Karneval und die Kraft des Samba
Franklim Drumond, Rio de Janeiro
Übersetzung: Anuk Polnik
Der Karneval ist Ausdruck Brasiliens. Er ist mehr als die bunten Postkartenmotive, die abertausende Touristen...
Der Karneval ist Ausdruck Brasiliens. Er ist mehr als die bunten Postkartenmotive, die abertausende Touristen, die jährlich zum Karneval anreisen, damit verbinden. Die historische und politische Dimension ist den meisten von ihnen oftmals gänzlich unbekannt.
Bekannt ist der Karneval durch den Samba und seiner mitreißenden Energie. Aber mehr als das ist der brasilianische Karneval eine kulturelle Kraft, die über Unterhaltung hinausgeht und in der Lage ist, ganze Gemeinden, Stadtteile und Städte in Bewegung zu versetzen. Im buchstäblichen wie auch im metaphorischen Sinne. Drei zentrale Dimensionen des Karnevals als Phänomen brasilianischer Kultur wollen wir uns näher anschauen: Seine historischen Wurzeln und die globale Bedeutung, die vielfältigen Akteurinnen und Akteure, die den Karneval tragen und zum Schluss die Trends, die die Zukunft des größten Festes Brasiliens prägen.
Die Wurzeln des Karnevals: Tradition und internationale Ausstrahlung
Der Ursprung des brasilianischen Karnevals liegt in den europäischen Entrudo-Festivitäten, die im 17. Jahrhundert von den portugiesischen Kolonisatoren eingeführt wurden. Entrudos sind große Straßenfeste mit Spielen, bei denen Wasser, Mehl, Maisstärke und mit Flüssigkeit gefüllte Wachskugeln geworfen wurden. Am Ende waren die Teilnehmenden bunt gefärbt und bereit für den Beginn der katholischen Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern. Im Laufe der Zeit wurden diese Feierlichkeiten um Elemente aus afrikanischen und indigenen Kulturen erweitert, mit spezifischen Aspekten in jeder Region des Landes.
Sogar die Bundesregierung stellt diese Vielfalt an kulturellen Ausdrucksformen unter Schutz: Das Institut für nationales, historisches und künstlerisches Erbe (IPHAN) erkennt die Paraden, Allegorien, Straßenblöcke und elektrischen Trios (Anm.: mit Soundanlage ausgestattete Lastwagen) als besonders schützenswert an. Namentlich fallen darunter der Frevo (Recife – Pernambuco), Maracatu Nação und Maracatu de Baque Solto (Pernambuco), Matrizes do Samba in Rio de Janeiro, Partido Alto, Samba de Terreiro und Samba-Enredo (Rio de Janeiro) sowie Samba de Roda do Recôncavo Baiano (Bahia).
Der Karneval als Straßenumzug, speziell derjenige in Rio de Janeiro, wurzelt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Verschiedene Gruppen von „Pastoris” und „Ranchos“ zogen damals zwischen Weihnachtszeit und dem Fest der Heiligen Drei Könige umher. Zur großen Zusammenkunft kam es dann beim Fest der Lapinha auf dem Largo de São Domingos (heutige Kreuzung der Avenida-Presidente-Vargas und -Passos im Zentrum von Rio de Janeiro). Die Geschichte des Festes veränderte sich für immer, als im Jahr 1893 Hilário Jovino Ferreira aus Salvador beschloss, die Parade seines Pastoris am Karnevalstag und nicht am Tag der Heiligen Könige zu veranstalten.
Der Aufstieg der Sambaschulen im 20. Jahrhundert sorgte dafür, dass sich der Karneval als kulturelles und politisches Spektakel etablierte. Im direkten Zusammenhang damit steht auch der Erfolg des Samba als Musikgenre. Allen voran die Formen Samba de Roda und Samba Enredo. Die 1930er Jahren ließen immer mehr Sambaschulen aus dem Boden sprießen. Letztendlich war es die Bildung von Matrizen – zentralen „Mutter-Schulen“ –- wie dem Partido Alto, dem Samba de Terreiro und dem Samba-Enredo, die einen Samba erschuf, der zur gleichen Zeit gesungen, getanzt und während Paraden aufgeführt werden konnte.
Als erster permanenter Standort für Karnevalsumzüge wurde das „Sambadrom“ Marquês de Sapucaí in Rio de Janeiro 1984 eingeweiht. 1991 folgte das von Oscar Niemeyer entworfene Sambódromo do Anhembi in São Paulo. Seit 1985 werden außerdem die Paraden aus Marquês da Sapucaí landesweit im Fernsehen übertragen.
In den Straßen entsteht eine gesellige Atmosphäre während die Paraden der Sambaschulen vorbeiziehen:. Eine Gelegenheit für große Gemeinschaftstreffen. Die Sambaschulen ziehen besonders viele Angehörige der Stadtteile an, in denen sie ihren Sitz haben .
Ein weiteres Element der Karnevals sind die sogenannten „Blocos“ – verschiedenste Tanz- und Musikgruppen, die farbenfroh und lautstark durch die Straßen ziehen. Besonders bekannt dafür sind die Städte Salvador, Recife, Olinda und seit kurzem auch in Belo Horizonte. Die Geschichte des Karnevals dort ist geprägt von pulsierender Vielfalt, Glanz und Rhythmus, die danach streben, allen Menschen eine Stimme zu geben.
Vielfalt der Stimmen: Das Brasilien, das singt und tanzt


