Brasilien: Supermacht der Agroenergie

agroernergie 1Mit einem Anteil von 45 % der Energie aus sogenannten erneuerbaren Quellen nimmt Brasilien global gesehen eine Spitzenposition sowohl als Verbraucher als auch als Produzent sogenannter erneuerbarer Energie ein, denn im Gegensatz zu Europa ist Brasilien in dieser Hinsicht autark.

Ein Blick auf die in Brasilien genutzten erneuerbaren Energiequellen, Wasserkraft (14,5%) und Biomasse (30,1%) und vor allem auf deren Dimensionierung lassen jedoch rasch erahnen, dass erneuerbare Energie nicht mit nachhaltig produzierter Energie gleichzusetzen ist.
Obwohl erneuerbare Energien, und damit auch Wasserkraft und Biomasse für eine dezentrale Energieversorgung bestens geeignet sind, und damit in kleinem Maßstab angelegt auch zur Entwicklung entlegener Gebiete beitragen können, werden beide Energieformen in Brasilien vor allem in großem Maßstab und konzentriert genutzt und sind damit Problem beladen und von Nachhaltigkeit weit entfernt.
Brasilens Megastaudämme, von denen jeder einzelne zu einer Überflutung von über 1000 km² großen Regenwaldgebieten führen, sind darauf ausgerichtet vor allem die Wirtschaftszentren des Landes mit Energie zu versorgen und eine Grundlage für den Export von Energie zu schaffen. Landrechte indigener und traditioneller Gemeinschaften auf diesen Gebieten werden gar nicht wahrgenommen, und der großflächige Anbau von Pflanzen für die Agrotreibstoffproduktion wird vorangetrieben und hinterlässt im brasilianischen Hinterland vor allem Schäden und Geschädigte..
Durch seine klimatischen und geographischen Gegebenheiten verfügt Brasilien über ein vergleichsweise großes Potential auf dem Gebiet der Agrotreibstoffproduktion und positioniert sich aktuell als bedeutendster Produzent von Agrotreibstoffen, sowie als Exporteur von Technologien auf dem internationalen Markt. Die Produktion von Kraftstoffen aus Biomasse steht im Zentrum der brasilianischen energie-, klima- und agrarpolitischen Entwicklungsstrategien.
Mit dem nationalen Agroenergieplan für die Jahre 2006-2011 hat die brasilianische Regierung ein umfassendes Forschungs- und Entwicklungsprogramm für den Ausbau des Agroenergiesektors aufgelegt. Neben Aspekten von Forschung und Entwicklung gibt der Plan auch einen Überblick über die mögliche räumliche Ausweitung der Agroenergieproduktion und bezieht hierbei mit der Erweiterung der möglichen Anbaufläche auf knapp 200 Millionen Hektar bis 2030 ein knappes Viertel der brasilianischen Staatsfläche in die Planungen ein. Hierbei verweist der Plan darauf, dass dies ohne Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion und mit nur geringen ökologischen Beeinträchtigungen erreichbar sei. Bedenkt man allerdings, dass auf dem brasilianischen Staatsgebiet mit seinen 851 Millionen Hektar Fläche bereits 227 Millionen Hektar Weidefläche und 62 Millionen Hektar  landwirtschaftliche Anbaufläche liegen und dass die Fläche des brasilianischen Amazonaswaldes aktuell noch 340 Millionen Hektar umfasst, so gerät man rasch ins Grübeln, wie der Schutz Amazoniens und auch der Reste weiterer artenreicher Lebensräume, wie des Cerrado oder der Mata Atlântica, mit diesen ehrgeizigen Zielen in Einklang gebracht werden könnten.{mospagebreak}

Brasilianische Programme zur Agrotreibstoffproduktion

Hinsichtlich der Nutzung von Agrotreibstoffen kann Brasilien auf eine lange Geschichte  zurückblicken. Im Falle des Zuckerrohrethanols reicht sie bis in die 1920er Jahre. Bis zur Ölkrise in den Siebzigern liefen Forschung und Nutzung jedoch auf niedrigem Niveau, und auch nach dem ersten Boom ebenfalls in den Siebzigern waren Nachfrage und Produktion großen Schwankungen unterworfen. Beimischungsquoten von aktuell 25 % für Alkohol und 2% für Biodiesel (ab 2013: 5%) bildeten dabei bislang das nationale Rückgrat für den Absatz.
Bislang wurden in Brasilien bereits drei Programme zur Förderung des Agroenergiesektors aufgelegt, die heute in Verbindung mit dem Nationalen Agroenergieplan für die Jahre 2006 bis 2011 die Eckpfeiler der brasilianischen Agroenergiepolitik bilden.  
Zunächst stand hier das ProAlcool-Programm im Vordergrund, das 1975 von der damaligen Militärdiktatur aus Sorge um die brasilianische Energieabhängigkeit ins Leben gerufen wurde. Es hat seitdem massiv die Ethanol-Industrie subventioniert. Dieses Programm führte dazu, dass die reine Nutzung von Alkohol als Treibstoff vorangetrieben wurde. Durch die Beimischungspflicht von Alkohol zu normalem Benzin, die zur Zeit bei einem Prozentsatz von 25% liegt, stieg der Alkoholabsatz jedoch auch zusätzlich.
Nach einem anfänglichen Boom alkoholbetriebener Fahrzeuge flaute die Nachfrage nach Alkohol in den 1990er Jahren wieder ab, stieg aber nach der Einführung der ‚carros flex’, also der Motoren, die Benzin und Alkohol in beliebiger Mischung verbrennen können, wieder deutlich an. Aktuell können in Brasilien ca. 90 % der PKWs mit Alkohol betrieben werden. Es ist deshalb kein Wunder, dass Alkohol bereits Anfang 2008 einen Anteil von 50% an der Versorgung der Benzinmotoren erreichte.
Um die enorme nationale Nachfrage zu befriedigen und auch im Exportsektor die Nase vorn zu haben, expandieren Zuckerrohranbau und –verarbeitung  in hohem Maße. Hierbei wandern knapp über 40% des Zuckerrohrs in die Treibstoffherstellung. Bereits 2006 führte Brasilien den Export von Ethanol mit einer Exportmenge von 3,43 Milliarden Liter an, was 70% des global gehandelten Ethanols entsprach. Während der Zuckerrohranbau 2006 noch sechs Millionen Hektar einnahm, vergrößerte sich die Anbaufläche bis Ende 2009 bereits auf knapp neun Millionen Hektar. Eine weitere Expansion auf 30 Millionen Hektar wird bis 2025 angenommen. Um diese enorm wachsende Produktion zu verarbeiten, ist bereits bis 2012 der Bau von 100 neuen Destillen geplant.
Häufig sind die Arbeitsbedingungen beim Zuckerrohranbau bedenklich. Trotz zunehmender Mechanisierung wird nach wie vor die überwiegende Anzahl der Flächen manuell geerntet. In der brasilianischen Zucker- und Ethanolindustrie arbeiten circa eine Million Menschen, etwa 400.000 davon sind Zuckerrohrschneider. Nicht selten sind die Arbeitsbedingungen miserabel, und Verstöße gegen das Arbeitsrecht haben keinen Seltenheitswert. Immer wieder werden Fälle von Schuldknechtschaft und sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen aufgedeckt. Unter den Arbeitern sind viele ehemalige Kleinbauern, die teils mit Gewalt von ihren Farmen vertrieben wurden und sich nun als billige Arbeitskräfte verdingen müssen. Auf den abgefackelten, rußigen Feldern arbeiten sie im Akkord bis zu zwölf Stunden, und das bei glühender Hitze, ohne Schatten. Die extrem harte Arbeit führt zu körperlichem Verschleiß, und selbst Todesfälle durch Erschöpfung treten immer wieder auf. Die Arbeiter werden nach Erntemenge in Tonnen bezahlt, wobei neuere Züchtungen den Zuckergehalt des Zuckerrohrs erhöht und gleichzeitig den Wassergehalt des Zuckerrohrs verringert haben. Dies bedeutet, dass zwar die Firmen durch den höheren Zuckergehalt höhere Gewinne einfahren, die Zuckerrohrschneider jedoch für ihre Arbeit weniger erhalten, denn das Rohr wird leichter. Um den gleichen Lohn wie noch vor einigen Jahren zu verdienen, müssen die Zuckerrohrschneider daher heute mehr Zuckerrohr schneiden.
Zweiter Eckpfeiler der Agrotreibstoff-Politik ist das nationale Biodiesel-Programm. Es wurde von der Regierung Lula Ende 2004 verabschiedet und schreibt seit 2008 eine Beimischungspflicht von 2 % Biodiesel zu herkömmlichem Treibstoff vor, wobei dieser Prozentsatz ab 2013 auf 5% erhöht werden soll. Im Gegensatz zum ProAlcool-Programm, das einzig dazu diente, die Abhängigkeit vom importierten Erdöl zu verringern und weder soziale noch ökologische Kriterien berücksichtigte, wurden hier nun soziale und ökologische Standards festgeschrieben, wodurch die Förderung strukturschwacher Regionen und die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zumindest auf dem Papier existieren. Teil des Programms ist dabei der kleinbäuerliche Anbau von Rhizinus im Nordosten des Landes, bzw. von Ölpalmen im Norden. Hersteller von Agrodiesel, die auf Ausgangsstoffe von Kleinproduzenten zurückgreifen, müssen geringere Steuern zahlen und können auf die Finanzierungen der Brasilianischen Entwicklungsbank zugreifen.
Bislang basiert die Herstellung von brasilianischem Biodiesel jedoch zu ca. 80% auf Soja und nur zu 2,6% auf Ölen aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft, wie Rhizinus, Sonnenblumen oder auch Palmöl. Um die ehrgeizigen Beimischungsziele zu erreichen, wird sich auch der Sojaanbau, der mit über 22 Millionen Hektar bereits heute 35% der landwirtschaftlich genutzten Fläche Brasiliens einnimmt, weiter ausdehnen. Allerdings dient bisher nur ein geringer Prozentsatz der Sojaproduktion der Herstellung von Treibstoff. Der größte Anteil entfällt auf die Futtermittelproduktion. Das bei der Ölproduktion zurückbleibende Sojamehl wandert jedoch ebenso in die Futtermittelindustrie wie unverarbeitetes Soja. Die Nachfrage aus beiden Sektoren steigt nach wie vor.
Eine aktuelle Studie errechnete die Notwendigkeit gewaltiger Expansionen des Anbaus von Zuckerrohr und Soja, wenn die ehrgeizigen brasilianischen Agrotreibstoff-Produktionsziele für 2020 erreicht werden sollen. Sie lägen gegenüber der Produktion von 2003 bei einer Erhöhung der Produktionsleistung um 35 Milliarden Liter im Falle von Ethanol und um vier Milliarden Liter im Falle von Biodiesel. Die Anbaufläche von Zuckerrohr müsste um weitere 5,7 Millionen Hektar und diejenige von Soja um 10,8 Millionen Hektar weiter wachsen. Knapp 90% dieses Anbaus sollen auf ehemaligen Weideflächen erfolgen und würden dadurch die Viehzucht noch weiter in den Regenwald drängen.{mospagebreak}

Bald einer der größten Palmölproduzenten

Im Falle einer vorwiegenden Nutzung von Palmöl für die Biodieselproduktion würde mit 420.000 Hektar die Anbaufläche zum Erreichen der brasilianischen Produktionsziele für Biodiesel weitaus geringer ausfallen. Hierauf reagierte die brasilianische Politik rasch, indem sie im Mai 2010 ein nationales Palmölprogramm auf den Weg brachte. Dieses bildet nun den dritten Eckpfeiler der Agrotreibstoffpolitik. Es soll Brasilien zu einem der größten Palmöl-Produzenten machen. Das Programm sieht die Ausweitung des Ölpalmenanbaus von derzeit etwa 80 Millionen Hektar auf 130 Millionen Hektar im Jahr 2014 vor.  Hierbei sollen zunächst sowohl 900 Kleinproduzenten als auch 300 mittlere und größere Produzenten einbezogen werden. Grundsätzlich sieht das Landwirtschaftsministerium die Möglichkeit in Zukunft bis zu 7.000 Kleinproduzenten in das Programm aufzunehmen. Die Ölpalme liefert dabei im Vergleich zu Soja den zehnfachen Ertrag an Öl. Für die Anpflanzung der Palmen wurde eine Zonierung von geeigneten und ungeeigneten Flächen erstellt. Laut Umweltministerin Izabella Teixeira soll dafür kein Regenwald gerodet werden. Anbauflächen sieht das Landwirtschaftsministerium dabei in erster Linie auf degradierten Flächen in Amazonien und im trockenen Nordosten des Landes. Da die Ölpalmen jedoch ein feucht-tropisches Klima benötigen, würde der Anbau dort im Nordosten nicht ohne Bewässerung möglich sein, wobei sich die Frage stellt, wo in dieser stark durch die Trockenheit geprägten Region ausreichend Wasser für das Wachstum der Ölpalmen zur Verfügung stehen soll.
Mittlerweile sorgen Bestimmungen dafür, dass der Anbau der Treibstoffpflanzen Wälder nicht mehr direkt schädigt: Pflanzungen im Rahmen der drei Programme sollen nur auf Flächen stattfinden dürfen, welche im Jahr 2008 nicht mehr bewaldet waren. Hierdurch trägt der Anbau der Agrotreibstoffe nur sehr unwesentlich zur direkten Entwaldung bei. Indirekte Effekte durch die Verdrängung der Viehzucht, die immer weiter ins Amazonasgebiet verdrängt wird, sind jedoch die Regel. Dagegen hilft es auch nicht, dass die Regierung immer wieder beteuert, dass der Anbau der Agrotreibstoffe dem Amazonasgebiet keinen Schaden zufügen wird. Ganz im Gegenteil: So zeigte sich bereits in den vergangenen Jahren, dass im Staat São Paulo Zuckerrohr vermehrt auf ehemaligen Weideflächen angebaut wurde, wodurch die Viehzucht aus dieser Region verstärkt in den Amazonas-Bundesstaat Mato Grosso auswich. Die Landpreise in Amazonien liegen dabei so niedrig, dass man vom Erlös eines verkauften Hektars im Staat São Paulo 800 Hektar in Amazonien erwerben kann. Auch im Herzen des Landes machen sich heute sowohl der Zuckerrohr- als auch der Sojaanbau breit. Es handelt sich dabei insbesondere um Cerrado-Flächen, die in früheren Jahrhunderten einen Anteil von 23 Prozent an der brasilianischen Landesfläche einnahmen. Das Zuckerrohr trifft man dort selten als Erstkultur an, es wächst vielmehr in der Regel auf ehemaligen Soja-Anbauflächen oder hat die Produktion von Kakao verdrängt. Letztlich haben nur zwei Prozent des Cerrado Schutzgebietsstatus, was diese überaus artenreiche Savannenlandschaft der Agrarindustrie nahezu schutzlos ausliefert.

Reform des brasilianischen Waldgesetzes

Der Staat versucht Stolpersteine auf dem Weg zur weiteren Ausdehnung der Agrartreibstoffproduktion vorsorglich durch Gesetzesreformen im Wald- und Naturschutzsektor auszuräumen. Dadurch wurden bislang illegale Vorgehensweisen legalisiert und der boomenden brasilianischen Agrarindustrie neue legale Wachstumschancen eröffnet.
Im Juni dieses Jahres passierte ein Reformvorschlag, der das strenge brasilianische Waldgesetz aufweicht, den zuständigen parlamentarischen Ausschuss. Es muss jedoch letztlich noch vom Kongress verabschiedet werden, bevor er in Kraft treten kann. Das bisher geltende Waldgesetz legt fest, dass Landbesitzer, je nachdem in welcher Region des Landes ihre Wälder liegen, zwischen 20% und 80 % des Waldes als „Reserva Legal“ stehenlassen müssen. Somit steht ihnen für die Bewirtschaftung nur ein mehr oder weniger großer Teil ihres Landes zur Verfügung. Die Missachtung dieser Vorgaben wird seit einigen Jahren mit Geldstrafen und einer Auflage zur Wiederaufforstung des Landes geahndet, wobei als Zeitraum für die Wiederaufforstung bis zu 30 Jahre zur Verfügung stehen. Auch regelt das Waldgesetz, in welchen Schutzgebieten landwirtschaftliche Aktivitäten gänzlich untersagt sind und welche Abstände zu Wasserwegen eingehalten werden müssen.
Durch die Reform sollen nun die geschützten Teile des Landbesitzes, also die Reserva Legal, die bislang nicht zur Rodung freigegeben waren, um 50% reduziert werden. Landbesitzer, die die Reserva Legal selbst bislang meist als Verletzung ihrer Eigentumsrechte sahen, könnten also deutlich größere Flächen roden. Das könnte insbesondere im Amazonasgebiet, wo der Anteil der Reserva Legal 80% der Besitzfläche ausmacht, zu einem neuen Rodungsboom führen. So würden durch diese Gesetzesänderung beispielsweise in Amazonien circa 85 Millionen Hektar Regenwald für die legale Abholzung freigegeben werden. Diese Fläche ist größer als die bisher an brasilianischem Amazonasregenwald gerodete Fläche. Auch sollen kleine Ländereien bis 400 Hektar gänzlich von den Regeln des Waldgesetzes ausgenommen werden. Deshalb versuchen in manchen Regionen die Großgrundbesitzer ihre Ländereien in mehrere kleinere Teile zu zerstückeln, um so in den Genuss dieser Ausnahmeregelung zu kommen. Sie wollen damit letztlich freier über ihr Land verfügen und allen Wald abholzen. Waldbesitzer, die bereits vor Juli 2008 illegal gerodet haben, sollen darüber hinaus im Rahmen dieses Reformvorschlags amnestiert werden. Die Gesetzesreform amnestiert also letztlich frühere Rechtsbrüche und liefert zusätzlich der Agrarindustrie einen Freischein für weitere massive Flächenexpansion auf Kosten des Waldes.{mospagebreak}

Agrotreibstoffe der zweiten Generation

Neben der Produktion dieser ‚klassischen’ Formen der Agrotreibstoffe ist Brasilien auch für die Agrotreibstoffproduktion der zweiten Generation gut vorbereitet. Bereits ab 2012 soll Treibstoff aus Zellulose, bislang in erster Linie aus Abfallprodukten, hergestellt werden. Allerdings wachsen auch die Eukalyptus-Kurzumtriebsplantagen für die Zellstoffherstellung seit Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2008 verfügte Brasilien über knapp 6,6 Millionen Hektar Baumplantagen, wobei es sich meist um Eukalyptus- oder Pinus-Monokulturen handelte. Die Eukalyptus-Monokulturen dienten bislang vor allem der Zellstoffgewinnung für die Papierindustrie und der Holzkohleproduktion für die Stahlwerke. Letztere verschlingt allein die Produktion von 1,5 Millionen Hektar Eukalyptusplantagen. Für einen Ausbau der Treibstoffherstellung aus Zellulose bieten die wachsenden Monokulturen jedoch ebenfalls eine gute Grundlage.

Zusammenarbeit mit der EU / Programme in Afrika

Die Produktion von Agrotreibstoffen wird jedoch durch Brasilien nicht nur im eigenen Land vorangetrieben. Im Juni diesen Jahres schlossen Brasilien, die EU und Mosambik einen Pakt über die Zusammenarbeit bei der Produktion von Ethanol und anderen Agrotreibstoffen. Die Anbauprogramme sollen dabei der Armutsbekämpfung dienen. Dabei verdrängen in Mosambik jetzt schon die Plantagen mit den Energiepflanzen Kleinbauern von ihrem Land. Für Brasilien würde sich durch die Produktion in Mosambik ein zollfreier Marktzugang zur EU eröffnen, der Brasiliens Zucker und Zuckerderivaten bislang durch die europäische Zuckermarktpolitik verwehrt blieb.

Agrotreibstoffe als globale Lösung – eine Schnapsidee

Trotz aller Bemühungen um Ertragssteigerungen und größere Effizienz in der Herstellung von Agrotreibstoffen wird der wachsende Energiebedarf jedoch nicht durch einen Ausbau der Agrotreibstoffproduktion gedeckt werden können. Der ständig wachsende Energiebedarf allein frisst Zuwächse in der Agrotreibstoffproduktion wieder auf. Gemäß den Berechnungen der Internationalen Energieagentur wird der Energiebedarf bis zum Jahr 2035 um 49% gegenüber dem Basisjahr 2007 steigen. Energieprobleme, die in erster Linie durch einen übermäßigen Energieverbrauch sowie durch eine ineffiziente Nutzung von Energie verursacht werden, können nicht ‚einfach’ und schon gar nicht ‚sauber’ durch den Anbau von Agrotreibstoffen gelöst werden. Um bis zum Jahr 2025 nur zehn Prozent des Benzins zu ersetzen, würden 205 Milliarden Liter Ethanol gebraucht. Die brasilianische Produktion im Anbauzyklus 2009/10 lag bei 24 Milliarden Litern und wird sich vermutlich im Anbauzyklus 2010/11 auf 27 Milliarden Liter erhöhen. Gemäß den Berechnungen der Universität von Campinas könnte Brasilien die Hälfte der 205 Milliarden Liter Ethanol liefern, ohne ökologisch sensible Gebiete zu berühren. Voraussetzung dafür wäre, dass die Flächenausdehnung auf verödeten und oft schwer zu bewirtschaftenden Flächen stattfindet. Da diesen Flächen auch in der Vergangenheit meist bessere landwirtschaftliche Flächen vorgezogen wurden und aktuelle Bestrebungen den Waldschutz aufzuweichen versuchen, ist es schwer zu glauben, dass der geplante Ausbau des Agrotreibstoffsektors nun künftig ohne negativen Einfluss auf sensible Ökosysteme und gleichzeitig ohne Beeinträchtigung der Nahrungsmittelproduktion umgesetzt werden könnte. {mospagebreak}

Oberflächlich betrachtet zeigt sich die Produktion von Ethanol aus Zuckerrohr durchaus umweltfreundlich, zumindest verglichen mit der Ethanolproduktion aus anderen Zucker- und Stärkelieferanten, wie beispielsweise Mais oder Zuckerrübe, da die Effizienz deutlich höher liegt und gleichzeitig aus den Produktionsabfällen Elektrizität und Wärme gewonnen werden. Würde man die Produktion von Zuckerrohr-Ethanol also rein im Vergleich der CO2-Effizienz betrachten, so hätte Brasilien durch die Nutzung des Zuckerrohr-Ethanols im Zeitraum 1974 bis 2004 circa 600 Mio Tonnen CO2 eingespart.
Schaut man jedoch genauer hin, so stellt sich heraus, dass für den Anbau des Zuckerrohrs in diesem Zeitraum nicht unbedeutende Flächen der Mata Atlantica, des atlantischen Küstenregenwalds, abgeholzt und damit weit mehr als 600 Mio Tonnen CO2 emittiert wurden. Auch handelt es sich bei der Mata Atlantica um einen sogenannten Biodiversity Hotspot, also ein Zentrum der Artenvielfalt. Seit der Entdeckung Brasiliens durch die Portugiesen hat die Mata Atlantica 97% ihrer ursprünglichen Ausdehnung eingebüßt, in erster Linie durch den Anbau von Zuckerrohr, der bereits durch die Kolonialherren in der Region vorangetrieben worden war, und welcher die Region zur Hauptsiedlungsregion Brasiliens machte. Die Artenvielfalt der Mata Atlantica ist durch die starke Flächenreduzierung und Zerstückelung extrem bedroht.
Neben der Flächenausdehnung des Anbaus, spielt auch nach wie vor die Intensivierung des Anbaus zur Ertragssteigerung eine Rolle. In der brasilianischen Zuckerrohrindustrie geht man davon aus, dass mit dem Einsatz neuer Technologien innerhalb von fünf Jahren, die Produktion um 40 Prozent erhöht werden kann, ohne einen zusätzlichen Hektar mit Zuckerrohr zu bepflanzen. Dabei kommen im industriellen brasilianischen  Zuckerrohr-Anbau bereits heute 240 000 Tonnen Stickstoffdünger zum Einsatz. Hierdurch entsteht N2O, ein starkes Klimagas. Aber damit nicht genug, durch das Abbrennen der Zuckerrohrfelder vor der Ernte (um scharfe Blätter, aber auch giftige Schlangen und Spinnen zu eliminieren) entstehen neben Ruß, der lokal zu Atemwegserkrankungen führt, auch Methan und N2O. Beides Gase mit einem Vielfachen der Klimawirksamkeit von CO2. Allerdings plant Brasilien durch zunehmende Mechanisierung das Abbrennen der Felder einzuschränken, insbesondere im Bundesstaat Sao Paulo, wo bis 2031 keine Felder mehr gebrannt werden sollen. 
Susann Reiner arbeitet am Regenwald-Institut Freiburg