Das Guayana-Projekt. Ein deutsches Abenteuer am Amazonas

Jens Glüsing, Berlin 2008, Ch. Links Verlag, 19,90 €

Der deutschstämmige Christopher Jaster ist seit 2002 Brasilianer. Mit einer Handvoll Leute wacht er im Auftrag der Naturschutzbehörde IBAMA über den größten Regenwald-Nationalpark der Welt (Tumucumaque). Mit der Ausdauer eines tropischen Don Quijote  kämpft er gegen Brandrodungen, illegale Ansiedlungen von Goldsuchern, gegen Wilderer und Drogenkuriere sowie korrupte Umweltbeamte.

Feinde hat er viele, Mitstreiter wenige. Alteingesessene fürchten um ihre Gewohnheitsrechte und ihre Pfründe. Aber auch drei konkurrierende NGOs (WWF, Greeenpeace, Conservation International) sind ein Machtfaktor in der Region und machen seine Aufgabe nicht eben leichter. Der „Förster vom Amazonas“ arbeitet mit einheimischen Indianern und einer Handvoll Mitstreiter für den Erhalt des bedrohten Naturparadieses.
Spiegel-Korrespondent Jens Glüsing begab sich Mitte der zehner Jahre des 21. Jahrhunderts mit dem „Urwaldförster“ auf eine abenteuerliche Expedition in das Grenzgebiet zu Französisch-Guyana (Cayenne) – auf den Spuren des späteren SS-Offiziers Otto Schulz-Kampfhenkel. Über ihn weiß man kaum etwas, aber die Gemeinde Laranjal aus jener Region wirbt im Internet mit einem „Nazi-Friedhof“. Was hat es damit auf sich?
Anhand des sich im Archiv befindlichen Original-Expeditionsberichtes sowie der Auswertung von verschiedenen Dokumenten aus Brasilien, Deutschland und den USA rekonstruiert Glüsing das Unternehmen der Nazis vor dem Zweiten Weltkrieg. Die offizielle Mission klang harmlos: Erforschung der Tierwelt am Rio Jary und Erprobung des Einsatzes des Wasserflugzeugs Henkel-Seekadett 72. Ganz „nebenbei“ betreibt Schulz-Kampfhenkel Luftaufklärung und erarbeitet sein „Guayana-Projekt“ zur abenteuerlichen Eroberung der drei Guayanas durch Deutschland und somit die Schaffung eines faschistischen Brückenkopfes in Südamerika – eines Fakts, das den wenigsten sich mit dem Dritten Reich befassenden Historikern bekannt sein dürfte.
Alternierend erzählt Glüsing von beiden siebzig Jahre auseinanderliegenden Unternehmungen und damit auch über den ökologischen Wandel in der Amazonas-Region. Nicht immer wird der Nutzen der vergleichenden Darstellung deutlich, sondern verwirrt eher. Der Leser wünscht sich zuweilen, dass die „alte Geschichte“ näher und vor allem separat untersucht und dargestellt werden würde. Der Bericht der Reise in den Urwald heutigen Tages hätte mit Sicherheit ein eigenes Buch gefüllt. Glüsing geht ebenso darauf ein, dass sich Anfang des 21. Jahrhunderts auf Betreiben der französischen Regierung ein neues Guayana-Projekt abzeichnet: Im nördlichen Amazonasgebiet soll ein gigantisches internationales Naturschutzgebiet entstehen. Das offizielle Brasilien fürchtet jedoch eine „Invasion mit grünem Anstrich“ und hat andere Pläne: Das größte Regenwaldgebiet soll sich in eine blühende Wirtschaftszone mit Tausenden neuer Unternehmen verwandeln. Vorsicht und Protest sind also geboten.
In seiner packenden Reportage macht Glüsing auch deutlich, wie die Entscheidungen, die jetzt im Amazonasgebiet fallen, nicht nur in Brasilien, sondern global das ökologische System nachhaltig verändern werden.

Anne Reyers