Futebol– die brasilianische Kunst des Lebens

Alex Bellos, Fischer Taschenbuch Verlag. € 9.95

Das brasilianische Trauma von 1950 wirkt noch immer: Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land, das Endspiel in Rio de Janeiro im wunderbaren Maracana-Stadion – und Brasilien verliert gegen Uruguay 1:2! Unglaublich! Es gibt Brasilianer, die immer noch jede Minute des Spiels nacherzählen können. 


„Ich hoffe, dass meine Wahrheit Ihnen gefallen wird, denn es gibt sehr viele Wahrheiten. Sie müssen entscheiden, welches die wahre Wahrheit ist, und sie dann analysieren.“ (Ronaldo)
Juli 1998, wieder ein WM-Finale, diesmal in Paris, Frankreich gegen Brasilien. Es endet 0:3 für Frankreich. Es spielt ein offensichtlich angeschlagener Ronaldo. Gerüchte machen die Runde, von Verträgen mit Nike (dem Sponsor der brasilianischen Mannschaft) ist die Rede. Das brasilianische Abgeordnetenhaus setzt eine Untersuchungskommission ein, die klären soll, was der Inhalt dieser Verträge zwischen Nike und dem CBF, dem brasilianischen Fußballverband ist. Drei Jahre später im Abschlussbericht erscheint der CBF als „krimineller Ort, wo Desorganisation, Anarchie, Inkompetenz und Verlogenheit herrschen“.
Penta-Champion: 1958, 1962, 1970, 1994, 2002. Penta – das ist die Zählung, hier sind gloriose Vergangenheit und Gegenwart des Fußballs in einem Wort vereint. Doch Bellos schreibt nicht nur über die großen Turniere, er reiste zwischen Amazonien und Rio Grande do Sul quer durch das Land, die Spieler auf dem Land, die Fans, die großen und kleinen Clubs, die teilweise mafiösen Strukturen: seine Geschichten dahinter sind es, die das Buch ausmachen. Ob nun Pelé, Garrincha oder Marcelo auf den Färöer-Inseln, Vasco da Gama, die Corinthians oder Breijinho, eine Stadt mit 3000 Einwohnern und einem Stadion für 10.000 Besucher – in liebevoller Leidenschaft über eine Obsession zu schreiben, das ist Bellos gelungen.
Der eingefleischte Fan kommt bis in die letzten Seiten auf seine Kosten: alle WM-Spiele mit brasilianischer Beteiligung: Siege, Niederlagen, Tore, sämtliche Spieler, Schiedsrichter und noch dazu viele Literaturhinweise.
Anne Reyers