Olympiade 2016 Ohne Vertreibung geht es nicht

politik olympia 1Wolfgang Kunath, Rio de Janeiro

Nein, mit Aschenbechern schmeißt Bürgermeister Eduardo Paes nicht mehr um sich, versichert Roberto Ainbinder feixend, der Chef der Olympia-Bauten von Rio de Janeiro. Jeder, der mit der Lokalpolitik am Zuckerhut etwas vertraut ist, kennt die Geschichten von Paes‘ Wutausbrüchen, wenn’s ihm zu lange dauert oder etwas nicht klappt – und dass da schon mal Heftmaschine und Aschenbecher geflogen sind. Ainbinder hat ein harmloseres Problem mit dem Chef: Dessen Anrufe. „Ich frag‘ mich, wann der schläft“, sagt der Chefarchitekt, „er meldet sich nachts um eins genauso wie morgens um fünf, und immer muss man so tun, als ob man hellwach sei.“
Wer weiß, was Paes dem Australier John Coates im April 2014 am liebsten an den Kopf geworfen hätte! Damals raunzte der Vizepräsident des Olympischen Komitees öffentlich, so miserabel wie in Rio seien Olympische Spiele noch nie vorbereitet worden. Das war sechs Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, als sowieso alle Welt zweifelte, ob die Brasilianer die hinkriegen – und dann trampelte ihnen auch noch das IOC auf den Nerven herum!
Das Verblüffende ist: Ein Jahr später wurde Brasilien für die hervorragenden Olympia-Vorarbeiten über den grünen Klee gelobt. Rio gehe wirksam gegen Korruption vor, verzichte auf superteure Prestige-Objekte à la Vogelnest, benutze die Chance zur Modernisierung des Verkehrs und zur Neubelebung verfallener Stadtquartiere, halte Geld- und Zeitrahmen ein, lobte der britische „Economist“. Und mit umgerechnet 10,5 Milliarden Euro koste der ganze Spaß „viel weniger als das, was die britischen Steuerzahler für die Olympischen Spiele 2012 in London aufbrachten“.
Das ist seither der Tenor der Berichterstattung, und auch das IOC murrt kaum noch. Er sei „sehr zufrieden“ mit dem Fortschritt in Rio, lobte dessen Präsident Thomas Bach ein Jahr nach dem Rüffel seines Vizes.
„Das IOC hat das damals verzerrt gesehen, die haben das nicht richtig verstanden“, setzt sich Architekt Ainbinder zur Wehr, „das Olympia-Projekt hat nie hinter dem Zeitplan hergehinkt.“ So pauschal stimmt das sicher nicht. Selbst Paes hat eingeräumt, dass ihm vor allem Deodoro zeitweise Kopfschmerzen bereitet hat. In diesem Olympia-Komplex werden unter anderem die Wettkämpfe der Radikalsportarten ausgetragen, die Arbeiten dafür begannen erst im Juli 2014.
Aber im Großen und Ganzen besteht kein Zweifel: Die Brasilianer kriegen das rechtzeitig hin, und schön wird es auch. Rios wunderbare Stadtlandschaft – mit einem tintenblauen Meer und den dschungelüberzogenen Bergen im Hintergrund – war 2009 einer der Gründe, die Spiele hierher zu vergeben. Natürlich steht man, wenn man Ainbinders klimatisierten Baucontainer verlässt, noch auf einer Baustelle, mit Matsch und Pfützen, mit Maschinen-Gebrumm und Flex-Gekreische. Aber schon zeichnet sich ab, dass der Olympia-Park, das Herzstück der Spiele 2016, eine prächtige Kulisse für das Weltsportfest sein wird.
Auf einem 1,2 Millionen Quadratmeter großen Dreieck, das auf zwei Seiten von einer Lagune begrenzt ist, entstehen die Stätten für 16 olympische und neun paraolympische Sportarten – von Radrennen und Schwimmen über Handball und Judo bis zu Taekwondo und Fechten. Die Arenen sind verbunden durch eine markant geschwungene, breite Rampe, die das Terrain der Länge nach durchzieht. Sie gewährt Zugang und Ausblick, sie wird zum Schlendern und Entspannen einladen. Schon jetzt sind hohe Palmen und niedrigere Ziergewächse gesetzt, damit die noch ein Jahr zum Anwachsen haben.
Wie drei Erdnüsse in ihrer Schale, so sind die drei Hauptarenen von einer gemeinsamen, eleganten Außenhaut eingefasst, die von vertikalen, sanft geschwungenen Paneelen strukturiert ist. Tropenholz? Irrtum: Fichte, und zwar aus Deutschland. Carioca 1, 2, 3, so heißen die verschieden großen Stadien, die später teils als Schule, teils als Trainingsstätten für den Hochleistungssport geplant sind. Andere Gebäude, wie das Medienzentrum und das dazugehörige Hotel wirken prosaischer: Eher gesichtslose Quaderarchitektur.
Jede der Schraubenmuttern mag ein Pfund wiegen, so groß sind sie, und die Presseleute bugsieren die Besucher des Handball-Stadions extra die betongrauen Stufen hinauf, um diese Muttern zu zeigen. Denn die „Arena der Zukunft“, die jetzt, ein Jahr vor der Eröffnung, fast fertig ist, wird nach den Spielen demontiert. Zerlegt in ihre Einzelteile, sollen aus ihr vier Grundschulen werden. Auch das Schwimmstadion, das genauso wie die Handball-Arena nicht durch besondere Schönheit glänzt, wird nach den Spielen in zwei Schwimmbäder zerlegt. Nomaden-Architektur nennen die Experten das.
Der Olympia-Park liegt in Barra, einem Reichen-Viertel, das so geschleckt wirkt wie Klein-Miami. Für die Immobilienspekulation also ein schöner Standort – Rios Olympia wird zu knapp 60 Prozent privat finanziert. Dem Druck des Geldes musste auch die Vila Autódromo weichen, eine Mini-Favela ohne Drogenhandel und Gewalt, die jedoch das Pech hat, am Rande des Olympia-Park-Dreiecks zu liegen. Die meisten ihrer 2.400 Bewohner sind nach jahrelangen Konflikten umgesiedelt, obwohl die Stadt früher mal zugesagt hat, sie dürften bleiben.
Deodoro dagegen liegt mitten im Arme-Leute-Rio, mit vielen jungen Leuten und kaum Grünflächen oder Sportmöglichkeiten. Da kann man sich leicht vorstellen, wie die Olympia-Stätten das Viertel später bereichern. „Legado“, das ist die Lieblingsvokabel der Politiker: Erbe, Hinterlassenschaft. Denn das ist die Rechtfertigung der Milliarden-Ausgaben: Dass etwas bleibt. Dass die Bevölkerung auf Dauer etwas davon hat. Dass sich die Stadt durch Olympia erneuert, modernisiert, verjüngt. Also der Barcelona-Effekt. Tatsächlich hat Rio 2016 eine Art Modernisierungs-Sog erzeugt: Die Stadt erweitert ihr rachitisches U-Bahn-Netz, revitalisiert die verfallene Hafen-Gegend, baut über 150 Kilometer Exklusivpisten für Schnellbusse.
Die Vokabel „weißer Elefant“ bezeichnet das Gegenteil: Zum Beispiel Stadien, die niemand braucht; die Fußball-WM hat ein paar davon hinterlassen. Das soll nicht geschehen, beteuern Rios Olympia-Planer und verweisen auf weiße Elefanten in Peking oder Athen. Aber man könnte auch alte Fotos von Rios jetzigem Olympia-Gelände zeigen: Dort fanden 2007 die Panamerikanischen Spiele statt, für Rio ein Test für die Olympia-Bewerbung, den sich die Stadt damals eine Milliarde Reais kosten ließ. Heute wären das rund 300 Millionen Euro. Das „Legado“ war niederschmetternd: Überteuerte, kaum genutzte, verfallende Arenen. Keine einzige davon war olympiatauglich, jedenfalls nicht ohne teure Umbauten oder Reparaturen.
„Natürlich!“, antwortete 2009 der damalige Olympia-Chefplaner unwillig auf die Frage, ob das Versprechen, bis 2016 die verdreckte Bucht von Rio de Janeiro zu säubern, wirklich ernstgemeint sei, denn schließlich waren seit den Neunzigern schon Hunderte von Millionen erfolglos in die Sanierung gesteckt worden. Natürlich hat das nicht geklappt – die Wasserqualität sowohl in der Bucht, wo die Segel-Wettkämpfe stattfinden, als auch in den Lagunen um den Olympia-Park stinkt buchstäblich zum Himmel. Dass sich das in zwölf Monaten ändern könnte, nehmen auch die größten Optimisten nicht an. Die Bilder von müllübersäten Stränden, die Schlagzeilen von gesundheitsgefährdenden Bakterien- und Viren-Konzentrationen werden die Spiele begleiten.
Über 10.000 Sportler und zwischen 300.000 und 500.000 Olympia-Touristen – wie sicher sind sie? Für die größte Sicherheitsoperation in der Geschichte Brasiliens stehen 85.000 Polizisten und Soldaten bereit. Aber beruhigender ist vielleicht die Statistik: Vor ein paar Jahren noch war Rio die unsicherste Stadt Brasiliens, jetzt liegt sie auf Platz 23. Die Mordrate ist zurzeit die niedrigste seit 24 Jahren.
Und der Terrorismus? Brasiliens Geheimdienst arbeite mit den Kollegen aus den USA, Spanien, Deutschland, Frankreich eng zusammen, versicherte einer der Verantwortlichen vor Journalisten in einer Pressekonferenz, ohne sich freilich den selbstgefälligen, aber inhaltslosen Hinweis zu verkneifen, Brasilien sei ja kein Ziel des Terrorismus. Das hätte man vor dem Münchner Olympia-Attentat 1972 von Deutschland genauso sagen können.

Wolfgang Kunath ist Südamerika - Korrespondent verschiedener deutscher Tageszeitungen. Sehr lesenswert sein Buch „Das kuriose Brasilien-Buch - Was Reiseführer verschweigen.“(Fischer Taschen Bibliothek, Preis € 9,99; ISBN: 978-3-596-51309-3)

Ausgabe 152/2015