Wohnen in São Paulo - Einblicke in verschiedene Welten

politik wohnenTjerk Brühwiller, São Paulo

In Paraisópolis, der zweitgrößten Favela São Paulos, wohnen fast 100.000 Personen. In unmittelbarer Nähe steht das schicke Stadtviertel Morumbi.
Es ist wie in einem Labyrinth. Wer Paraisópolis nicht kennt, ist verloren, sobald er eine der Hauptstraßen verlässt, welche die Favela in São Paulo durchqueren. Hernandes dos Santos Rodrigues kennt den Weg. Seit seinem zwölften Lebensjahr lebt er hier im wabenartigen Dickicht der Ziegelhäuser. Es geht durch enge Gässchen, über Treppen und Rampen immer weiter in die Favela hinein.

Vorbei an Küchen und Wohnzimmern, wo gekocht wird, Fernseher laufen und Augen aus den offenen Türen und Fenstern neugierig den Fremden beobachten. Die Favela, die fast 100.000 Einwohner zählt, ist vertikal gewachsen in den vergangenen Jahren. Drei oder gar vier Stockwerke haben viele Häuser schon erreicht. Sie tauchen die Durchgänge zwischen ihnen in Schatten. Statikern wird schwindlig beim Anblick der Häuser, doch die Bauten stützen sich gegenseitig und machen trotz ihrer einfachen Bauweise einen stabilen Eindruck. Dazwischen hängen Wäscheleinen und ein Gewirr von Stromkabeln. Das Abwasser fließt in Rinnsalen hangabwärts. Die Hälfte aller Haushalte in Paraisópolis zapft den Strom immer noch illegal ab, mindestens ebenso viele sind nicht an das Abwassersystem angeschlossen.

Wohnen ohne Tageslicht

Anders als die meisten Favelas in Brasilien, in denen landesweit mehr als zwölf Millionen Menschen wohnen, ist Paraisópolis nicht an einer prekären Hanglage oder an einem Flussufer entstanden. Das Landstück, auf dem die Favela steht, war in den 1950er Jahren für den Bau eines Quartiers für die gehobene Mittelschicht gedacht und bereits parzelliert. Ihre Entstehung unterscheidet sich dennoch nicht von anderen Armenvierteln. Bauarbeiter aus dem Nordosten Brasiliens, die auf der Suche nach Arbeit nach São Paulo gezogen waren, besetzten das Land und bauten ihre Hütten darauf. Spätere Versuche, die Parzellen wieder zu räumen, scheiterten. So ist unmittelbar neben dem schicken Stadtviertel Morumbi mit seinen ummauerten Villen die inzwischen zweitgrößte Favela São Paulos herangewachsen. „Das ist mein Haus“, sagt Hernandes am Ende einer engen Sackgasse und öffnet die Aluminiumtüre. Wir stehen im Wohnzimmer, das zum großen Teil von einem Sofa eingenommen wird. Der kleine Raum ist in das Licht einer Neonlampe getaucht, Tageslicht dringt nur aus der winzigen Küche gleich nebenan herein. Das Fenster zur Welt hängt an der Wand in der Form eines großen Fernsehers, der rund um die Uhr läuft. Gleich darunter rattert die Waschmaschine, begleitet vom Zwitschern eines Wellensittichs, der in einem kargen Käfig unter der tiefen Decke wohnt. Hinter dem Wohnzimmer liegen die beiden winzigen Schlafzimmer: eines für die Eltern, das andere teilen sich der neunjährige Sohn und die zwölfjährige Tochter. Viel mehr als ein Kajütenbett hat darin nicht Platz. Ein Fenster gibt es nicht, da an beide Außenmauern ein anderes Haus gebaut ist.

«Es reicht für das Nötigste»

Vieles habe sich zum Besseren verändert, erzählt Hernandes. Früher habe es zum Beispiel keine asphaltierten Straßen gegeben, keine Anbindung an den öffentlichen Verkehr, keine Gesundheitsversorgung. „Heute findet man in Paraisópolis sogar Arbeitsstellen.“ Tatsächlich hat sich das Gesicht von Paraisópolis und den meisten anderen Favelas stark gewandelt  in den letzten Jahren. Der Staat hat einige Urbanisierungsprojekte vorangetrieben.Vor allem ist es aber das Kleingewerbe, das die Viertel mit seinen immer konsumfreudigeren Bewohnern transformiert hat. Hernandes selbst arbeitet als Transporteur für ein Möbelgeschäft in der Favela. Am Wochenende verdient sich der 31-jährige Familienvater als Pizzakurier etwas hinzu. Knapp 1.000 Euro beträgt sein monatliches Einkommen. Damit befindet sich die Familie nicht am untersten Ende der Gesellschaftspyramide, sondern gehört einer Schicht an, die in Brasilien bereits als untere Mittelschicht eingestuft wird. Hernandes beschreibt die ökonomische Situation ganz treffend: „Es reicht für das Nötigste und für ein paar Verbesserungen.“ Was er damit meint, zeigt er auf dem Dach. Dort haben die Bauarbeiten für das nächste Stockwerk begonnen, damit die beiden Kinder endlich ihre eigenen Zimmer haben. Diva Justina Muscari Lobo hat die kleinste Wohnung in ihrer Nachbarschaft. Der Weg zu ihrer schweren, hölzernen Wohnungstüre führt nicht durch schmutzige Gässchen, sondern durch eine gut bewachte Sicherheitsschleuse, die nur angemeldete Gäste passieren lässt. Nach der Ausweiskontrolle und der telefonischen Rücksprache mit der Gastgeberin und der Rezeption in deren Wohnblock wird der Einlass gewährt. Durch eine Palmenallee und eine kleine Parkanlage gelangt man auf den Besucherparkplatz. Gärtner und weißgekleidete Kindermädchen mit kleinen Kindern in adretten Markenklamotten kreuzen den Weg. Das Rauschen des Springbrunnens wird durch den Lärm eines Helikopters unterbrochen, der nebenan gerade abhebt. Wir sind im Parque Cidade Jardim, einer der exklusivsten Adressen São Paulos, wo rund 300 Familien vom oberen Ende der Pyramide wohnen. Neun Wohntürme umfasst die Wohnanlage, die sich über ein Grundstück von 72.000 Quadratmetern erstreckt. Die Türme tragen die Namen von Blumen. Diva wohnt im Block „Begônias“. Durch eine helle Empfangshalle mit weißem Marmorboden geht es zu einem Lift mit viel Messing, aber ohne Knöpfe. Die Gastgeberin bedient ihn von ihrer Wohnung aus.

Brasiliens teuerste Wohnungen

Wenig später öffnet sich im 13. Stock die schwere Holztür und Dona Diva bittet den Gast herein. Das luxuriöse Interieur der Empfangshalle setzt sich fort: Marmor, Perserteppiche, gediegene Sofas, teures Holz und auch etwas wertvoll anmutender Kitsch dominieren das Wohnzimmer. Von den drei Suiten mit eigenem Badezimmer ist eine für Gäste und eine für ihren Enkel, der oft zu Besuch ist. Die dritte Suite, die neben dem Badezimmer auch über einen begehbaren Kleiderschrank verfügt, in dem unzählige Kleider in der Plastikverkleidung einer Wäscherei hängen, ist Divas Schlafzimmer. Divas Lieblingsplatz ist die verglaste Veranda, die den Blick auf die Skyline von São Paulo eröffnet. Davor schleppt sich der Rio Pinheiros voran. “Rio Negro“, nennt ihn Diva ironisch, weil er schwarz ist vor lauter Verschmutzung. Vom Gestank, den der biologisch tote Fluss verbreitet, riecht man hier jedoch nichts. Divas Wohnung ist luxuriös, doch mit 236 Quadratmetern die kleinste im Condomínio. Andere Appartements haben 500, 800 oder 1.200 Quadratmeter, das größte gar fast 1.900. Die Preise der Wohnungen liegen heute irgendwo zwischen 5 und 35 Millionen Reais (1,5 bis 10 Millionen Euro), womit sie zu den teuersten im Land gehören. Die monatlichen Nebenkosten betragen je nach Wohnungsgröße umgerechnet zwischen 1.200 und 4.500 Euro. Der Service und die Sicherheit haben ihren Preis. Doch vielen ist er es wert. Rund 5 Millionen Brasilianer leben heute in geschlossenen Wohnanlagen, von denen längst nicht alle so exklusiv sind wie der Parque Cidade Jardim. Die ersten geschlossenen Condomínios entstanden, als sich die Städte mit der Industrialisierung rasant auszudehnen begannen, die Leute in die Peripherie zogen und die Zentren ihre Bedeutung verloren. Der Raum wurde fragmentiert und mit ihm die Gesellschaft. Anstatt untereinander leben die sozialen Klassen in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Städten nebeneinander und das meist sehr scharf getrennt, besonders wenn es ums Wohnen geht. Es ist unüblich, dass sich die Klassen vermischen. Der Bankangestellte wohnt nicht neben dem Arbeiter. Doch die soziale Trennung ist längst nicht nur darauf beschränkt. Man verkehrt nicht an denselben Orten, hat die Kinder nicht an denselben Schulen, benutzt nicht dieselben Verkehrsmittel und kauft nicht in denselben Läden ein. Es herrscht ein starkes Klassenbewusstsein, das manchmal fast bis hin zu Angst und Abscheu reicht.

Direkter Lift in die Glitzerwelt

Die Sicherheit war für Diva der wichtigste Faktor, um in den Parque Cidade Jardim zu ziehen. „Ich lebe alleine, doch hier brauche ich mir keine Sorgen zu machen“, sagt sie. Draußen in der Stadt hat sie hingegen ein mulmiges Gefühl, zum Beispiel wenn sie nachts ihre Tochter besucht, die in einem anderen Viertel wohnt. Einmal sei sie überfallen worden, erzählt sie. Doch der Dieb floh ohne seine Beute – Divas Golduhr, die sie fallen gelassen hatte. Aber sie weiß von Freundinnen, die entführt wurden und stundenlang von einem Bankautomaten zum nächsten gefahren wurden, um Bargeld abzuheben. Um sich sicherer zu fühlen, hat Diva sich – ebenso wie die anderen Mitglieder ihrer Familie – einen gepanzerten Wagen angeschafft. Sie ist damit in Brasilien in bester Gesellschaft. In keinem anderen Land der Welt verkehren so viele kugelsichere Privatwagen auf den Straßen wie hier. Gegen die 150.000 dürften es laut dem entsprechenden Branchenverband sein. Es werden stetig mehr. Doch nach draußen muss Diva gar nicht so oft. Im Park steht eine begrünte Laube, darin gibt es einen Lift, der in den Untergrund führt. Und dieser hat es in sich. Er beginnt mit einem Spa-Bereich, der keine Wünsche übrig lässt: Sprudelbad, Sauna, Massageräume, Fitnesscenter und ein Ambulatorium der besten Klinik der Stadt stehen den Bewohnern zur Verfügung – gegen einen Aufpreis natürlich. Am Ende der Katakombe gelangt man wieder an eine Sicherheitsschleuse, dahinter wartet das Shopping Cidade Jardim, das in seiner Exklusivität der Wohnanlage in nichts nachsteht. In begrünten Innenhöfen reihen sich Boutiquen von Chanel bis Versace aneinander, Restaurants in derselben Kategorie und das komfortabelste Kino der Stadt. Sie sei oft im Shopping unten, sagt Diva. „Es hat hier alles, was ich brauche, eine Apotheke, eine hervorragende Bücherei und gute Restaurants. Es ist ideal für mich als alleinstehende Frau.“ Oft trifft sich Diva mit Freundinnen. Es lässt sich hier gut verweilen, wenn man nicht aufs Portemonnaie schauen muss. Auch im Shopping fehlt es nicht an Sicherheit, seit den Überfällen auf einige der Bijouterien erst recht nicht mehr. Diese Glitzerwelt kennt Hernandes nur aus den Telenovelas, die über seinen Flachbildschirm flimmern und traditionell in der Oberschicht bei den Schönen und Reichen spielen. Auch seine Arbeit als Pizzakurier führt Hernandes an Orte, wo es hohe Mauern, Swimmingpools, ein Heer von Angestellten und vier Parkplätze pro Wohneinheit hat. Die Anwohner blättern gelassen so viel Geld für eine Pizza hin, wie er an einem Tag nicht verdient. „Jeder hat seinen Platz“, sagt er. Er versuche, nicht neidisch zu sein, sondern mit dem weiterzukommen, was er habe. Viel ist das nicht. Hernandes hat keinen Schulabschluss, weil er als Jugendlicher arbeiten gehen musste. Doch er hat den eisernen Willen, den Abschluss nachzuholen. Jeden Abend drückt er die Schulbank, um Aussicht auf einen besseren Job zu erhalten.

Die Last der Ungerechtigkeit

Dona Diva hat andere Träume. Wenn sie auf den Fluss hinausschaut, überkommt sie manchmal das Fernweh. Sie könne sich gut vorstellen, einmal in Europa zu leben. Jedes Jahr fliegt sie hin und besucht Verwandte und Freunde. Das Strandhaus, das sie an der Küste von São Paulo besitzt, nutzt sie dagegen kaum noch. Es sei zu weit weg, zu anstrengend. Nein, Existenzängste kennt Diva nicht. Ihr Ex-Mann, ein erfolgreicher Anwalt, hat mehr als genügend eingebracht, um ihr ein sorgenfreies Leben zu garantieren. Diva, die selbst einen Abschluss in Recht hat, musste nie arbeiten, sondern konnte sich voll und ganz den Kindern und der Musik widmen, die sie ebenfalls studiert hat, am Konservatorium. Auch Diva kennt die andere Welt nur marginal. Einige ihrer früheren Hausangestellten hätten in Favelas gewohnt, erzählt sie, und sie sei auch schon dort gewesen. Inzwischen seien die Favelas aber nicht mehr so armselig wie früher. Es gebe dort heute fast alles, meint sie. Doch dann hält sie inne und erzählt von den Klagen ihrer Angestellten, die manchmal Stunden warten müssten, um im öffentlichen Gesundheitsposten einen Arzttermin zu bekommen. „Ja, Brasilien ist ungerecht“, antwortet sie auf die im Raum stehende Frage. Das Land könnte viel besser sein. Man stelle sich nur vor, wenn das ganze Schmiergeld, das im Umlauf sei, in Spitäler, in Schulen und in Wohnungen für Arme investiert würde. Die Korruption sei das große Übel Brasiliens, diagnostiziert Diva. Doch die Korruption ist auch hier zu Hause, im schicken und sauberen Parque Cidade Jardim. Nie waren die Whatsapp-Gruppen der Bewohner so aktiv wie an dem Montag vor anderthalb Jahren, als die Bundespolizei im Condomínio einfuhr und einen Nachbarn abführte. Er soll bis zu einer Milliarde an Schmiergeldern durch seine Firmen geschleust haben. Ein anderes Mal kamen die „Männer in Schwarz“ wieder, durchsuchten die Wohnung eines anderen Bewohners und transportierten Kunstgegenstände ab. Der Besitzer trägt heute eine elektronische Fußfessel und schafft es damit nicht einmal in das hauseigene Shoppingcenter. Diese Nebengeräusche sind der Preis, den man bezahlt, wenn man in Brasilien mit Politikern und neureichen Unternehmern in einer Siedlung wohnt. „Brasilien ist zu groß, um gut regiert werden zu können“, glaubt Diva, das werde sich nie ändern.

Traum vom besseren Ort

So anders seine Welt auch ist. In diesem Punkt ist Hernandes gleicher Meinung mit der Dame aus der Oberschicht. „Die Mächtigen stehlen und unterdrücken uns. Es könnte doch allen viel besser gehen“, sagt er. Brasilien sei ein korruptes Land – „und ein rassistisches“, fügt sein neunjähriger Sohn Igor hinzu. Doch von der Regierung und vom Staat erwarten die Bewohner von Paraisópolis wenig. Der Staat ist so gut wie nicht präsent, hat es bei einigen kosmetischen Eingriffen belassen. Die Straßen sind zwar asphaltiert, doch die Schulen im Stadtteil gehören laut einem Ranking zu den schlechtesten der Stadt. Die versprochene Anbindung an die Metro lässt seit Jahren auf sich warten, die Gesundheitsposten sind chronisch überlastet und die Polizei lässt sich in Paraisópolis schon gar nicht erst blicken. Die Favela wird vom Primeiro Comando da Capital (PCC) kontrolliert, der größten Verbrecherorganisation Brasiliens. Anders als in Rio de Janeiro, wo sich rivalisierende Banden, die Polizei und sogenannte Milizen bekriegen, ist São Paulo fest in der Hand des PCC und die Polizei hat sich damit arrangiert. Wenn Hernandes von Korruption spricht und vom Versagen des Staates, dann meint er auch das. Es gebe keine Probleme mit den Kriminellen, doch jeder wisse, dass sie das Sagen hätten. Es sei kein guter Ort, um Kinder groß zu ziehen. Er bete und arbeite unaufhörlich dafür, eines Tages aus Paraisópolis wegzukommen, gesteht Hernandes. Das hier, sagt er und zeigt auf das karge Wohnzimmer, sei nur vorübergehend. „Irgendwann werden wir ein besseres Haus an einem besseren Ort kaufen“, meint er. Er versucht überzeugend vor seinen Kindern zu klingen . Doch in seiner Stimme hängt auch die Verzweiflung eines Mannes, der nur allzu gut weiß, wie schwierig es ist, die Mauern zu durchbrechen, die ihn in seiner sozialen Klasse gefangen halten – die Mauern der Ziegelhäuser von Paraisópolis und die Mauern der Luxus-Condominios, in denen die Reichen sich abschotten und auf die Stadt hinunterschauen.

Tjerk Brühwiller lebt in São Paulo und arbeitet als Journalist für die Neue Züricher Zeitung.

 

Ausgabe 155/2017