Leben im Moment? Soziale Milieus in Brasilien und ihr Umgang mit Zeit

Stoll, Florian. Campus Verlag Frankfurt 2012. 366 Seiten, € 39.90

Was ist Zeit? Welche Bedeutung hat sie in den verschiedenen sozialen Milieus Brasiliens? Die Untersuchung Florian Stolls betrifft brasilianische Sozialformationen, besonders in Recife im brasilianischen Nordosten. Alltägliche Lebensbedingungen, Arbeitsalltag, Sozialstrukturen wie auch  die verschiedenen ökonomischen, historischen und kulturellen Einflüsse, deren Gewichtung und Bedeutung werden untersucht.
Ausgehend von der Soziologie Pierre Bourdieus stellt Stoll fünf soziale Milieus dar: Oberschicht, obere, mittlere und untere Mittelschicht sowie Arbeiterschaft und Marginalisierte. Anhand der Kriterien Position, Arbeitsform, Habitus, Lebensstil, Kultur, soziokulturelle Einflüsse und vor allem anhand des unterschiedlichen Zeitbegriffes beschreibt er die einzelnen Schichten und erkennt, dass es keinen einheitlichen Zeitbegriff gibt. Die großen Unterschiede der Lebensbedingungen der verschiedenen Milieus gebieten es, dass Marginalisierte kaum planen können („gefangen im Moment“) bis hin zur oberen Mittelschicht, die auf Pünktlichkeit und Planung hin ausgerichtet ist. Das Konzept des brincar (nach Vilém Flusser) zieht sich zwar durch alle Schichten, ist jedoch je nach Position in der Gesellschaft, mal mehr im Berufsleben, mal mehr im Freizeitbereich angesiedelt.
Trotz der manchmal sehr theoretischen Sprache vermittelt diese Doktorarbeit gut, wie soziale Schichtung funktioniert und wie verschieden Menschen mit der Zeit umgehen. Und trägt damit ein kleines bisschen für das andere Verständnis von Zeit in Brasilien bei.

Anne Reyers