Unerschrocken gegen den alltäglichen Missbrauch

gesellschaft missbrauchSchreiben von Henriqueta Cavalcante, Belém
Übersetzung: Peter von Wogau

Seit vielen Jahren haben wir von der brasilieninitiative freiburg e.V. einen regelmässigen Austausch mit Henriqueta Cavalcante in Belém (s. BN Nr. 153). Sie engagiert sich trotz Morddrohungen gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Über ihre Arbeit bei der Comissão Justiça e Paz (Kommission Recht und Frieden der Nationalen Bischofskonferenz von Brasilien), schreibt sie: „Wir strengen uns besonders an, um einen Fortschritt bei Anzeigen von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und Menschenhandel zu erreichen: Wir pochen darauf, dass sich die Politik aktiv für die Menschenrechte einsetzt. Dies ist vor allem aufgrund der Tatsache wichtig, dass wir in einem Bundesstaat leben, der mit zahllosen Gewaltfällen gezeichnet ist. Wir gehen den Anzeigen von sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden an den Flussufern nach, die keine andere Wahl haben, als sich sexuell ausbeuten zu lassen, um überhaupt überleben zu können.

Wir hinterfragen weiterhin aus folgenden Gründen die Leute an der Macht: Der Schutz von Kinderrechten ist in verschiedenen Dokumenten und rechtlichen Bestimmungen festgehalten, darunter in
• der brasilianischen Verfassung
• der Konvention über die Kinderrechte
• im Statut des Kindes und des Jugendlichen (brasilianische Rechtsnormen zum Kinder- und Jugendschutz)
Diese Rechte werden häufig vernachlässigt und die jungen Menschen erleiden in der Phase ihrer Bildung und Ausbildung unzählige Arten von Gewalt. Wir bemühen uns um präventive Aktivitäten und arbeiten an vorderster Front für und mit Kindern und Jugendlichen.

Die aktive Teilnahme von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft

Die Würde der Kinder und Jugendlichen zu respektieren bedeutet einmal, dass man ihnen zuhört und zum anderen zu ermöglichen, dass sie  an der Entscheidungsfindung bei Dingen teilhaben, die sie selbst betreffen. Mit Hilfe der aktiven Teilnahme können sie die ungleiche Machtsituation ändern, die zwischen ihnen und den Erwachsenen besteht. Das bedeutet, dass Kinder, Heranwachsende und Jugendliche als Hauptakteure an den Aktivitäten teilnehmen, die mit Problemen in Hinblick auf das Gemeinwohl, die Schule, die Gemeinde oder die weitere Gesellschaft zu tun haben. Es geht darum, sie als Quelle für diese Initiative zu verstehen, als Quelle zur Förderung der aktiven Teilnahme von Kindern und Heranwachsenden, so dass ihre Rechte auch anerkannt werden. Dazu gehört auch,
• Erziehungsmaßnahmen mit ihnen durchzuführen, die sie mit dem Umgang mit erfahrener Gewalt vertraut machen,
• den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Informationen anzubieten und sie zu unterstützen, falls sie Missbrauch anzeigen wollen,
• die politischen Herausforderungen anzugehen, die noch immer existieren: Die Straffreiheit etwa bleibt weiterhin eines der wichtigsten Hindernisse dafür, sich der Gewalt entgegenzustellen. Wie kann man garantieren, dass die Gesetzesbrecher bestraft werden und dass die Bestrafung wirksam ist?
Die in Institutionen wie Krankenhäusern, Polizeiwachen und Zentren Tätigen sind wenig darauf vorbereitet Kinder und jugendliche Gewaltopfer zu betreuen. Die herrschende Erziehung reproduziert sexistische Werte, die ihrerseits wiederum Gewalt gegen Kinder und Jugendliche rechtfertigen. Auch die Medien tragen in dem Maße Verantwortung für dieEntstehung und Persistenz von Gewalt, dass sie den Körper entsprechend ausbeuten und die Entwicklung einer vorzeitigen Sexualität stimulieren.
Sexuelle und andere Gewalt offenzulegen und die Untersuchung und die Verurteilung der Schuldigen zu fordern kann auch die Verteidiger der Menschenrechte der Opfer in Gefahr bringen. Dies lässt sich anhand der anonymen Drohungen feststellen, die einige in diesem Bereich führend tätige Leute, Familienangehörige und Opfer erlitten haben. Trotz dieser Herausforderungen stärkt uns weiterhin der Glaube und die Sicherheit, dass wir durch Hartnäckigkeit

und Beharren fähig sein werden, diese grausame Wirklichkeit zu verändern, die das Leben so vieler hilfloser Menschen zerstört. Fakt ist, dass das Leben dem gehört, der wagt!“
Ergänzend zu der Darstellung von Henriqueta nachfolgend eine längere Buchbesprechung zu diesem so wichtigen Themenbereich.

Kinderprostitution in Lateinamerika

Jürgen Schübelin
Über Kinderprostitution in Lateinamerika gibt es bereits eine Vielzahl von Büchern. Immer wieder wurde das Thema aus soziologischer, kriminalpsychologischer und kinderrechtlicher Perspektive beleuchtet. Aber selten ist jemand den Kindern und ihren individuellen (Leidens)-Geschichten und Tragödien tatsächlich so nahe gekommen, wie der britische Journalist Matt Roper mit diesem verstörenden, irritierenden Buch.
Gemeinsam mit dem kanadischen Country-Musiker Dean Brody war Roper 2013 fünf Monate lang auf der Brasil Rodovia 116 (kurz BR-116) unterwegs, der 4610 km langen Bundesstraße, die die Hafenstadt Fortaleza im Nordwesten Brasiliens mit dem äußersten Süden des Landes verbindet. Highway to Hell nennt Roper sein Buch, mit dem er die Albtraum-Erfahrungen dieser Reise durch die Abgründe kommerzieller sexueller Gewalt gegen Kinder dokumentiert und verarbeitet.
Anders als in den Touristenmetropolen entlang der brasilianischen Atlantikküste, wo es inzwischen durchaus ein zumindest zum Teil verändertes Bewusstsein seitens der Verantwortlichen bei Polizei, Justiz, Politik und auch der Medien gegenüber Kinderprostitution gibt, ist das, was Matt Roper entlang jener Streckenabschnitte, bei denen die BR-116 durch das bitterarme Vale de Jequitinhonha  oder den Süden des Bundesstaates Bahia führt, an Befunden zu Tage fördert, einfach nur deprimierend.
„Der Missbrauch von Tausenden von Kindern hat hier System“, schreibt Christoph Dehn von der Kindernothilfe in seinem Vorwort zu diesem Buch. Die Akteure dieses Systems sind schnell aufgezählt: Es sind, wie entlang so vieler anderer Lateinamerika durchziehender Transportrouten, Lastwagenfahrer, die über Wochen mit ihren Trucks unterwegs sind, aber auch andere Männer, die mit ihren Autos die BR-116 befahren und sich vor allem nachts am Straßenrand wartende Mädchen in die Fahrzeuge holen. Es sind die Erwachsenen aus der eigenen Familie in den Hütten am Straßenrand, die auf das Geld warten, das die Kinder mitbringen. Es sind die Eigentümer schäbiger Motels, die auf Lastwagenfahrer und ihre minderjährige nächtliche Begleitung spezialisiert sind. Es sind die Betreiber von Bordellen entlang der BR-116 und die Zuhälter in ihrem Umfeld. Es sind die „Vermittler“ in Tankstellen, Bars und Restaurants, die dafür sorgen, dass die Fernfahrer finden, wonach sie suchen. Es sind Drogendealer, die an dem Elend der Kinder mitverdienen und sie mit dem Billiggift Crack versorgen. Es sind Polizisten, die ganz genau wissen, was in ihrem Zuständigkeitsbereich vor sich geht, es aber vorziehen, sich für ihr Wegsehen bezahlen zu lassen. Es sind Politiker, Verantwortliche aus der Kommunal- und der Bundesstaatsverwaltung, die Matt Roper interviewt hat, die kategorisch behaupten, dass es all diese Probleme rund um Kinderprostitution seit Langem nicht mehr geben würde. Es sind chronisch überforderte Sozialarbeiter in den staatlichen Jugendschutzeinrichtungen, die die Probleme vor Ort in allen Details kennen, aber sich von den Institutionen, für die sie arbeiten, völlig unzureichend unterstützt sehen. Und es sind – als die Hauptdarstellerinnen dieser Tragödie – die Kinder, die jüngsten von ihnen gerade einmal zehn, elf, zwölf Jahre alt. Matt Roper bringt sie auf sehr behutsame, sensible Weise dazu, über sich, ihre Geschichte und ihre Erfahrungen zu sprechen und gibt ihnen Alias-Namen: Leilah, Mariana, Joseline, Milena, Rebecca, Poliana, Livia.
Von Kapitel zu Kapitel dieses Buches wird dabei immer deutlicher, wie komplex die Ursachen dieses Albtraums aus Kinderprostitution und gesellschaftlichem Versagen sind: Es ist nicht nur die Armut, der Druck, zur Ernährung der eigenen Familie beitragen zu müssen, sondern es sind auch diese vielfach wiederkehrenden, entsetzlichen Geschichten von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch die eigenen Väter, Brüder, andere Verwandte und Nachbarn, die ganz oft am Beginn eines derartigen Leidensweges stehen. Dabei geht es immer wieder auch um eine deformierte männliche Sexualität, um Macht und die Gewissheit der Täter, diese – in aller Brutalität – straffrei an Kindern austoben zu können. Hinzu kommen bei den Opfern in vielen Fällen Drogenabhängigkeit, Unterernährung, gravierende Gesundheitsprobleme und ein völlig zerstörtes Selbstwertgefühl. Oft sind es in diesem Kontext organisierte kriminelle Strukturen, die die Kinder in ihre Gewalt bringen. Den Rahmen für das alles bildet ein Rechtssystem; das, wie kaum ein anderes in Lateinamerika, Kinder- und Jugendrechte seit Jahrzehnten detailliert garantiert, aber, wenn es um Kinder aus einem Lebensumfeld von Armut und extremer Armut geht, in den allermeisten Fällen schlicht versagt.
Immer wieder endet dieser Albtraum für seine Opfer, für die Kinder, die für ein paar Reais in die Fahrerkabine der Lastwagen einsteigen, um danach wie Abfall hinausgeworfen zu werden, oder mit den Truckern in ein Motel mitgehen, tödlich. Sie werden angegriffen, lebensgefährlich verletzt, überfahren – oder sie überleben eine Frühschwangerschaft nicht. Einige von ihnen sterben an HIV, an einer Überdosis Crack oder anderen Krankheiten. Keines dieser Kinder hat auch nur den Hauch einer Chance, aus eigener Kraft diesem Albtraum zu entkommen.
Für Roper und Brody wurde –auch davon ist in diesem Buch die Rede – die Begegnung mit den Opfern der Kinderprostitution entlang der BR-116 zu einer lebensverändernde Erfahrung. Matt Roper, der zuvor viele Jahre lang als Reporter für den britischen Daily Mirror in der ganzen Welt unterwegs war, gründete mit seiner Frau die christliche Nichtregierungsorganisation Meninadança in Belo Horizonte, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais, um Kindern, die Opfer von kommerzieller sexueller Gewalt geworden sind, eine neue Lebensperspektive zu ermöglichen. Er lebt heute in Brasilien. Dean Brody engagiert sich von Kanada aus durch seine Musik und im Rahmen einer von ihm ins Leben gerufenen Stiftung für Sozialprojekte mit Kindern entlang der BR-116.
Ihr Erfahrungsbericht über die Abgründe an den Rändern einer brasilianischen Fernstraße mündet in eine zentrale Schlussfolgerung: Alles Engagement für die Opfer dieses perfiden Systems der Kinderprostitution – und des Wegschauens der Verantwortlichen – wird solange vergeblich sein, bis sich nicht die gesamte Gesellschaft schützend vor diese Kinder stellt.
Matt Roper: Die Straße der verlorenen Töchter – 4500 km Albtraum. Kinderprostitution am brasilianischen Highway. Neukirchener Aussaat, Neukirchen-Vluyn, 2016, 223 Seiten, 14,99 Euroki