Hilfspakete statt Grundstücksbesetzungen

MTST in Coronazeiten: Neue Strategien gegen alte Barbareien

161 gesellschaft hilfspaketMonika Ottermann, São Paulo

Der zentrale Punkt unserer Jahresplanung 2020 stand schon lange fest: eine neue Welle von Grundstücksbesetzungen! Die Wohnungslosenbewegung MTST (Movimento dos Trabalhadores Sem Teto – Bewegung der Arbeitenden ohne Dach über dem Kopf) ist in 13 Bundesstaaten aktiv, und in sechs liefen seit Januar die Vorbereitungen für dieses unser „Kerngeschäft“.

Nach dem Wahlsieg von Jair Bolsonaro waren die für 2019 angedachten Besetzungen verschoben worden – lieber erstmal abwarten, was er und aufgestachelte Anhänger so alles verbrechen würden. Schließlich hatte er allen, die ihm als „Opposition“ gelten, drei Alternativen versprochen: Exil, Gefängnis oder „das Ende des Strandes“ – ein Ort in Rio, wo die Militärdiktatur Erschießungen durchführte. Er liebt solche Anspielungen: Auf einen neuerlichen Versuch, ihm klarzumachen, dass er nicht ständig den Gebrauch des nutzlosen Malariamittels Chloroquin empfehlen dürfe, reagierte er gewohnt flapsig: „Brasilien ist eine Demokratie, wo jeder machen kann, was er will. Die Rechten kriegen Cloroquina, die Linken kriegen Tubaína!“ Offiziell eine beliebte Limonade, soll Tubaína während der Diktatur der Spitzname einer Foltermethode gewesen sein, die Ertrinken durch „Intubieren“ herbeiführt – Trichter in den Hals und Wasser rein.
Aber zurück zu MTST. Die Vorbereitungen für die neuen Besetzungen liefen auf vollen Touren, Ende März sollte es so weit sein – und dann kam Corona. Es war schnell klar, dass dieser Virus gerade nicht alle Menschen gleich trifft, sondern je nach Klasse, Rasse und vor allem Postleitzahl leichter oder schwerer, sowohl gesundheitlich als auch finanziell. Außerdem war klar, dass Maßnahmen und Unterstützungen von Regierungen und Behörden unzureichend sein würden, und dass in den kommenden Wochen die Menschen, die die Basis von MTST bilden, am meisten darunter leiden würden. So fanden auf allen Ebenen der Bewegung Krisensitzungen statt, und es lief die größte Solidaritätsaktion an, die wir je auf die Beine gestellt haben: der Nothilfefonds für coronabetroffene Wohnungslose. Die Energie, die eigentlich in neue Besetzungen fließen sollte, wurde umgepolt zur Sammlung und Verteilung von Spenden an Bedürftige in allen 13 Staaten mit MTST-Aktivitäten, und das weit über die eigenen Reihen hinaus.
Spendenaktionen und Hilfspakete
für MTST-Leute
Wer sich einer Grundstücksbesetzung anschließt, wird einer Gruppe zugeteilt und erhält einen Platz zugewiesen, wo er oder sie ihre Baracke aufschlägt. Deren Nummer wird zusammen mit dem Namen notiert, und dazu kommt die Handynummer, denn alle Gruppen haben ihre WhatsApp-Gruppe für Kontakt und Information. Wenn eine Besetzung ihr Territorium verlässt, lösen sich die Gruppen auf und werden durch „Kerne“ ersetzt, je nach den Stadtteilen, in denen die Leute nun wieder leben. Nach jeder Aktivität tragen die Koordinator*innen der Gruppen und Kerne die Namen der Anwesenden in ein Heft ein. Die Zahl der Punkte, die jemand so durch Anwesenheit oder Übernahme von Aufgaben sammelt, ergibt die Reihenfolge der Berechtigten, falls später die Zahl der erkämpften Wohnungen nicht sofort für alle reicht.
Da schon zu Beginn der Pandemie klar war, dass der Bedarf an Hilfe die Mittel weit übersteigen würde, griff MTST in der Region der Industriestädte bei São Paulo, dem sog. „ABC“, wo ich meine Basis habe, auf diese Reihenfolge zurück. Wir haben derzeit keine Besetzung auf einem Territorium, und so wurden die Anwesenheitslisten aller „Kerne“ gefiltert nach der Präsenz bei den letzten sechs der monatlichen Vollversammlungen. In der ersten Aprilwoche riefen die Koordinator*innen alle Leute mit sechs Anwesenheiten an und fragten, wie es ihnen ginge und ob sie ein Lebensmittelpaket brauchten. In der folgenden Woche waren es die mit fünf, und so ging es weiter. Was das für beide Seiten bedeutet, kann sich wohl nur vorstellen, wer weiß, in welch schwierigen Verhältnissen die meisten Koordinator*innen selber leben, und wie wenig bedürftige Menschen von offiziellen Stellen zu erwarten haben. Inzwischen sind hier im ABC die Listen von sechs bis eins abgearbeitet, und alles beginnt wieder von vorn. Bei diesen Telefonaten, bei Nachrichten in den WhatsApp-Gruppen und bei der Übergabe der Hilfspakete kommt so viel Leid zutage, dass es einem das Herz zerreißen möchte, aber auch so viel an Dankbarkeit und Erleichterung, dass es ein Ansporn ist zum Weitermachen trotz aller Risiken und Schwierigkeiten. So werden nach wie vor ganze Lastwagenladungen von Waren oder fertigen Paketen bestellt, an Sammelstellen verladen und in Privatautos weiterbefördert, die oft Nicht-MTST-Leuten gehören, die sich auf entsprechende Aufrufe melden. Zusammen mit einem Informationsblatt werden die Hilfspakete dann zu den entsprechenden Adressen in Favelas und sonstige Peripherien gebracht.
Andere Regionen – sowohl São Paulo als auch die 12 übrigen Bundesstaaten mit MTST-Gruppen – haben sich teils anders organisiert, vor allem dort, wo es Besetzungen auf einem Grundstück oder Gemeinschaftsküchen gibt oder wo MTST schon Sozialwohnungen errungen hat, wo also die Hilfe auch abgeholt werden kann. Von all dem geben die unzähligen Bilder, Grafiken und Videoclips auf der MTST-Facebookseite nur einen unzureichenden Eindruck. Aber sie dokumentieren auch immer wieder, wie der größte Teil dieses Reichtums an Lebens-, Hygiene- und Desinfektionsmitteln, Medikamenten, Windeln, Damenbinden, selbstgenähten Masken und warmen Mahlzeiten zusammenkommt: durch kleine lokale Sammlungen, aber vor allem durch riesiges Crowdfunding.
Am 19. März eröffneten wir auf der Plattform „Vakinha“ die Spendenkampagne „Nothilfefonds für coronabetroffene Wohnungslose“, zunächst eher bescheiden angelegt auf 80.000 Reais. Aber schon wenige Tage später war diese Summe überschritten – ein einzigartiges Phänomen, das uns Zweierlei zeigte: den Ernst der Lage, den viele Leute begriffen hatten, und ein außerordentliches Vertrauen in MTST. So läuft die Kampagne seitdem in Etappen mit sukzessiv höheren Zielsummen, und sie wird weitergehen, solange die Pandemie und ihre Auswirkungen andauern. Einzigartig ist auch das Echo auf die internationalen Spendenaufrufe, die parallel laufen, vor allem in Deutschland: Die Brasilieninitiative Freiburg e.V. stellte sofort ihr Konto zur Verfügung, verbreitete den Aufruf zusammen mit anderen Solidaritätsgruppen, z.B. KoBra, und überweist uns periodisch, was sich dort ansammelt. Jetzt, Ende Mai, stehen wir kurz davor, in der 5. Etappe der nationalen Vakinha die Schallmauer von 1 Million Reais zu durchbrechen. Und in den summarischen Rechenschaftsberichten beziffern wir inzwischen die verteilten Lebensmittel in Tonnen, und die Zahl der erreichten Familien übersteigt schon die 20.000.
Solidarität über die eigenen
Reihen hinaus
Schon im März, als die Hilfspakete für MTST-Familien gerade erst anliefen, begannen einzelne Aktionen, die den Kreis der Empfänger ausweiteten. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Unterstützung von Obdachlosen ein, also von Menschen, die auf der Straße leben und nicht „nur“, wie die meisten MTST-Mitglieder, in prekären Wohnverhältnissen. In der Stadt São Paulo macht die Obdachlosenpastoral der katholischen Kirche seit langem eine ausgezeichnete Arbeit zu deren Unterstützung. Ihr Koordinator, Pater Júlio Lancelotti, ist ein alter Bekannter, und so ging als erstes eine Bulli-Ladung Pakete zur Weiterverteilung an ihn. Und immer wieder fahren MTST-Leute in den verschiedensten Städten nachts Tee und warme Mahlzeiten zu Obdachlosen. Was dabei an Gesprächen und Reflexionen entsteht, ist für alle ein kostbarer Nebeneffekt.
Auch zu vielen anderen „Randgruppen“ im ganzen Land sind schon Hilfspakete oder warme Mahlzeiten gelangt – Menschen in Favelas und armen Stadtvierteln, mit deren Bürgerinitiativen MTST Kontakt hat, Transgender-Gruppen, Zirkusleute, die bolivianische und peruanische Community in São Paulo – die Liste ist endlos. Oft kommt es dabei zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, in den Staaten des Nordostens z. B. mit der NGO „FASE“. Und gelegentliche gemeinsame Aktionen mit der Landlosenbewegung MST, die selbst tonnenweise ihre Produkte aus der Familienlandwirtschaft spendet, ermöglichen den Zusatz von frischen Lebensmitteln, die so wichtig sind für die gesunde Ernährung, aber in den normalen Paketen der Grundnahrungsmittel nicht enthalten sein können.
Getrennt vereint
Im Großraum São Paulo besteht eine feste Tradition von MTST-Versammlungen: An jedem ersten Samstag im Monat findet das große Treffen („encontrão“) der regionalen Koordinationen statt, und am Sonntag danach sind die Vollversammlungen der Besetzungen, egal, ob ihre Mitglieder auf dem Grundstück zusammen oder in Stadtteilgruppen zerstreut wohnen. Das alles geschieht jetzt virtuell. Schon der Encontrão im April lief als Live per Facebook, mit vielen Details, die es auch bei wirklichen Treffen gegeben hätte. Sogar die Verspätung erhielt die logischste aller Erklärungen: Angeblich fehlte noch genau die Koordination, die diesmal für den Imbiss verantwortlich war. Wahrscheinlich war es für viele einer der ersten Momente, in denen uns schmerzhaft bewusst wurde, auf wie viel an menschlicher Nähe und Wärme wir derzeit verzichten müssen. Aber die Kommentare zu den einzelnen Punkten und vor allem die guten Nachrichten, besonders über die Entwicklung der Spendenaktionen, glichen das wenigstens ein bisschen aus. Dazu hatte Guilherme Boulos, unser Nationalkoordinator, noch die geniale Idee, nach seinen Ausführungen in die Küche zu gehen, einen Teller mit selbst zubereiteter Pasta zu holen, und zu versprechen, sie für alle zu machen, wenn wir uns einmal im nationalen MTST-Haus wiedersehen.
Für die Vollversammlungen an den jeweils folgenden Sonntagen werden dann Audiobotschaften aufgenommen, die zur gewohnten Zeit an die WhatsApp-Gruppen gehen. Danach geben alle Leute, die sie gehört haben, ihr Like ab, sodass in etwa abzuschätzen ist, wie viele erreicht worden sind.
Informationen, Initiativen – und viel Druck auf Regierungen und Behörden
Im Laufe der 22 Jahre ihrer Existenz ist MTST zu einer Bewegung geworden, die für das umfassende „Recht auf die Stadt“ kämpft, also alle Grundrechte einbezieht, nicht nur das auf angemessenes Wohnen. Dementsprechend haben sich „Sektoren“ und „Kollektive“ gebildet, die sich um spezielle Aspekte kümmern und passende Aktivitäten durchführen. Auch hier musste die Präsenzarbeit mit viel Fantasie durch virtuelle ersetzt werden. Ein beliebtes Mittel dazu sind Serien von Cards, die angepasst an die Lebensrealität der Menschen Tipps und Informationen zu bestimmten Themen geben. Eine der genialsten Cards kam wohl vom Sektor Architektur und Urbanismus. Sie wies darauf hin, wie wichtig die gute Belüftung der Wohnung ist und gab in Bild und Wort einen Tipp, wie man diese notfalls erreichen kann: einfach ein Loch in der Außenwand brechen. Das Frauen-, das Jugend- und das Afro-Kollektiv sowie der Sektor Politische Bildung machen Podcasts oder virtuelle Studiengruppen zu relevanten Themen, und der Sektor Gemeinschaftsgärten schickt wöchentlich Tipps zu Ernährung oder Kultivierung von Topf-Pflanzen. Besonders gefordert sind derzeit natürlich die Sektoren Gesundheit und Recht mit ihren entsprechenden Fachleuten. Über die Produktion von allgemeinen Informationen und Tipps hinaus unterhalten sie Hotlines, die Beratung in konkreten Situationen anbieten, und sie stehen hinter vielen Aktionen, bei denen MTST – einzeln oder zusammen mit anderen – Druck auf Regierungen und Behörden ausübt.
Eine der ersten großen Aktionen, die Erfolg hatte, war die Forderung, die Notunterstützung von den vorgesehenen schäbigen 200 Reais auf 600 zu erhöhen. Eine weitere, nicht weniger wichtig, schleppt sich jedoch bis heute hin und wird wohl untergehen: die Kampagne „Vidas iguais“ – „Alle Leben sind gleich“. Namhaften Juristen hatten mit Unterstützung von Abgeordneten und anderen Persönlichkeiten beim Bundesgericht die Petition eingereicht, dem öffentlichen Gesundheitssystem alle privaten Intensivstation-Betten zur Verfügung zu stellen. Schließlich machen die etwa die Hälfte aller existierenden aus, stehen aber nur rund 15 % der Bevölkerung offen. Die Eingabe wurde jedoch sofort zu den Akten gelegt, und der noch laufende Widerspruch hat keine Aussicht auf Erfolg.
Ähnlich schlecht steht es mit dem Antrag, den Guilherme Boulos und Luiza Erundina (1989-1993 Bürgermeisterin von São Paulo und jetzt seine Vize für die diesjährigen Bürgermeisterwahlen) zusammen mit Pater Júlio Lancelotti gestellt hatten: Für die etwa 25.000 Obdachlosen der Stadt São Paulo solle man in Hotels 8.000 Plätze organisieren – jetzt hat die Stadtverwaltung die Ausschreibung für 500 begonnen.
Ein voller Erfolg wurde dagegen ein Eilantrag von MTST: Vor wenigen Tagen erschien die Einstweilige Verfügung, die während der Pandemie die Ratenzahlungen in Programmen des sozialen Wohnungsbaus aussetzt, über die auch viele MTST-Wohnungen gebaut wurden. Und das Gesetzesprojekt, das Räumungen bei Mietrückstand verbietet, kam ebenfalls durch und muss nur noch von Bolsonaro unterzeichnet werden. Apropos Bolsonaro: natürlich ist MTST Mitunterzeichner der Impeachment-Forderung von linksgerichteten Parteien und etwa 500 sozialen Bewegungen, Gewerkschaften usw., die am 21. Mai in Brasília eingereicht wurde.
Jetzt ist es Ende Mai. Die Zahl der Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden ist so hoch wie noch nie, aber dennoch läuft im Bundesstaat São Paulo das Hickhack um die Lockerungsphase, nach zwei Monaten halbherziger Quarantäne, die nur zermürbt und fast nichts gebracht haben. Bei unserem nationalen Crowdfunding beginnt bald die sechste Etappe, und die Verteilung der Hilfsgüter ist intensiver denn je. Auf internationaler Ebene laufen Facebook-Solidaritätsseiten an – die deutschsprachige: „FreundInnen von MTST“. Und bei all dem begleiten uns ständig Angst und Sorge. Die Angst um die einen, die rausgehen, weil sie müssen oder weil die Solidarität sie treibt. Die Sorge wegen der anderen, die mit schmutzigen Tricks die Situation für ihre Machenschaften ausnutzen. Wie lange noch? Und wie viele Verluste an Leben, Rechten und Zukunftschancen werden wir noch zu verkraften haben, bis sich irgendetwas zum Besseren wenden lässt?

Monika Ottermann This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. ist Theologin und ging 1989 von Deutschland nach Brasilien, um sich im Rahmen der Befreiungstheologie in Basisgemeinden zu engagieren. Seit 20 Jahren lebt sie in São Bernardo do Campo, der Großregion São Paulo. Bei MTST ist dort ihre Basis, arbeitet sie in den Sektoren „Finanzen und Projekte“ und „Internationaler Austausch“ mit. Die brasilieninitiative freiburg e.V. ruft weiterhin zur Unterstützung von MTST auf.

Ausgabe 161/2020