diese wurden von Bewohnern des Maré unter Anleitung eines Geografen erhoben. Von 2.963 erfassten „Unternehmen“ stammten 66% aus dem Handelsbereich – davon allein 660 Kneipen, 307 Schönheitssalons, 216 Kleidergeschäfte, 138 Lebensmittelgeschäfte, nur 0,7% entfielen auf den industriellen Bereich. Zudem ergab die Erhebung die Existenz von 2.469 Kleinbetrieben und Dienstleistungsangeboten in Maré. Für die Bewohner von Maré ist diese Erhebung in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung, erfahren sie doch erstmals in Zahlen, dass sie die Möglichkeit hätten, sich in einzelnen Bereichen zusammenzuschließen und danach durch gemeinsames Auftreten gegenüber den Banken auch bessere Bedingungen auszuhandeln. Viele waren erstaunt über die vielfältigen Aktivitäten von Maré-Bewohnern, die trotz geringer Mittel den Versuch der Selbstständigkeit wagen. „Die Erfassung ist wichtig für unser Selbstbewusstsein“ – fasste es Josilene, eine Bewohnerin Marés zusammen.
Der große Traum von Jorge Barbosa, Professor an der UFRJ und einer der Initiatoren des Projekts, ist eines Tages eine Art „Stadtführer“ erstellen zu können, in dem deutlich wird, dass sich das Leben in Maré letztlich nicht vom Leben außerhalb einer Favela unterscheidet: Auch hier gibt es Schulen, Handel, Restaurants, Bäckereien und vieles mehr.
Bis dahin dürfte es noch eine Weile dauern, ist dies doch erst möglich, wenn die Sicherheitsfrage gelöst ist. Dies ist derzeit nicht in Sicht. Solange wird Rovena mit „Imagens do Povo“ weiterhin den Alltag dokumentieren und Kurse anbieten, der Kulturbereich des Observatório Ausstellungen und Vorträge wie „Travessias“ organisieren und der Stadtverwaltung auf diese Weise vor Augen führen, dass eine andere Favela-Politik durchaus möglich wäre.

Ausgabe 150/2014