Die Befreiungstheologie verliert eine weitere wichtige Stimme

Pedro Casaldáliga 16. Februar1928 — 8.August 2020

162 politik casadaligaGünther Schulz

Erstmals trafen wir uns im Jahr 1982 in São Félix do Araguaia. Ich lernte einen Menschen kennen, der nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis das Anliegen der Befreiungstheologie umsetzte und zu einer der wichtigsten Stimmen dieser theologischen Denkrichtung wurde.

 

Die Befreiungstheologie ein Rückblick

Vielen mag sowohl die Befreiungstheologie als auch Pedro Casaldáliga kein Begriff mehr sein. Die Befreiungstheologie entstand in Reaktion auf die politische Situation der 1960er und 1970er Jahre in Lateinamerika, gekennzeichnet durch Militärdiktaturen und Unterdrückung weiter Teile der Bevölkerung. Ausgehend von einem Treffen progressiver Bischöfe in Medellín in Kolumbien im Jahre 1968 gelangte man zu einer Neuinterpretation der Bibel. Angesichts der herrschenden sozialen und politischen Verhältnisse kam man zum Schluss, dass die Kirche die Aufgabe habe, die „Stimme der Armen“ zu sein. Theologie habe die Lebenswirklichkeiten anzuerkennen und müsse sich eindeutig auf die Seite der Armen stellen und damit gegen jegliche Form von Unterdrückung: „Option für die Armen“ lautete das Schlagwort. Der peruanische Theologe Gustavo Gutiérrez gab mit seinem Buch „Teologia de la Liberación“ (1971) dieser Sichtweise einen Namen, Vertreter wie Ernesto Cardenal in Nicaragua oder Jon Sobrino in El Salvador versuchten die Umsetzung. Die in Medellín (1968) formulierte Sichtweise einer lateinamerikanischen Kirche basierte zum einen auf den bereits in den 1950er Jahren entstandenen Basisgemeinden, denen die urchristliche Gemeinschaft als Vorbild diente. Ein weiterer Impuls für Medellín bildete das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). Hier wurde die Erneuerung der Kirche propagiert und der brasilianische Bischof von Recife, Dom Hélder Câmara, bereitete das Terrain für eine lateinamerikanische, nicht mehr eurozentrierte Theologie vor. Nach Medellín gewann die Befreiungstheologie viele Anhänger. Manch ein Priester wie Camillo Torres in Kolumbien schloss sich dem bewaffneten Widerstand an, die Mehrzahl vertrat eine Veränderung mit friedlichen Mitteln. Tausende sozialpolitisch engagierte Basisgemeinden entstanden, die Forderung nach strukturellen Veränderungen wurde lauter. Die herrschenden Militärdiktaturen verfolgten beide Seiten. Der Mord am befreiungstheologisch ausgerichteten Erzbischof von San Salvador, Oscar Romero, im Jahr 1980 erregte internationale Aufmerksamkeit. Auch Pedro Casaldáliga wurde als Kommunist beschimpft und erhielt bis ins hohe Alter wiederholt Morddrohungen.

Immer auf der Seite der Unterdrückten

Dom Pedro Casaldáliga erhob über Jahrzehnte unerschrocken, furchtlos und prophetisch seine Stimme gegen die herrschenden Ungerechtigkeiten. Aus Katalonien stammend und als Angehöriger des Claretinerordens kam er 1968 nach São Félix do Araguaia im Bundesstaat Mato Grosso. Es war eine Gegend, in der neben Kleinbauernfamilien auch Indigene vom Volk der Xavantes, Tapirapés und Karajás leben. Die 1964 an die Macht gekommenen Militärs hatten beschlossen, im Rahmen eines „Entwicklungsprogramms“ Land an große landwirtschaftliche Unternehmen zu vergeben – Landkonflikte waren vorprogrammiert. Als Pedro 1971 zum Bischof ernannt wurde, veröffentlichte er gleich zu Beginn ein Dokument, in dem er die Machenschaften der Großgrundbesitzer im Zusammenspiel mit den Militärs anprangerte: „Eine amazonische Kirche im Konflikt mit dem Großgrundbesitz und der sozialen Marginalisierung.“ Er analysierte die dramatische Situation der Kleinbauern und Indigenen, stellte sich eindeutig auf deren Seite, prangerte die Großgrundbesitzer bzw. die Agroindustrie an und forderte eine grundlegende Agrarreform. Was Pedro damals schrieb, hat bis heute nichts an Bedeutung verloren. Dies zeigen nicht zuletzt die jährlich veröffentlichten Statistiken zu Landkonflikten und deren Opfern, herausgeben von der Landarbeiterpastoral CPT. Aus der 1975 gegründeten CPT ging 1985 die Landlosenbewegung MST hervor. Die CPT war ebenso ein Ergebnis des Einsatzes von Pedro Casaldáliga wie der 1972 entstandene Indianermissionsrat CIMI. Dieser erhebt immer wieder deutlich die Stimme gegen die rechtsgerichtete Regierung Bolsonaro. Ein Einhalt des Eindringens in Indigenengebiete, Schutzmaßnahmen für die Ureinwohner – zuletzt gegen die Corona-Pandemie – und eine Anerkennung ihrer Rechte sind ständig wiederkehrende Forderungen.

Widerstand von Seiten der Amtskirche

Sowohl Pedro Casaldáliga als auch andere Befreiungstheologen sahen sich nach Medellín nicht nur von politischen Kreisen, sondern auch von der Amtskirche Kritik und nicht selten Verfolgung ausgesetzt. Der Vorwurf lautete Vernachlässigung der pastoralen Aufgaben sowie Verwendung marxistischer Terminologie. Die wohl international bekanntesten Beispiele sind der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff, dem unter dem damaligen Papst Johannes Paul II. ein „Bußschweigen“ auferlegt wurde, sowie Ernesto Cardenal, der seines Priesteramtes enthoben wurde. Dom Pedro konnte dank des Rückhalts durch die Brasilianische Bischofskonferenz weiterarbeiten. Vielen ging er jedoch, obwohl er immer für gewaltfreien Widerstand plädierte, in seinen Aussagen zu weit. Er sei zu politisch. Seine Sichtweise eines christlichen Sozialismus lehnten sie vehement ab, er war ihnen zu revolutionär. Nicht zuletzt beeindruckte Pedro durch seinen einfachen Lebensstil. Sein „Bischofssitz“ war einfach, er entsprach den Behausungen der „normalen Bevölkerung“. Es war ein einfacher Backsteinbau, das Dach mit Eternitplatten bedeckt. Sein Zimmer war schlicht, ein einfaches Bett, ein Schreibtisch. Sein Haus war ein „offenes Haus“ – welch ein Unterschied zu deutschen Verhältnissen. Er hatte immer ein offenes Ohr für die vielfältigsten Anliegen. Seine Beliebtheit bei der Bevölkerung war außergewöhnlich und spürbar. Pedro war einer von ihren. Nie werde ich vergessen, wie er bei einer „Volksversammlung“ („assembleia do povo“), einem Schulungswochenende, die anstehenden Dienste wie Toilettenreinigung genauso ausführte wie alle anderen auch und mit uns im Gemeinschaftssaal in einer Hängematte schlief wie jeder andere Teilnehmer. Er ging nicht auf Distanz und zeigte auch immer wieder seinen Sinn für Humor. Auch äußerlich zeigte Pedro als Bischof seine Solidarität mit den Unterdrückten. Auf die klassischen Symbole eines Bischofs verzichtete er. Er ersetzte Mitra und Bischofsring durch einen Sertanejo-Strohhut und einen Tucum-Ring, ein Geschenk der Tapirapés-Indianer. Dieser Ring sollte alsbald das Symbol der Befreiungstheologie werden, ein Zeichen für die Solidarität mit den Armen und Ausgeschlossenen sowie dem Anliegen der indigenen Völker. Die „Option für die Armen“ vertrat er glaubwürdig, er lebte sie im Alltag. Neben seinem theologisch-politischen Engagement schrieb Pedro zahlreiche Bücher und Gedichte.

Ist die Befreiungstheologie am Ende?

Mit dem Tod von Pedro Casaldáliga starb einer der letzten noch lebenden und eine der wichtigsten Stimmen der Befreiungstheologie. Bereits in den Jahren der Amtszeit von Johannes Paul II. war spürbar, nicht zuletzt durch dessen Politik bei der Ernennung der Bischöfe, dass die konservative Strömung wieder zunahm, die Bedeutung der Basisgemeinden schwand. Dennoch gibt es sie noch in Brasilien. Nicht selten sind es einzelne Padres wie José im Maranhão oder Romulo in Paraíba, die das Anliegen der Befreiungstheologie weiterverbreiten, dabei jedoch von ihren Bischöfen in der Regel keine Unterstützung erfahren. Wo sie tätig sind, gelingt es den evangelikalen Gemeinden weniger vorzudringen. Das Eingehen auf die Lebenswirklichkeit, das Suchen nach gemeinsamen Lösungen verhindert die Abwanderung zu ihnen. Diese haben in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt deshalb einen solchen Aufschwung genommen, da die Menschen sich von ihnen angenommen fühlen. Laut dem staatlichen Statistikinstitut IBGE bekannten sich 1940 noch 95% der brasilianischen Bevölkerung zum Katholizismus. Mittlerweile liegt deren Wert bei 45% mit abnehmender Tendenz. Mit dem Amtsantritt des derzeitigen Papstes Franziskus 2013, mit seinen kapitalismuskritischen Äußerungen und einigen von ihm veranlassten Maßnahmen schöpften die Anhänger der Befreiungstheologie neue Hoffnung: Oscar Romero wurde zum Heiligen erklärt, Dom Hélder Câmara bekam den Rang eines Seligen, mit Leonardo Boff erfolgte eine Versöhnung, die „Option für die Armen“ erhielt auf der Amazonassynode 2019 erneut Bedeutung. Dennoch: Skepsis ist angebracht, nicht zuletzt, da die Machtstrukturen im Vatikan fest zementiert scheinen. Es bleibt derweil offen, ob die befreiungstheologische Strömung in der Praxis einen sichtbaren Aufschwung nimmt und ob die noch bestehenden Basisgemeinden davon womöglich profitieren können. Eine ausführliche Würdigung Dom Pedro Casaldáligas mit lesenswerten Beiträgen und Videos sowohl in deutscher als auch in portugiesischer Sprache finden Sie hier.

Ausgabe 162/2020