Casa Taiguara – Abrigo Permanente

Ein neuer Projektabschnitt steht kurz vor seiner Vollendung

cont proj 143 1Regelmäßig berichteten wir in den vergangenen Jahren über diese Arbeit in São Paulo (siehe BN 138, 141). Seit Beginn des Projekts im Jahr 1995 gelang es der Nicht-Regierungsorgansiation Moradia Associação Civil die Konzeption ihrer Arbeit weiten Kreisen so nahe zu bringen, dass es im Laufe der Jahre möglich war, mehrere Häuser zu eröffnen.

 
Am Anfang standen viele einzelne Privatspenden, es folgten, u.a. mit Unterstützung der Brasilieninitiative, auch institutionelle Spenden. Statistiken belegten, dass die Taiguara-Arbeit Erfolge vorzuweisen hat, sodass sich seit einigen Jahren auch die Stadtverwaltung São Paulos finanziell an dem Projekt beteiligt.

Um das Taiguara-Konzept, das sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelte, abzurunden, ergab sich die Notwendigkeit eines Abrigo Permanente, eines Hauses, in dem Jugendliche bis zu ihrem 18. Lebensjahr bleiben können. Deshalb stellte 2010 die  Brasilieninitiative Freiburg e.V. einen entsprechenden Antrag an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ ), der auch bewilligt wurde. Damit ist der Kauf eines in Frage kommenden Hauses möglich. Zugleich jedoch bedeutet es für die Brasilieninitiative Freiburg e.V. das Aufbringen eines beträchtlichen Eigenanteils.

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick

Zu Beginn stand 1996 die Initiative eines Einzelnen: Daniel Fresnot. Er konnte es nicht mehr mit ansehen, wie an den Ampeln in der Stadt Kinder versuchten, einige Cents zum Überleben zu bekommen. Auch der Anblick der unter den Brücken lebenden Familien war für ihn eine Herausforderung, endlich etwas zu tun. Zusammen mit Freunden gründete er deshalb die Nichtregierungsorganisation Moradia Associação Civil. Durch viele Privatspenden und das persönliche finanzielle Engagement Daniel Fresnots kam es zum Kauf eines Hauses in der  Rua Vicente Prado im Stadtteil Bela Vista in São Paulo. Mit Casa Taiguara entstand das erste Haus in São Paulo, das rund um die Uhr Straßenkindern als Anlaufstelle offen stand.
Das Besondere am Taiguara-Konzept war von Anbeginn an die Möglichkeit, durchweg 24 Stunden am Tag Ansprechpartner zu finden; es gab kleine, überschaubare Gruppen von ca. 20 Kindern oder Jugendlichen und eine gute Ausstattung des Betreuungspersonals mit anständiger Entlohnung. Dieses 1996 angewandte Konzept war zur damaligen Zeit einmalig in São Paulo. Hinzu kam, dass dieses Haus auch offen für diejenigen Straßenkinder war und  ist, die einfach nur mal duschen oder essen möchten. Nur wenige Regeln (kein Waffenbesitz, keine Drogen, keine Gewalt) müssen innerhalb des Hauses befolgt werden. Wer sich zu bleiben entscheidet, hat nicht nur eine sichere Schlafstelle, er kann auch wieder einen Schulabschluss in Angriff nehmen oder durch vielfältig angebotene Aktivitäten sich selbst und seine Fähigkeiten entdecken. Das ist für Kinder, die keinen geregelten Tagesablauf mehr kennen, eine große Herausforderung. Das Taiguara-Team – das sind Erzieher, Sozialarbeiter, Psychologen und Ehrenamtliche – ist auch bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt behilflich. Leider sind viele Straßenkinder drogenabhängig. Auch hier bietet das Taigurara-Team Lösungen an: Ist der Jugendliche zu einer Entziehungskur bereit, geht er in eine Entziehungsklinik außerhalb São Paulos.

Was folgte: Casa Taiguarinha – Casa Verde – Casa República - Casa de Cultura

Kurze Zeit nach Eröffnung des ersten Hauses zeigte sich in der Praxis, wie problematisch das Zusammenleben von Straßenkindern verschiedener Altersstufen ist. Konsequenterweise folgte 2002 die Eröffnung eines zweiten Hauses: Casa Taiguarinha für die 7 – 12jährigen Straßenkinder. Da die Nachfrage sehr groß war, eröffnete 2007 mit Casa Verde ein weiteres Haus, und im selben Jahr kam Casa República hinzu, ein kleines Haus mit acht Plätzen für über 18-Jährige. (Nach dem brasilianischen Gesetz dürfen über 18-Jährige nicht mehr in Straßenkindereinrichtungen leben.) Dieser Übergang von Casa Taiguara in ein selbstständig geführtes Leben ist ein bis jetzt einmaliger Versuch in São Paulo. 2008 schließlich folgte mit Casa Taiguara de Cultura ein Haus, in dem vielseitige Aktivitäten stattfinden, so Capoeira, Hip Hop, Computerkurse, Filmvorführungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Straßenkinder, die nicht unbedingt in einem der Taiguara-Häuser wohnen, es ist ein offenes Angebot.

Und heute: Abrigo Permanente – eine ständige Bleibe

Seit 1996 haben schätzungsweise 6.000  Jugendliche Casa Taiguara durchlaufen. Bislang war jedoch nur eine vorübergehende Aufnahme möglich, d.h. das Kind bzw. der Jugendliche konnte nur so lange in Taiguara bleiben, bis er entweder in seine Familie zurückkehrte oder in einer Einrichtung in seinem Herkunftsstadtteil einen Platz bekam. Die „Weiterverschickung“ in die Nähe des Herkunftsortes hatte aber oft für die Betroffenen unangenehme Folgen: Es kam zum Abbruch der Kontakte, die mit anderen Bewohnern des Casa Taiguara und den dortigen Betreuern aufgebaut worden waren. Die Auseinandersetzung mit neuen Tagesabläufen bereitete vielen Kindern und Jugendlichen genauso Kopfschmerzen  wie ihr erneuter Kontakt mit einer oft unangenehmen Vergangenheit.
Hier setzt nun das geplante Haus Casa Taiguara Permanente an. Jene Jugendlichen, die nicht in ihre Herkunftsfamilien zurück können oder wollen, erhalten ein sicheres Zuhause bis zu ihrem vollendeten 18. Lebensjahr. Damit bekommt die Arbeit des Projekts Casa Taiguara eine sinnvolle Ergänzung - das gesamte Taiguara-Konzept wird dadurch ‚rund’.
„Brasilien ohne Straßenkinder“ – die Arbeit der Taiguara-Mitarbeiter kommt dieser Vision des Moradia-Vorsitzenden Daniel Fresnot einen Schritt näher. Doch zur endgültigen Verwirklichung ist es noch immer ein weiter Weg. Und auch der Staat ist gefordert. Den Weg zu einer solchen Gesellschaft weist die Arbeit von Casa Taiguara.
Seit Beginn begleitet die Brasilieninitiative Freiburg e.V. dieses Straßenkinderprojekt. Schon bisher konnten wir - dank Spenden einzelner Personen - jährlich kontinuierlich einen Beitrag für die Aufrechterhaltung dieser wichtigen Arbeit beisteuern. Wir, bzw. unser Partner in Brasilien, würden uns über weiter Unterstützer/innen freuen.

Günther Schulz
{mosimage} Brasilieninitiatve Freiburg e.V.

Volksbank Freiburg
Konto 250 548 06
BLZ 680 900 00
Kennwort: „Abrigo Permanente.“