Canto Verde

cantoverdeDas erste Community Tourismus-Projekt an Brasiliens Küste.
1987 kam ich zum ersten Mal nach Prainha do Canto Verde, 120 km südlich von Fortaleza im Bundesstaat Ceará gelegen, und im Mai 1992 zog ich dann hierher.

Mir war klar, dass es nicht darum ging, hier den armen Menschen mit Geschenken, Assistenzialismus genannt, zu helfen, sondern sie aufzuwecken, sie davon zu überzeugen, dass sie selbst Veränderungen verursachen müssen und dass „Se deus quiser“ nicht von selber kommt, sondern dass man was tun muss, damit der liebe Gott uns hilft.

Erste Schritte

1989 schlossen sich Einwohner des Dorfes Prainha do Canto Verde zu einem Verein zusammen. Hierbei konnten sie auf die Strukturen einer Menschenrechtsgruppe zurückgreifen, die sich 1984 gegründet hatte und sich mit der Befreiungstheologie auseinandersetzte.
Wir mussten das Monopol bei der Vermarktung des Fischfanges brechen, denn das ganze Geld aus dem Fischfang floss in die Tasche des Zwischenhändlers namens „Capitão“. Von Anfang an war die Bevölkerung in Projektplanung und Projektausführung mit einbezogen, denn nur so ließen sich die Spielregeln verändern.
Dank meiner Schweizer Unterstützer, den „Amigos da Prainha do Canto Verde“, konnten wir einen Kleinlastwagen mit Vierradantrieb kaufen, den Fischposten bauen und einen Kapitalfonds einrichten, um Fische zu verkaufen. In Kürze hatte die Mehrheit der Fischer den „Capitão“ verlassen. Doch auch die von ihm abhängigen Fischer profitierten von den höheren Preisen. Der Lastwagen diente zudem als Ambulanz und für den Schultransport; die Stiftung des Swissair-Personals in der Schweiz finanzierte den Kindergarten und das Programm zur Bekämpfung der Kindersterblichkeit. Weitere Investitionen der „Amigos“ dienten zur Herstellung von Reusen für den Langustenfang und führten zur Unabhängigkeit von Einkäufern und verdoppelten die Preise. Mit Mikrokrediten förderten wir den Kauf von Jangadas (mit Segeln bespannte Flöße) durch die Fischer. So sind heute alle Boote und die Ausrüstung im Besitz der Fischer.
An Gegnern fehlte es den Fischern von Canto Verde nie. Ein Immobilienmakler begann 1976  mit Hilfe von Richtern und des Grundbuchamtes sich der Landtitel zu bemächtigen, doch der dreißigjährige Kampf vor Ort und mit der Justiz endete 2006 mit dem Urteil des Bundesgerichtes zugunsten der Bevölkerung. Nach ersten Erfolgen fühlten sich die Einwohner gestärkt, und wir begannen in Erziehung und Führungskurse zu investieren.{mospagebreak}

Öffentlichkeit ist wichtig

Die 1993 organisierte Protestaktion „SOS Sobrevivência“ (SOS Überleben) zielte darauf ab, die Probleme der traditionell produzierenden Fischer an die Öffentlichkeit zu bringen und die Fischer zu ermuntern, ihr Mitspracherecht und den Zugang zu den reichen Meeresressourcen einzuklagen. 74 Tage lang segelten vier Fischer auf einer Jangada  – unterstützt von zwei Frauen im VW - bis nach Rio de Janeiro und gewannen so die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Es folgte die Gründung der Nichtregierungsorganisation „Terramar“ und des eigenen Forums der Fischer. So verwalten sie jetzt die Langustenfischerei selbst.  
Als kritische Alternative zu Bodenspekulation und Immobilienfirmen entstand das Community Tourismus-Projekt in Canto Verde. Dieses Projekt war so erfolgreich, dass es gleich zweimal den TODO-Preis gewann: das erste Mal im Jahre 2000 für Prainha do Canto Verde auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin und zehn Jahre später für das inzwischen ins Leben gerufene Netzwerk TUCUM.
Das Einkommen aus den Tourismusdienstleistungen erhalten die „Kleinunternehmer“ im Dorf, zehn Prozent Kommission bekommt die Kasse des Tourismusrates, der für die Organisation verantwortlich ist. Der kleine Einnahmenüberschuss geht in den Sozialfonds und wird für schulische Anlässe oder für ein Fest der älteren Leute im Dorf gespendet. Die Entscheidungen im Tourismusrat werden durch die Mitglieder viermal im Jahr an der Generalversammlung getroffen und durch den Koordinator umgesetzt.
Die Besucher der „Community Tourisms Destination“ sind Menschen,  die sich für die Eigenart, die Probleme und die Kultur der Fischer interessieren, uns auch nach der Abreise die Treue halten und die Arbeit oft mit Spenden unterstützen. Sogar die brasilianische Regierung fördert nun den Community Tourismus und hilft uns bei der Gründung eines brasilianischen Community Tourismus-Netzwerkes.{mospagebreak}

2009: Ein wichtiges Datum für Prainha do Canto Verde

Unsere Bemühungen zur Veränderung der Spielregeln in der Fischerei und im Tourismus haben lokale Wirkung und globale Ausstrahlung. Nach 17 Jahren hatten wir Erfolg. Am 5.  Juni 2009 unterzeichnete Präsident Lula das Dekret zur Schaffung des Schutzgebietes für nachhaltige Entwicklung (Reserva Extrativista - RESEX) von Canto Verde, ein Modell für Naturschutz und lokale wirtschaftliche Entwicklung. Das Land gehört weiterhin dem Staat, wird aber in einem Staatsvertrag zur nachhaltigen Nutzung an die Bevölkerung abgegeben. Für Spekulanten ist somit zukünftig kein Platz und eine weitere Verschandelung der Küste Cearás, welche sich in den letzten Jahren beobachten lässt, findet hier nicht statt.
So verbessert sich langsam die Lebensqualität im Dorf, und die Jugendlichen haben zukünftig mehr Chancen. Erreichten 1995 zwölf Jugendliche einen Sekundarschulabschluss, studieren heute bereits fünf junge Menschen an einer Technischen Schule. Und im Projekt „Geração Muda Mundo“ betreuen wir 60 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren mit Stipendien, Studienprogrammen und einer Schreinereiwerkstatt.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.prainhadocantoverde.org
www.terramar.org.br
Reservierungen zu Prainha do Canto Verde:
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René Scherer, ehemaliger Swissair-Manager lebt seit 1992 in Prainha do Canto Verde.

René Scherer, Prainha do Canto Verde {mospagebreak}
 

Anlässlich eines Besuches 2010 in Canto Verde führte BN-Redakteur Günther Schulz ein Gespräch mit René Scherer.

BN: Seit 2009 hat Canto Verde den Status eines Schutzgebietes für nachhaltige Entwicklung (Reserva Extrativista). Wie habt ihr versucht, den Einwohnern die Notwendigkeit für die Schaffung eines Naturschutzgebietes zu vermitteln?
Scherer: Nachdem am 8.Juni vergangenen Jahres das Dekret unterzeichnet worden war, versuchten wir durch Seminare, die sich sowohl an die Lehrer als auch an die Fischer richteten, nochmals die Bedeutung des neuen Status aufzuzeigen. Es galt auch über das Chico Mendes Institut zu informieren, das sich in Fortaleza befindet und für die Schutzgebiete verantwortlich ist. Wir haben hierbei verstärkt auf jüngere Leute gesetzt;  für die Älteren ist es schwierig, die ganze Angelegenheit überhaupt konzeptionell zu verstehen.
BN: Welche Zukunftsaussichten gibt es gegenwärtig für Jugendliche?
Scherer: Nicht viele. Entweder werden sie ebenfalls Fischer oder sie engagieren sich im Tourismuswesen, das wir gerade aufbauen. Zudem gibt es noch eine Schreinerei. Drei Jugendliche können hier arbeiten. Allerdings ist es schwierig, Aufträge zu bekommen, beziehungsweise die Produkte zu vermarkten. Früher gingen die Jugendlichen schon mit 14 Jahren weg. Das hat sich verändert. So belegte zum Beispiel Alessandro einen zweijährigen Kurs in Beberibe. Heute arbeitet er in einem Hotel in Fortaleza.
Wenn sie heute weggehen, haben sie eine bessere Bildung und damit bessere Chancen. Zwei Programme fördern dies: Zum einen vergibt der Freundeskreis „Prainha“, der mich von der Schweiz aus unterstützt, Stipendien für Jugendliche, zum anderen gibt es auch staatliche Programme für Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren.
BN: Im Augenblick existieren zwei Einwohnervereine. Siehst du eine Möglichkeit der Einigung?
Scherer: Die Absicht unseres Vereins ist die Entwicklung des Dorfes. Der neue Verein dagegen verfolgt das Ziel, die Interessen von Herrn Talles aus Fortaleza duchzusetzen (Anm.: Talles ist Politiker, Bauunternehmer und Besitzer mehrerer Privatschulen in Fortaleza. Er möchte die Anerkennung als Naturschutzgebiet wieder rückgängig machen). Es kann sein, dass dieser Verein nach den Wahlen wieder verschwindet oder dass eine Schlichtung zwischen Dorf und Talles stattfindet und beide Vereine zum Wohl des Dorfes tätig werden.
BN: Dein Wunsch für die Zukunft?
Scherer: Zunächst müssen wir den augenblicklichen Konflikt hinter uns bringen. Er blockiert jetzt schon fast ein Jahr unsere Arbeit. Wir brauchen Frieden im Dorf. Dann wird es bergauf gehen. Veränderungen im Fischereiwesen sind unumgänglich. Wir haben jetzt ein neues Fischereigesetz, ein Fischereiministerium, Geld ist da, d.h. auch die notwendige Überwachung der Schutzgebiete könnte endlich erfolgen. Zudem müssen die Fischer ihre Arbeitsverhältnisse verbessern. Eine der Möglichkeiten ist der Aufbau einer Meeresfischzucht.
Des Weiteren hoffe ich, dass durch den Aufbau eines alternativen Tourismuswesens den Fischern eine zusätzliche Einnahmequelle verschafft wird, die letztlich ihren Lebensstandard erhöht. Zu diesem Zweck haben wir ja das Netzwerk TUCUM ins Leben gerufen.