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Weiterhin Sklavenarbeit in Brasilien

Ricardo Rezende Figueira, Rio de Janeiro
Übersetzung: Günther Schulz

In Brasilien ist die Frage der Versklavung von Menschen nach der Pandemie des 19. Jahrhunderts mit mehr als 700.000 Todesopfern immer noch aktuell. 

In Brasilien ist die Frage der Versklavung von Menschen nach der Pandemie des 19. Jahrhunderts mit mehr als 700.000 Todesopfern immer noch aktuell. Es handelte sich zwar um eine gesundheitliche Pandemie, aber davor und währenddessen gab es eine andere Pandemie, eine politische Pandemie, die darauf abzielte, die Rechte, auch die in der Arbeitswelt, negativ zu beeinträchtigen. Die Zahl der Fälle, bei denen man von sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen reden kann, ist hoch und könnte noch steigen.
 Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Brasilien oder in der Welt versklavt sind, jedoch gibt es Schätzungen. Laut dem Global Slavery Index 2023, der am 24. Mai dieses Jahres von der Menschenrechtsorganisation Walk Free in London veröffentlicht wurde, gibt es in Brasilien schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen, die sich in einer Sklaverei ähnlichen Situation befinden. Das entspricht einem Brasilianer pro tausend Einwohnern, so der Journalist Leonardo Sakamoto, der sich einen Namen als Verteidiger der Menschenrechte gemacht hat. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt in Zusammenarbeit mit Walk Free und der Internationalen Organisation für Migration, dass im Jahr 2021 weltweit 50 Millionen Menschen der Sklaverei unterworfen sind. Das sind weit mehr als die 10 Millionen, die 2016 geschätzt wurden.

Trotz der geringeren Zahl von Kontrollpersonal steigt die Zahl der Geretteten

In den Regierungen von Michel Temer (2015-2019) und Jair Bolsonaro (2019-2022) wurde versucht, einen Teil der Arbeitsgesetzgebung rückgängig zu machen, das Budget für die Arbeitsaufsicht wurde gekürzt und es gab keinen Wettbewerb um neue Inspektorenstellen, auch nicht um diejenigen zu ersetzen, die in den Ruhestand gingen. Nach Angaben der Gewerkschaft der Nationalen Vereinigung der Arbeitsinspektoren gab es in Brasilien 3.644 freie Stellen, aber nur 1.949 davon waren besetzt. Es war ein Rückschritt gegenüber den Zeiten der früheren Regierungen von Fernando Henrique Cardoso (1995-2003), Lula da Silva (2003-2011) und Dilma Rousseff (2011-2016). Damals gab es verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung und Ausrottung der Sklaverei.

Zu Beginn der Regierung Cardoso wurden mobile Sonderinspektionsgruppen eingerichtet, die von Arbeitsinspektoren des Arbeitsministeriums koordiniert wurden und an denen auch andere Behörden wie Arbeitsstaatsanwälte und Beamte der Bundespolizei und der Autobahnpolizei beteiligt waren. Zwischen der Einrichtung dieser Gruppen im Jahr 1995 und Ende April 2023 wurden laut der Website des Arbeitsministeriums 61.459 versklavte Personen festgestellt. Allein in diesem Jahr sind es zwischen Januar und April 1.201 Personen. Laut Leo Rodrigues von der Agência Brasil waren 17 der 27 brasilianischen Bundesstaaten davon betroffen, und in 87,3 % der Fälle geschah dieses Verbrechen der Sklaverei in ländlichen Gebieten. In diesem Jahr 2023 gab es mehrere Denunziationen, Inspektionen und Rettungsaktionen. Rede Brasil Atual veröffentlichte am 26. Mai 2023, dass 45 Paraguayer in verschiedenen Regionen Brasiliens gerettet wurden, z. B. Auf einer Maniokplantage in Paraná und bei der Kaffeeernte in Bahia. Tatsächlich gab es in den letzten Jahren Berichte über die Versklavung von Menschen aus verschiedenen Teilen Lateinamerikas, dies als eine Folge der Migration. Vor allem aus Bolivien, Haiti, Peru und Venezuela sowie aus Asien, v.a.China und den Philippinen kamen die Betroffenen.

Hausangestellte und die Auslagerung von Arbeit

In jüngster Zeit gab es zunehmend Anklagen, die mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen, wie die von Hausangestellten, die sich in einer Situation der Versklavung befinden.Dies ist nicht neu, bereits 2017 räumten die brasilianischen Behörden ein, dass philippinische Frauen von einer Hausmädchenvermietungsfirma dazu gebracht wurden, in den Nobelvierteln von São Paulo zu arbeiten. Die Frauen arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag und hatten oftmals Schwierigkeiten beim Zugang zu Lebensmitteln. Nach Artikel 149 des brasilianischen Strafgesetzbuchs kann dies als Sklavenarbeit angesehen werden. Bis dahin waren solche Beziehungen der Ausbeutung von brasilianischen Familien und einheimischen Dienstmädchen weitgehend „unsichtbar,“ und das Verbrechen hatte keine großen Auswirkungen.

Viele Familien aus verschiedenen Teilen des Landes nahmen und nehmen auch heute noch arme Kinder aus der Stadt und vom Land auf, um sie großzuziehen und sie von klein auf der Arbeit zu unterwerfen.  Es handelte sich um „Söhne“ oder vor allem „Töchter“, die nicht die gleiche Behandlung erfuhren wie ihre Blutsverwandten, die nicht dieselben Schulen besuchten, nicht in denselben Zimmern schliefen und nicht an den Erbschaftsplänen teilhatten.

Der folgenreichste Fall, der die Aufmerksamkeit auf das Problem lenkte und neue Anklagen auslöste, war der von Madalena Gordiano, 46 Jahre alt, die seit ihrem achten Lebensjahr im Haus des Universitätsprofessors Dalton César Milagres Rigueira in Minas Gerais eingesperrt war. Danach gab es weitere Fälle von befreiten Frauen, die jahrzehntelang in den Häusern lebten - ohne Lohn, schlecht untergebracht, Tag und Nacht der Familie zur Verfügung stehend. Besondere Aufmerksamkeit erregte auch im Mai 2022 der Fall einer Frau, die nach 72 Jahren häuslicher Sklavenarbeit in Rio de Janeiro befreit wurde. In der letzten „schmutzigen Liste“ des Arbeitsministeriums, einem Verzeichnis von Personen und Unternehmen, die in Sklavenarbeit verwickelt sind, waren 289 Arbeitgeber aufgeführt, darin auch der Name von Professor Rigueira, der Madalena Gordiano in einem sklavenähnlichen Arbeitsverhältnis beschäftigt hatte.

Auch das Outsourcing von Arbeit und die zunehmende Arbeit im Home Office brachten neue Probleme mit sich. Die Leute werden nach Produktion bezahlt, haben keine arbeitsrechtlichen Rechte mehr wie es die Arbeitsgesetzgebung vorschreibt. Der Garantiefonds für die Dauer der Betriebszugehörigkeit fällt ebenso weg wie das Recht auf Urlaub bzw. ein 13. Monatsgehalt. Aufgrund des niedrigen Preises, der pro Produkt gezahlt wird, arbeiten sie jeden Tag in der Woche mit Arbeitszeiten, die im Allgemeinen mehr als 8 Stunden pro Tag betragen.

Und es gibt eine schwindelerregende Zunahme der Aktivitäten im Transportwesen, u.a. ermöglicht durch den Einsatz von Smartphones. Das Fahrunternehmen Uber beispielsweise stellt dem Arbeitnehmer sein Arbeitsmittel - das Auto - nicht zur Verfügung, trägt nicht zur Wartung, Erhaltung oder zum Treibstoff des Fahrzeugs bei, kurz: übernimmt keine Arbeitsverantwortung. Der Arbeitnehmer wird als „Selbständiger“, als „Kleinstunternehmer“ betrachtet. Und von den Fahrern, die auf digitalen Plattformen unterwegs sind, zahlen laut einer Studie der Angewandten Wirtschaftsforschung kaum mehr als 23 % in die Sozialversicherung ein. Gegen dieses Phänomen der Verletzung von Rechten und der erschöpfenden Arbeit wurden bisher keine Maßnahmen ergriffen, um die Bestimmungen des Artikels 149 der Verfassung zur Anwendung zu bringen.

Schlussfolgerung

Wenn uns einerseits die Sklavenarbeit der Gegenwart immer noch erschreckt und als inakzeptabel ist, können wir andererseits die Augen vor der jüngsten Vergangenheit nicht verschließen. Noch im Jahr 2023 verhandelt das Arbeitsministerium gegen Volkswagen wegen der Verletzung grundlegender Menschenrechte, einem nicht verjährbaren Verbrechen, wie es von der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte eingeschätzt wird. Das Verbrechen ereignete sich in den 1970er und 1980er Jahren auf einer 149.000 Hektar großen Farm, die Volkswagen in der Gemeinde Santana do Araguaia in Pará im brasilianischen Amazonasgebiet besaß.

Die skandalösen Beziehungen, die das Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs in Nazideutschland unterhielt, wiederholten sich vierzig Jahre später unter der brasilianischen Diktatur. Im Nazideutschland bediente sich das Unternehmen der Arbeitskräfte von KZ-Häftlingen, in Brasilien der armen Landarbeiter, die um ihr Überleben kämpften und der Schuldsklaverei ausgesetzt waren. Das Unternehmen verließ am 29. März in São Paulo den Verhandlungstisch (Anm: siehe Artikel in dieser Ausgabe zu VW), aber es ist möglich, dass es zurückkehren wird. Sollte dies nicht der Fall sein, kann das Ministerium das Unternehmen vor der brasilianischen Justiz verklagen, und auch vor der deutschen Justiz kann es verklagt werden. Das Ministerium verlangt von dem Unternehmen als Entschädigung für individuelle und kollektive moralische Schäden 156 Millionen Reais. Das ist unbedeutend im Vergleich zur Schwere des Verbrechens - Sklaverei, Landkonzentration und Umweltschäden - und zu dem, was das Unternehmen an Steuerabzügen und Steuervergünstigungen vom brasilianischen Staat erhalten hat - derzeit rund 700 Millionen Reais. 

Um die Sklavenarbeit wirksam zu bekämpfen, muss weiter Druck ausgeübt werden und es sind vorbeugende Maßnahmen erforderlich, die notwendigerweise mit Veränderungen in der nationalen Einkommensverteilung einhergehen müssen, um Armut und soziale Ungleichheit bekämpfen zu können. Die Bevölkerungsgruppen, die sich in einer dramatischen wirtschaftlichen Notlage befinden, werden am leichtesten in die moderne und illegale Sklaverei gelockt und benutzt. Die Maßnahmen zur Bekämpfung dieses Verbrechens können jedoch nicht auf das nationale Territorium beschränkt werden. Einer der Hauptgründe für Sklavenarbeit ist das Ziel einer billigeren Produktion, ein unfairer Wettbewerb auf dem Markt und das Erreichen höherer Profite. Genauso wie Waren, die durch Umweltzerstörung entstehen, nicht in Umlauf gebracht werden dürfen, sollten auch solche, die durch Kinder- und Sklavenarbeit entstehen, verboten werden. Dies ist ein Problem, das die gesamte Völkergemeinschaft gemeinsam anzugehen hat.

 

Ricardo Rezende Figueira, Priester, Professor für Menschenrechte und Anthropologie an der Föderalen Universität von Rio de Janeiro, UFRJ, Koordinator der Studiengruppe Zeitgenössische Sklaverei an der UFRJ.

 

Ausgabe BrasilienNachrichten Nr.167/2023