Mein Strand gehört mir - Kommunaler Tourismus in den Fischerdörfern Cearás

umwelt strandChristine Wollowski, Recife

Paradieszustand I
Zweihundert Menschen leben in Ponta Grossa. Vor ihnen der Atlantik, hinter ihnen pastellbunte Kreidefelsen, dazwischen das Paradies. So steht es jedenfalls auf dem Willkommensschild von Sidrak geschrieben: „Bemvindo ao Paraíso“, und sicherheitshalber darunter für internationale Besucher: „Welcome“. Das Schild steht am Strand, weil die Strände hier im Ceará so weit und einsam sind, dass sie nebenbei gerne als Straßen genutzt werden. So sehen Vorbeifahrende, dass sich in dem lichten Cashew- Wäldchen vor der Felswand Zivilisation verbirgt. Sehr bescheidene Zivilisation. Die lange Reihe der Fischerboote, der Jangadas, am Strand zeigt: Die Bewohner von Ponta Grossa sind Fischer. An Hauswänden, in Astgabeln, auf Wäscheleinen, überall hängen ihre Fischernetze, Schwimmer, Angelutensilien. Und im Schatten von Palmdächern, Baumkronen und Terrassen hocken sie zusammen, flicken ihre Netze und plaudern in ihrem eigenen gelassenen Rhythmus, der ans Rauschen des Meeres erinnert.
Auf Fremde wirkt Ponta Grossa beinahe unwirklich mit seinen großen zimtgoldenen Dünen und dem Anthrazit des Strandes, vor dem sich weiße und rote Segel abheben. Der Himmel dehnt sich in so wolkenlosem Blau über den Beige- und Rosé-Tönen des Kreidefelsens, dass man es auf einer Postkarte kitschig nennen würde. Hier leben die Nachkommen einer einzigen großen Familie zusammen, wie in uralten Zeiten: Jeder ist Onkel, Tante, Cousin oder Cousine des Nachbarn. Sidrak etwa, der das Willkommensschild gemalt hat, ist der Onkel von Otoniel, dem die große Strandkneipe am Dorfanfang gehört. Otoniel erzählt, dass früher die offenen Strandbuggys mit den Touristen aus Canoa Quebrada und Mossoró nur an Ponta Grossa vorbeidüsten, vielleicht ein Foto der Düne schossen, ein paar leere Wasserflaschen und Cola-Dosen in die Gegend warfen, aber nicht anhielten.
Bis Sidrak auf die Idee mit der Strandkneipe kam: Inzwischen gibt es drei davon und die meisten Buggys halten in Ponta Grossa zum Mittagessen: Frisch gefangener Roubalo, gegrillt, bevor er je tief gefroren war. Oder Langusten. Oder Garnelen. Die Küche in Ponta Grossa ist so schnörkellos wie die beiden Pensionen und die drei Chalets – genau das macht ihren Charme aus. Viel zu tun haben Urlauber hier nicht, am Strand spazieren gehen, mit einem der Fischer einen Bootsausflug machen, mit einem anderen plaudern, zum Sonnenuntergang auf die Düne steigen, sich an der dorfeigenen Quelle duschen. Und unmerklich in den gelassenen Rhythmus des Dorfs geraten. Manche kommen deswegen jedes Jahr hier her. In Ponta Grossa fühlen sie sich wie Gäste, nicht wie Touristen, an denen nur das Geld interessiert.

Der Aufstand

Prainha do Canto Verde liegt 120 Kilometer südöstlich der Metropole Fortaleza, deren Touristenzahlen seit Jahren steigen. Die Fischer von Prainha hatten nie daran gedacht, ihr Land im Grundbuch eintragen zu lassen, sie lebten schließlich hier, seit Joaquim und Filismina an der Lagune ihr Haus aus Palmstroh gebaut hatten. Immobilienmakler Henrique Jorge musste nicht lange suchen, um einen zu finden, den er mit seiner Gier anstecken konnte. Ein Dorfbewohner bezeugte gegen Bezahlung beim nächsten Notar, dass die Sandlandschaft neben und vor dem Dorf immer schon dem Henrique Jorge gehörte, obwohl der aus Fortaleza stammte und keine Verwandten im Ort hatte. Die anderen Fischer in Prainha bemerkten den Betrug erst, als Henrique Jorge Zäune errichten ließ. Damit begann der Krieg.
Die Menschen des Meeres sind es gewohnt, dass ihre Welt auf dem Wasser endlos und frei ist dass der Boden unter ihren Füßen tanzt, dass ihr Blick bis zum Horizont auf kein Hindernis trifft. Große Sprüche mögen an Land großen Spaß machen – auf dem Meer zählt, was einer tut. Ob er diese lächerlich kleine Holzkonstruktion trotz der Wellen auf Kurs halten kann. Ob er an der Veränderung der Wasserfarbe erkennt, wo die Fische sich tummeln. Ob er schnell und am richtigen Ort zupackt, wenn das nötig ist. Zu dritt auf fünf Quadratmetern Boot, und das manchmal tagelang - da ist kein Platz für Egotrips. Der Krieg einte die Menschen von Prainha wie selten. Sie schlossen sich im Einwohnerverein zusammen, rissen die Zäune ein und verklagten den Landerschleicher.
Da war René schon da. Der Schweizer hatte seinen Managerjob in São Paulo aufgegeben, und wurde in Prainha zu einer Art Dolmetscher zwischen den Welten: Die Fischer hatten kaum lesen und schreiben gelernt und waren es nicht gewohnt, Zukunftspläne zu machen. Ihre Zukunft bestimmte das Meer, und das konnten sie lesen. Plötzlich reichte das nicht mehr. Weil inzwischen andernorts andere Menschen den Stress erfunden hatten, den Urlaub und das Verreisen aus Erholungsgründen. René brachte Wörter wie ‚nachhaltig’ und ‚sozialverträglich’ ins Dorf, Ideen, Projekte und finanzielle Unterstützung. Zuerst befreiten sich die Fischer von Prainha von den Dumpingpreisen der Fisch-Zwischenhändler, indem sie kollektive Kühltruhen finanzierten. Als die Einnahmen aus der Fischerei trotzdem nicht reichen wollten, beschlossen sie, etwas Tourismus im Dorf zuzulassen. Inzwischen gibt es mehrere kleine Pensionen und einige Familien bieten Fremdenzimmer an.
Die Auseinandersetzung mit Henrique Jorge ist vorbei: 2006 sprach der Oberste Gerichtshof Brasiliens ihm jegliches Recht an Ländereien in Prainha ab. Allerdings ist ein weiterer Konflikt noch nicht ausgestanden: Der Millionär und Unternehmer Tales Sá Cavalcanti erinnerte sich auf einmal, dass er ja irgendwann mal 315 Hektar Land (Anm.: Dieses Land gehört zum ausgewiesenen Naturschutzgebiet – Reserva Extrativista) erworben habe. Da er auf dem Rechtsweg keine Chance hat, dieses illegal gekaufte Land zugesprochen zu bekommen, versucht er seine politischen Beziehungen spielen zu lassen und die Bevölkerung zu spalten. Die Tatsache, dass Prainha do Canto Verde zum Reserva Extrativista erklärt wurde, bedeutet, dass das Land nicht mehr den Fischern gehört, sondern dem Staat – und Gierige und Fremde notfalls enteignet werden können. Gegen diese Entscheidung geht der Unternehmer Tales vor und findet auch unter der Bevölkerung Anhänger. So gründete er einen  konkurrierenden Verein. René hofft jedoch, dass im Verlauf des Jahres 2013 dieser Konflikt zugunsten des bestehenden Einwohnervereins gelöst ist. Dieser hat u.a. bereits ein für die Einwohnerschaft wichtiges Gesetz erreicht: Die Fischereirechte in der Reserva Extrativista sind geregelt, d.h. Motorschiffe haben keinen Zugang mehr und können ihren illegalen Fang auf Kosten der Fischer nicht mehr fortsetzen. Der bestehende Einwohnerverein hat sich strenge Regeln gesetzt: Jeder hat das Recht auf ein Wohn- und ein Geschäftshaus – mehr nicht. An Fremde darf kein Land verkauft werden. Denn eins der Ziele lautet: den jungen Leuten Platz und eine Perspektive im Dorf bieten, ohne die eigene Kultur zu verlieren. Drei junge Leute lernen gerade die alten Geschichten, um als Fremdenführer zu arbeiten. Nebenher. Hauptsache soll immer das Fischen bleiben.

Paradieszustand II

Wie beim 22jährigen Antonio José, kurz „Zé“. Natürlich hat Zé Abitur und kann mit dem Computer umgehen. Aber ein Leben in der Stadt ist für ihn unvorstellbar: „Nach zwei Tagen werde ich krank“, sagt er etwas verlegen. Lieber pflanzt er nebenbei Kürbisse und Bohnen auf dem hektargroßen Familienacker mitten im Sand. Ein Windrad pumpt das Wasser aus dem Brunnen, geflochtene Zäune schützen das Areal vor gierigen Ochsen oder Eseln. „Früher“, sagt Zé, „hat hier niemand Gemüse gekauft, alle haben selbst angebaut, was sie brauchten. Aber die meisten Leute in meinem Alter haben keine Lust auf körperliche Arbeit. Und da es andere in Prainha kaum gibt, leben viele auf Kosten ihrer Eltern.“
Das mögen auch diejenigen sein, die ein zweites Haus beantragen, um ein Geschäft aufzumachen, und dann an die Mauer des Rohbaus „Zu verkaufen“ pinseln. Schlimmstenfalls werden sie aus dem Einwohnerverein ausgeschlossen. Den Verkauf verbieten können die Weitsichtigeren ihnen nicht. Nur Schilder aufstellen wie das an der Hauptstraße: „Wenn es richtig ist, Land zu verkaufen – wo werden dann unsere Kinder leben, wenn alles Land verkauft ist?“
Die Sonne leuchtet sanft, als Zé den Esel Romeu vor den rosa Karren spannt, das Fischernetz auf die Ladefläche wirft und über die Dünen zum Strand kutschiert. Auf seinem segellosen „bote“, einer Art Floß von vielleicht zwei Quadratmetern Größe, fährt er ins Blau der Dämmerung, das Netz auslegen. Da, wo die Farbe des Meeres ihm sagt, dass sich Fische tummeln. Morgen früh um fünf wird er sie aus dem Netz sammeln. Für seine Eltern und die beiden Brüder, die in der gleichen Sandstraße wohnen. Warme Wellen spülen über das Floß und über Zé, der konzentriert Meter für Meter das Netz auslässt. Zwei Stunden später ist er zurück. Die Sonne ist hinter der Düne verschwunden, vor dem Haus sitzt sein Bruder Flávio im Sand und spielt Gitarre. Das macht er beinahe jeden Abend, und manche Urlauber kommen jeden Abend zuhören. Selbst geschriebene Balladen singt er, über die Schönheit von Prainha. Lieder über die Langusten, die das Leben der Fischer sind, und deren Schutzzeiten sie deshalb einhalten müssen. Und natürlich Lieder über die Liebe. Die Füße stecken im Sand, der die Wärme des Tages gespeichert hat. Der Nachtwind streicht über die Düne, und in diesem Moment ist hier das Paradies.

Strand der Dinge

Von 100 Fischerdörfern dieser Art im Bundesstaat Ceará leben heute noch zehn als Fischergemeinden. In Canoa Quebrada, 50 Kilometer südlich von Prainha, haben manche ihre Meergrundstücke für einen elektrische Mixer oder ein TV-Gerät hergegeben. Inzwischen gibt es in Canoa mehr als 100 Hotels und Pensionen mit Whirlpools und Kabelfernsehen, Restaurants mit Lasagne und Nouvelle Cuisine und eine gepflasterte Vergnügungsmeile mit Crack, Prostituierten und Autolärm wie in einer Großstadt. „Das Wachstum war zu ungeordnet“, sagt José Adolfo, der Buggys mit Fremden durch die Dünen fährt. „Einige wenige haben ihre finanzielle Lage verbessert, aber viele andere ziehen weg.“
Sogar in Ponta Grossa hat kürzlich ein Fremder ein Grundstück gekauft. „Ein Notfall, weil mein Vater krank war“, erklärte der Verkäufer. „Betrug“, finden manche im Dorf. Der Käufer hat inzwischen einen Prozess angestrengt, um eine Baugenehmigung für das Grundstück zu bekommen – es ist eines der größten im Dorf. Angeblich will er keine Geschäfte damit machen.

Hummerfischer intervenieren bei Präsidentin Dilma Rousseff

Hendrik Johannemann

Brasiliens Fischer kämpfen an einer weiteren Front für ihre Rechte: Schon seit über 70 Jahren fahren die Fischer mit ihren Flößen, Jangadas genannt, aufs Meer, um mit Fallen Hummer zu fangen. Doch nun sind sie gezwungen damit aufzuhören, da die Hummerbestände dramatisch abgenommen haben. Der Grund: Industrielle Fischerboote überfischten gnadenlos Brasiliens Gewässer – all dies illegal und mit unerlaubten Fangmethoden. Doch der Staat greift nicht ein, Straflosigkeit bleibt das vorherrschende Mantra, obwohl dadurch nun 10.000 kleine Fischer in ihrer Existenz bedroht sind.
Hummer sind ein wichtiges Exportgut. Im Jahr 2010 lagen die Ausfuhren noch bei 2.500 Tonnen, das meiste davon in die USA. Im Jahr darauf waren es nur noch weniger als 1.000 Tonnen Hummer. Im Bundesstaat Ceará beträgt der illegale Hummerfang mittlerweile 90 %, in anderen Teilen Brasiliens soll die Hundertprozentmarke schon erreicht sein. Die traditionellen Fischer kommen gegen die groß angelegten Fangmethoden einfach nicht an. Forscher sind sich nicht einig, wann der „point of no return“ überschritten ist und die Hummerpopulation rund um Brasilien ausstirbt, doch die genannten Zahlen sprechen Bände. Man hofft, ein Szenario wie vor 20 Jahren in Kanada verhindert zu können. Damals verloren 30.000 Menschen in der Kabeljaufischerei ihre Jobs, da die Gewässer heillos überfischt worden waren. Davon erholten sich die Kabeljaubestände bis heute nicht.
Damit die lokalen Fischer in Brasilien nicht ein ähnliches Schicksal ereilt, wandten sich nun einige von ihnen aus dem Bundesstaat Ceará an höhere Stellen. In einem Brief an Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff vom 30. Oktober 2012 fordern sie ein komplettes Aussetzen der Hummerfischerei bis August 2014, um den Beständen eine Chance zur Erholung zu geben. Gleichzeitig soll auf diese Weise der Regierung Zeit erhalten, ein effektives Kontrollsystem einzurichten, Forschung in diesem Bereich voranzutreiben und ein grundlegend verändertes Fischereimanagement zu etablieren. Die lokalen Fischer aus Ceará fordern mehr Mitspracherecht, sodass sie auch in Zukunft ihren nachhaltigen Hummerfang fortsetzen können und legten ihre Forderungen auch in den brasilianischen Medien dar. Es bleibt zu hoffen, dass die Fischer aus Ceará bei Präsidentin Dilma Rousseff auf offene Ohren stoßen, um Brasiliens Biodiversität, aber auch nicht zuletzt ihre eigene Existenz zu erhalten.