Abholzung total auf brasilianisch Ein trauriger Besuch im Bundesstaat Mato Grosso

umwelt abholzungMaik Sadzio

An einem sonnigen Morgen bei 37 Grad fährt mich Mikel, ein Vogelbeobachter aus Sinop zu Brigitte W. Frick, einer weit bekannten Umweltaktivistin, in die Kleinstadt Claudia. Sinop und Claudia liegen im Herzen Brasiliens im Bundesstaat Mato Grosso – zu deutsch „Großer Wald“. Vor zehn Jahren, erzählt Mikel auf der 80 Kilometer langen Fahrt, stand hier noch der Wald. Über 865 Vogelarten seien hier heimisch gewesen. In den verbliebenen Waldstücken gebe es einige bis heute. Was ist hier passiert, frage ich neugierig. Mikel erzählt mir die traurige Geschichte seiner Heimatregion, im einst größten Wald Südamerikas.


Die Gauchos aus Rio Grande do Sul kamen, um den Wald abzuholzen. „Wir haben Rio Grande do Sul abgeholzt, jetzt holzen wir auch Mato Grosso ab“, so war ihr Schlagruf weithin zu hören. Noch vor wenigen Jahren gehörten die Wälder einheimischen Waldbesitzern, die regen Holzhandel betrieben und so ihren Familien ein Auskommen erwirtschaften konnten. Bis Greenpeace kam... Hier wurde ich hellhörig. „Greenpeace“, fragte ich „setzt sich doch weltweit für den Erhalt der tropischen Wälder ein oder täusche ich mich da?“ „Ja, ja“ erzählt Mikel, „das stimmt schon, aber Greenpeace hat sich getäuscht und verrechnet“. Inwiefern, frage ich weiter. Das kam so: Die Waldbesitzer hatten kleine Waldstücke seit Generationen in ihrer Bewirtschaftung. Sie lebten vom Verkauf wertvoller Hölzer aus ihren Beständen. Sie schlugen immer einzelne Bäume, um sie zu verkaufen. Nie fällten sie ihre gesamten Wälder, weil sie sonst ihre Lebensgrundlage vernichtet hätten. Nun trat Greenpeace gemeinsam mit der IBAMA, der brasilianischen Umweltschutzbehörde, gegen die Waldbesitzer und Holzhändler an, um der Abholzung geschützter Baumarten Einhalt zu gebieten. Hubschrauber kamen mit Umweltaktivisten in die Wälder, zusammen mit dem Liveprogramm von TV Globo. Die Holzhändler wurden mit hohen Strafen belegt, da sie gegen die strengen Umweltgesetze verstießen und Edelhölzer zum Verkauf gefällt haben. Skandale und Tragödien trugen sich hier zu. Täglich berichtete der Fernsehsender Globo von diesen verbrecherischen Holzhändlern, die die tropischen Wälder abholzten. Sie verschwiegen dabei, dass sie zunehmend in große finanzielle Bedrängnis gerieten und durch diese Umweltpolitik von Greenpeace und der IBAMA in den Ruin getrieben wurden.
Schließlich verkauften viele Waldbesitzer ihre paar Hektar Wald, um die teuren Strafen zu bezahlen und zogen schließlich weg. Sie verloren ihre Lebensgrundlage: den Wald. Nun traten die Agrobusiness-Farmer aus dem Süden Brasiliens auf, um in rasender Eile möglichst große Flächen dieser Waldstücke zu kaufen und so schnell 20.000 bis 30.000 Hektar des Waldes in Besitz zu nehmen. Ihre Absicht war allerdings eine andere, als sich Greenpeace und die IBAMA je in ihren kühnsten Albträumen vorgestellt hatten. Sie wollten am Weltmarkt der Sojabörse und der Rinderzucht ihr großes Geld verdienen.
Mikel berichtete von einem Großgrundbesitzer, der zahllose kleine Wälder unmittelbar um die Jahrtausendwende aufgekauft hatte. Verboten ist in Brasilien die Abholzung von Edelhölzern als auch das Abbrennen der Wälder zur Urbarmachung für das Agrobusiness. Der Gaucho-Chef eines 30.000 Hektar großen Waldes begann seinen Wald abzubrennen. Wieder erschienen Greenpeace, die IBAMA und TV Globo mit Hubschraubern – diesmal, um auf das illegale Abbrennen der Regenwälder aufmerksam zu machen und dagegen Sturm zu laufen. Der Fazendeiro setzte sich in den Bundesstaat Paraná ab und tauchte unter. Ein paar Wochen später gab er seinen Angestellten den Befehl, in einer bestimmten Nacht an mehreren Stellen seines Waldes Feuer zu legen. Greenpeace und die IBAMA-Mitarbeiter mussten mit ihren Hubschraubern ihr Camp aufgeben und vor den Feuerwalzen fliehen. Der Großgrundbesitzer schaffte es, in einem halben Jahr seine 30.000 Hektar Wald dem Erdboden gleich zu machen. Erst die Feuerwalze, dann die Häckselmaschinen, die die verkohlten Baumstümpfe zu Staub zermahlen. Das Feuer wird in Kesseln gelegt, damit die fliehenden Wildtiere mit verbrennen und keine Probleme verursachen.
Die Autofahrt ging zu Ende und wir erreichten das Städtchen Claudia, wo wir die Umweltaktivistin und Waldschützerin Brigitte W. Frick besuchen wollten. Wir gingen über die Straße von der lutherischen Kirche zu Brigittes Haus, das auf einem großen Grundstück im Stil eines Schwarzwaldhauses in den 80er Jahren erbaut wurde. Brigitte empfing uns auf der Veranda. Sie konnte sich kaum bewegen – sie hatte am vorherigen Abend einen Hexenschuss erlitten. Seit fast 40 Jahren wohnt die Deutsche in Claudia, wo sie einst mit ihrem damals noch lebenden Ehemann ein kleines Hotel betrieb. Wir kamen mit Brigitte ins Gespräch. Ich fragte sie, wie sie die augenblickliche Lage hier sehe. Tränen stiegen in ihren Augen auf – vor körperlichem Schmerz, weil ihr Hexenschuss sich meldete – und vor seelischem Schmerz über die in den letzten zehn Jahren verloren gegangenen großen Waldflächen. Ihr Lebensprojekt vom Schutz und von der Bewahrung der Wälder in der Umgebung Claudias ist im wahrsten Sinne des Wortes von den Sojabaronen verbrannt worden. Brigitte schildert mit Tränen in den Augen, wie die Hitze in Claudia heute dazu führt, dass fast jeder Einwohner nur noch mit Klimaanlage schlafen kann. Einst kühlten die umliegenden Wälder die Nachtluft rasch ab, so dass es angenehm zum Schlafen wurde. Heute geht in Claudia die Angst vor Vergiftungen um, weil im Frühjahr die Fazendeiros der immens riesigen Ländereien mit Flugzeugen Gift gegen Schädlinge und Schimmelpilze versprühen. Die Menschen in Claudia fühlen sich verraten und verkauft. Ohnmacht greift um sich. Einige verlassen schon den Ort, weil die Arbeitslosigkeit um sich greift, nachdem die kleinen Holzhändler weggezogen und die Sägewerke geschlossen hatten. Die Großgrundbesitzer bewirtschaften ihre kilometerlangen Äcker mit riesigen Maschinen, für die sie kaum Arbeiter benötigen.
Mich stimmte dieses traurige Gespräch mit Mikel und Brigitte sehr nachdenklich. Ich verstand das erste Mal nach meinen mehr als 20 Brasilienreisen seit 1993, weshalb Brasilien so heißt: „Pau do Brasil“, das rötliche Brasilholz, gab dem Land einst seinen Namen, es war der große Urwald von den Anden bis zum Atlantik! Was es heißt, wenn der Urwald dem gierigen Agronom begegnet und er sich das Land untertan beziehungsweise fruchtbar macht, konnte ich mit eigenen Augen sehen:Sojaplantagen soweit das Auge reicht für den Weltmarkt als Schweine- und Rinderfutter für die hungrige Weltbevölkerung.

Maik Sadzio, Studienrat in München-Schwabing

Ausgabe 151/2015