Der Regenwaldschuh Schutz des Regenwaldes - Einnahmequelle für die Bewohner Amazoniens

projekt regenwaldschuhMarc Müller

Immer wieder ist vom Schutz des Regenwaldes die Rede, die Suche nach nachhaltiger Bewirtschaftung bringt immer wieder neue Ideen hervor. So leben inzwischen 700 Gummizapferfamilien aus dem Chico-Mendes-Reservat im Bundesstaat Acre von ihrer den Regenwald schonenden Arbeit. Die von ihnen gezapfte Latexmilch wird an eine nahegelegene Fabrik verkauft, die hiervon wiederum Kondome herstellt. Jetzt wurde eine neue Idee umgesetzt: Es ist das Regenwaldschuh-Projekt „Sêlva“das im brasilianischen Amazonas-Bundesstaat Pará angesiedelt ist und bei dem nationale und internationale Partner zusammenarbeiten.


Das Ergebnis ist ein Mokassinschuh, der zu 94% aus Materialien der Amazonas-Region besteht und dezentral in Kooperativen energie- und emissionsarm an örtlichen Produktionsmethoden orientiert und mit geringem Kapitaleinsatz hergestellt wird.
Die Grundlage für das Obermaterial bildet die Fruchtstandhülle der Ubuçu-Palme (Manicaria saccifera), die in Mittel- und Südamerika in Sümpfen oder in Flussmündungsgebieten zum Meer wächst. Frauen der Kooperative Aflomar (Associação das Artesãs Flor do Marajó) sammeln das hellbraune, Tururi genannte gewebeartige Material auf der Amazonas-Flussinsel Marajó, die etwas so groß wie die Schweiz ist. Hierbei handelt es sich um eine kontrollierte Wildsammlung, für die das Freiburger Regenwald-Institut gerade eine Zertifizierung ausarbeitet. Die Hüllblätter gelangen dann auf dem Amazonas und Rio Tapajós mit dem normalen Frachtschifftransport zur etwa 100 km entfernten Gummizapferkooperative Coomflona (Cooperativa Mista da Flona Tapajós) im Waldnationalpark „Floresta Nacional do Tapajós“. Deren Latexgewinnung unterliegt der Kontrolle der Nationalparkverwaltung.
In der etwa 500 Mitglieder starken Kooperative wird das Tururi zunächst auf einen Holzrahmen gespannt, damit es eine größere Oberfläche und eine rechtwinkelige Form erhält. Dann wird es auf einen 2 m breiten Zylinder gelegt und mit Gummimilch benetzt.
Dabei profitieren die Zapfer vom Projektpartner Oliver Heintz, Inhaber der Firma Bark Cloth Europe, der über jahrelange Erfahrung in der Latexbeschichtung von ugandischen Rindenbaststoffen verfügt und das Verfahren an die besonderen Erfordernisse der Tururi-Faser angepasst hat. Die Einlegesohle aus Nadelvlies liefert die Firma Pematec Triangel do Brasil, Santarém (Pará). Es besteht aus kurzen Ananasfasern mit einem geringen Prozentsatz recycelten Polypropylens. Lange Ananasfasern kommen gezwirnt als Faden oder gedreht als Schnur zum Einsatz. Das Futter wird aus Baumwolle oder Leinen hergestellt. Die Kreppsohlen gießen die Mitglieder der Kooperative mit Naturkautschuk in Gipsformen. Die Einzelteile werden mithilfe von Latexmilchklebstoff und Säulen-Nähmaschinen verbunden.
Die Schuhe werden zum Schluss mit den Pflanzenölen Buriti (Mauritia flexuosa) oder Andiroba (Carapa guianensis) behandelt. Der modulare Aufbau des Schuhwerks erleichtert Reparaturen und den Austausch defekter Teile. Bisher bestehen zwei Schuhmodelle „Sêlva 01“ und „Sêlva 02.“ Derzeit suchen die Projektpartner in Deutschland einen Schuhhersteller, der bereit ist, diese Modelle auf dem Markt anzubieten. Prototyp „Sêlva 01 wurde Anfang Juni bei der UNO-Konferenz zur Nachhaltigen Entwicklung (Rio+20) in Rio de Janeiro als beispielhaftes Projekt für „Green Economy“ („Grüne Ökonomie“) und nachhaltige Entwicklungsprojekte vorgestellt.
Wie bei den Gummizapfern in Acre ist dies ein weiterer Versuch, sowohl den Regenwald zu schützen als auch seinen Bewohnern ein geregeltes Einkommen zu sichern.

Ausgabe 146/2012