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Zum Schweigen gebrachte Stimmen

Petra Silvia Pfaller, Rio de Janeiro
Helena Mayra Mattos de Andrade
Heloísa Moriyama de Oliveira Santos

Die Operation „Contenção,“ die die Polizei von Rio de Janeiro am 28. Oktober 2025 in den Favelas Complexos do Alemão und da Penha in Rio de Janeiro durchführte, forderte zahlreiche Tote und Festnahmen.

"Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen, denkt an die Misshandelten.“ (Hebräer 13,3)
"Militärpolizisten werden verhaftet, weil sie beschuldigt werden, einen Obdachlosen in der Innenstadt von São Paulo mit drei Gewehrschüssen getötet zu haben", titelten die Zeitungen am Morgen des 23. Juli. Am nächsten Tag wurde das 19. brasilianische Jahrbuch der öffentlichen Sicherheit veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass im Jahr 2024 von zehn in der Stadt São Paulo registrierten Morden vier von Polizisten begangen wurden.
Die Operation „Contenção,“ die die Polizei von Rio de Janeiro am 28. Oktober 2025 in den Favelas Complexos do Alemão und da Penha in Rio de Janeiro durchführte, forderte zahlreiche Tote und Festnahmen. Rund 2.500 Einsatzkräfte der staatlichen Sicherheitskräfte waren beteiligt. Bei diesem Großeinsatz kamen 121 Menschen ums Leben, darunter vier Polizisten. Medienberichte zeichneten ein Bild kriegsähnlicher Szenen. Am darauffolgenden Tag barg die Bevölkerung über 40 Leichen aus den Wäldern und legte sie auf dem Marktplatz aus – Szenen, die an die Kämpfe in Gaza und im Ukraine-Krieg erinnern. Laut Angaben der Regierung von Rio de Janeiro waren 42 der getöteten Verdächtigen flüchtig, und 78 der Zielpersonen hatten ein umfangreiches Vorstrafenregister. Die Art der Berichterstattung in den allgemeinen Medien suggerierte, dass das Massaker gerechtfertigt sei, da die Beteiligten schließlich „Vorstrafen“ hatten. Viele Organisationen, Nicht - Regierungsorganisationen und Kirchenvertreter veröffentlichten Protestschreiben und organisierten Demonstrationen auf der Straße. Hinter diesem Massaker scheinen parteipolitische Überlegungen eine Rolle gespielt zu haben. Nicht nur die Präsidentschaftswahlen, sondern auch die Gouverneurswahlen stehen 2026 an. Der Amtsinhaber in Rio de Janeiro, Claudio Castro, strebt die Wiederwahl an. Betroffen von dieser Art der „Operationen“ sind vorwiegend schwarze und arme Bewohnerinnen und Bewohner in den Favelas.Der Vorfall zeigt die Widersprüchlichkeit eines Staates, der versucht, Frieden mit Gewalt durchzusetzen, dabei aber das Leid vervielfacht, das er zu verhindern sucht. Gewalt wird Teil der öffentlichen Politik. Angst wird zur Normalität. Wenn eine Gesellschaft den Tod so vieler Menschen hinzunehmen lernt, ohne erschüttert zu sein, bricht etwas Wesentliches weg: die Fähigkeit, die Menschlichkeit im anderen zu erkennen. Es gibt offiziell keine Todesstrafe in Brasilien, aber solche Massaker zeigen wieder einmal mehr, dass dies nur eine formelle Sache ist und die Realität ein anderes Bild darstellt.
Allein in der Stadt São Paulo wurden im Jahr 2024 357 Menschen von der Polizei getötet, was 40 % der registrierten gewaltsamen Todesfälle entspricht. Bei der Polizei in São Paulo stieg die Sterbequote im Vergleich zum Vorjahr um 61 Prozent an. In ganz Brasilien wurden 6.243 Menschen von Polizisten getötet, das sind 14 % der gewaltsamen Todesfälle. Erschreckende Daten, umso mehr, wenn man bedenkt, dass der Staat seine Bürger schützen und ihre Integrität garantieren sollte. Und neben der unverhältnismäßigen Gewalt, die von staatlichen Repräsentanten ausgeübt wird, zeigt die Opferselektivität, die ein spezifisches Opferprofil erstellt, eklatanten strukturellen Rassismus: Betrachtet man die Opfer gewaltsamer Todesfälle im Jahr 2024 in Brasilien, so fällt auf, dass 91,1 % Männer, 79 % Schwarze, 48,5 % bis 29 Jahre alt und 57,6 % auf öffentlichen Straßen getötet wurden.
Eine weitere merkwürdige Tatsache, die zeigt, dass etwas in der Politik im Bereich der öffentlichen Sicherheit in Brasilien nicht stimmt: Im Jahr 2024 begingen 126 Polizistinnen und Polizisten Selbstmord, 124 wurden in ihrer Freizeit getötet und 46 während ihrer Dienstzeit.
Die Realität des brasilianischen Gefängnissystems widerspiegelt, was auch außerhalb der Mauern passiert. Aber es bleibt verborgen vor den Augen der Gesellschaft und der Medien. Es wird immer schwieriger, Zugang zu dieser Realität in den Gefängnissen zu erhalten. Seit Jahrzehnten ist das Gefängnissystem geprägt von systematischen Menschenrechtsverletzungen, strukturellem Rassismus, institutioneller Gewalt und einer Strafpolitik, die arme, junge und schwarze Menschen zur Zielscheibe staatlicher Repression macht. Die Nationale Gefängnispastoral der katholischen Kirche versucht, aufgrund ihres im Evangelium begründeten Auftrags, diese Strukturen des Todes anzuprangern, die die Gefängnis- und Polizeigewalt im Land Brasilien ausmachen. Die pastorale Arbeit in den Gefängnissen ist auch ein Einsatz für Würde, Gerechtigkeit und ein Leben in Fülle für alle Menschen, die ihrer Freiheit beraubt sind, und ihrer Familien.
Die Realität der Gefängnisse in Brasilien: Zahlen, die Schmerz und Leid offenbaren
Brasilien hat derzeit die drittgrößte Gefängnispopulation der Welt, mit rund 941.752 Menschen, denen die Freiheit entzogen wurde, wie aus den von SENAPPEN (Nationales Sekretariat für Strafpolitik) für die in der ersten Hälfte des Jahres 2025 veröffentlichten Daten hervorgeht. Davon sind 705.872 Menschen in Zellen eingesperrt, was in der Praxis bedeutet, dass eine astronomische Anzahl von Männern, Frauen und sogar Neugeborenen gezwungen sind, in unmenschlichen und erniedrigenden Zuständen zu leben.
Überbelegung und Verweigerung von Grundrechten
Dem Bericht zufolge gibt es 499.341 Haftplätze für 705.872 Personen. Überbelegung ist die Regel, nicht die Ausnahme. Bei einem Besuch des nationalen Vorstandes der Gefängnisseelsorge Ende 2024 in einem Gefängnis in der Metropolregion Recife, das für 800 Haftplätze ausgelegt ist, erklärte der diensthabende Vollzugsbeamte, der den Besuch begleitete, dass an diesem Tag etwa 6000 männlichen Gefangene in diesem Gefängnis einsaßen. Die materiellen Lebensbedingungen im Gefängnis sind einerseits durch die Vernachlässigung der öffentlichen Rehabilitationspolitik durch den brasilianischen Staat und andererseits durch die geringen finanziellen Zuschüsse für den Strafvollzug gekennzeichnet. Für den Neoliberalismus charakteristisch ist auch die zunehmende Privatisierung des Gefängnissystem, was garantiert nicht den Strafvollzug verbessert, sondern nur die Kosten für den Staat erhöht und einige Firmen sich mit diesem lukrativen Geschäft bereichern. In diesem Zusammenhang kommt es zu der Überbelegung von Zellen und Einheiten, prekären Ernährungs- und Hygienebedingungen, die dazu führen, dass Familienangehörige Lebensmittel und Gegenstände mitnehmen müssen, die den Gefangenen das Überleben ermöglichen. Der Mangel an zweckmäßigen Räumlichkeiten führt dazu, dass es wenig Platz für den Schulunterricht oder Arbeitsmöglichkeiten gibt. In vielen Haftanstalten gibt es große Einschränkungen für den gesetzlich vorgeschriebenen täglichen Hofgang und sowie für Besuche von Angehörigen.
Der fehlende Zugang zu den Grundrechten ist eklatant:
• Das Recht auf Gesundheit wird ständig verweigert. Kranke Menschen sind mit dem Fehlen von medizinischer Versorgung, Medikamenten, Tests oder angemessener Behandlung konfrontiert. Tuberkulose, Hautkrankheiten , Hepatitis und HIV sind in den Gefängnissen auf dem Vormarsch, was die Vernachlässigung der Gesundheit von Menschen ohne Freiheit durch den Staat widerspiegelt. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 wurden 932 Todesfälle registriert.
• Die Nahrung ist prekär, oft verdorben oder nicht ausreichend, was zu dem führt, was wir die „Hungerstrafe“ (pena de fome) nennen: eine grausame und stille Form der Folter.
Outsourcing und die Kommerzialisierung von Körpern
Eine magische Lösung, die einige Bundesländer präsentieren, ist der wachsende Trend zur Kommerzialisierung und Privatisierung des Gefängnissystems, wodurch inhaftierte Körper in eine Profitquelle für private Unternehmen verwandelt werden. Es sind schwarze und periphere Körper, die diesen Markt der Bestrafung bedienen. Die Logik ist einfach: Je mehr Gefangene, desto größer der Profit. Und je niedriger die Kosten für den Unterhalt der Gefängnisinsassen (mit schlechter Nahrung, Wasserrationierung, Mangel an Hygieneartikeln), desto mehr sind die Unternehmer in der Lage, "zu sparen" und "Kosten zu senken". So werden Masseninhaftierungen gefördert, Armut und Schwarzsein kriminalisiert und gleichzeitig die falsche Idee der "öffentlichen Sicherheit" verkauft. 
Masseninhaftierungen
Fast 40 % der Gefangenen befinden sich in Untersuchungshaft, d.h. sie wurden noch nicht rechtskräftig verurteilt. Sie leben in einem rechtlichen Schwebezustand, warten monate- oder jahrelang auf eine gerichtliche Entscheidung, Geiseln einer langsamen und elitären Justiz. Diese enorme Zahl von Menschen in Untersuchungshaft liegt vor allem an der repressiven Drogenpolitik des brasilianischen Staates. Drogendelikte von kleinen Drogenkuriere und Drogenabhängigen gehören zu denen, die von der brasilianischen Justiz am meisten verfolgt werden, und machen einen erheblichen Teil der Untersuchungshäftlinge aus, was stark zur Ausweitung der Politik der Masseninhaftierungen beiträgt. 
Die überwiegende Mehrheit der Inhaftierten sind Frauen und Männer, die sich keinen Anwalt leisten können, deshalb ist die Rolle des Pflichtverteidigers von grundlegender Bedeutung um den Zugang zur Justiz zu gewährleisten. Doch leider deckelt der Staat die verfügbaren Resources für die „Defensoria Publica“ auf einem sehr niedrigen Niveau. Dabei spielen diese Pflichtverteidiger auch eine wesentliche Rolle bei der Überwachung der Haftbedingungen, der Gewährleistung der Grundrechte der Gefangenen und der Bekämpfung von Verstößen.
Strukturelle Gewalt durch Selektion im Gefängnis: jung, schwarz und arm.
Die Bevölkerung der Gefangenen in Brasilien setzt sich hauptsächlich aus Männern zwischen 18 und 29 Jahren zusammen, d. h. jungen Menschen, die mehr als 40 % der gesamten Gefängnisbevölkerung ausmachen. Es gibt einen historischen Trend des Wachstums der Gefängnispopulation im Land zwischen 2005 und 2022, aber dieser Trend ist nicht homogen. Während der Anstieg der inhaftierten Schwarzen Bevölkerung 381,3 % betrug, betrug der der weißen Bevölkerung 215 %. Im Jahr 2005 bestand die Gefängnisbevölkerung zu 58,4 % aus Schwarzen, im Jahr 2022 erreichte dieser Anteil 68,2 %. Laut dem Autor Bruno Bocchini ist diese Ungleichheit ein Spiegelbild von strukturellem Rassismus, sozialer Ungleichheit und staatlicher Politik, die Schwarze unverhältnismäßig stark betrifft, die weniger Zugang zu Rechten haben und mit mehr Vorurteilen betrachtet werden, was sie zu einem bevorzugten Ziel krimineller Selektivität macht. Derzeit bezeichnen sich etwa 70 % der Gefangenen des Landes, als schwarz oder braun, was den strukturellen Rassismus im System widerspiegelt.
Ein konkreter Blick auf die inhaftierte Frau:
• Nach offiziellen Zahlen gibt es zurzeit 31.773 Frauen, die unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert sind.Die Zunahme der Wachstumsraten der Inhaftierung von Frauen gibt auf allen Kontinenten Anlass zur Sorge: Seit den 2000er Jahren ist die Zahl der weiblichen Gefängnisinsassen weltweit um 59 % gestiegen. In Brasilien, einem Land mit der drittgrößten weiblichen Gefängnispopulation der Welt, ist dies nicht anders: In nur 20 Jahren (2002 - 2022) wuchs die weibliche Gefängnispopulation um 673%.
Wir wissen, dass es sich bei den Frauen, denen in Brasilien die Freiheit entzogen wird, zum größten Teil um schwarze Frauen handelt, die jung sind, eine geringe Bildung haben und aus "peripheren" Gebieten kommen. Die überwiegende Mehrheit der inhaftierten Frauen sind Mütter (68 %), über 30 Jahre alt (61 %) und zum größten Teil (62 %) Schwarze. Obwohl die Betreuungsarbeit (von Kindern, Heimen und Familien) stark mit der weiblichen Figur verbunden ist, ist es erschreckend zu sehen, dass diese Frauen ihre Haftstrafen in geschlossenen Haftanstalten (57%) verbüßen, trotz vieler gesetzlichen Vorlagen gegen die Inhaftierung von Müttern, was sich dann stark auf die Betreuung ihrer Kinder, ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften auswirkt. Ende Juni 2025 befanden sich 195 schwangere und 91 stillende Frauen im Gefängnis, was auch 91 inhaftierte Neugeborene bedeutet, obwohl das Gesetz das Recht auf Hausarrest für Mütter und Kinder ab dem siebten Schwangerschaftsmonat vorsieht. Obwohl es in den Frauenhaftanstalten sogenannte "Mutter-Kind-Abteilungen" gibt, sind die Bedingungen auf diesen Stationen prekär und improvisiert, oft in stickigen Umgebungen, ohne ausreichende Belüftung, ohne Windeln, ohne Zugang zu medizinischer Versorgung oder angemessener Nahrung.
Die Polizei als Instrument struktureller Gewalt
Wie bereits zu Beginn erwähnt: Polizeigewalt manifestiert sich sowohl innerhalb als auch außerhalb von Gefängnissen. Es ist üblich, dass die Gefängnisseelsorger Berichte von Gefangenen und ihren Familien über Fälle von Schlägen, Elektroschocks, Pfefferspray und Isolierhaft hören, in jüngster Zeit wurden oft in den nationalen Medien über Fälle von Vergewaltigungen von Frauen durch Gefängniswärter und Polizisten berichtet, und Todesfälle in der Haft werden als Selbstmorde oder "interne Gruppenkämpfe" dargestellt, obwohl es sich in Wirklichkeit um verheimlichte Hinrichtungen handelt.
In der Datenbank der nationalen Gefängnisseelsorge werden derzeit mehr als 800 eingereichte Beschwerden über Folter und Misshandlung geführt. Die meisten Beschwerden beziehen sich auf Fälle von körperlicher Gewalt gegen Gefangene und Vernachlässigung bei der Bereitstellung materieller Hilfe durch den Staat, darunter schlechte Ernährung, Mangel an Hygieneartikeln, Mangel an Wasser, Kleidung, Matratzen usw. Beschwerden über missbräuchliche Durchsuchungen von Familienangehörigen von Gefangenen, Vernachlässigung bei der Gesundheitsversorgung von Gefangenen und den Gebrauch von Folterwerkzeugen oder -waffen wie Pfefferspray und Gummigeschossen sind ebenfalls häufig, aber es gibt auch Fälle, in denen staatliche Beamte Schusswaffen gegen Gefangene einsetzen, was eine eklatante Verletzung der Pflicht darstellt, die körperliche Unversehrtheit der Menschen zu wahren, die sich in ihrem Gewahrsam befinden.
Die Mission der Gefängnispastoral: Das Evangelium bezeugen und das Leben verteidigen
Angesichts dieses Szenarios bekräftigt die Nationale Gefängnispastoral ihr Engagement für die bedingungslose Verteidigung des Lebens und der Menschenwürde. Unsere Mission ist:
• Wie Jesus bei denen zu sein, die leiden, die unsichtbar sind, die von der Gesellschaft gekreuzigt werden.
• Mit prophetischem Mut alle Formen von Folter, Vernachlässigung, Rassismus und Unterdrückung im Strafvollzug anzuprangern.
• Einsatz gegen die Masseninhaftierungen, indem Alternativen zur Inhaftierung, besonders von Frauen und zur Beendigung der massiven Untersuchungshaft gefordert wird.
• Die Bewahrung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit aller Menschen, die ihrer Freiheit beraubt sind, einschließlich des Zugangs zum Glauben, des Zuhörens, der Vergebung und der Rekonstruktion ihrer Geschichten.
Besuchseinschränkungen der Kirche: Die Stimme, die anprangert, wird zum Schweigen gebracht
Das Gefängnispastoral erleidet oft als Folge ihrer prophetischen Haltung Vergeltungsmaßnahmen und Behinderungen beim Zugang zu den Gefängnissen. Wegen öffentlicher Anklagen über Folter, Übergriffe, medizinische Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch im Gefängnis wird die Präsenz der Kirche von Teilen des Strafvollzugssystems als "unerwünscht" betrachtet. Das Evangelium beunruhigt und stört, wenn es auf die Seite der Unterdrückten gestellt wird und das Kreuz Christi immer mehr den Gittern der Gefängnisse gleicht.
Es gibt zahlreiche Berichte von Gefängnisseelsorger/innen, die nach einer Beschwerde daran gehindert oder sogar suspendiert wurden, einen religiösen Besuch zu machen. Generell kommt es zu einer Abschottung des brasilianischen Gefängnissystems, das zunehmend den Zugang zu Gefangenen mit der Begründung verweigert, es handle sich um ein "Sicherheitsproblem". Es gibt Orte, an denen es dem Priester verboten ist, Wein zur Eucharistiefeier mitzubringen, genauso wie es verboten ist, eine Bibel oder einen Rosenkranz in der Zelle zu haben. Der persönliche Kontakt, der für einen offenen Dialog zwischen dem Gefangenen und dem/der MitarbeiterIn des Gefängnispastoraldienstes ohne Repressalien aus der Gefängnisanstalt unerlässlich ist, wird ständig verletzt, u.a. dadurch, dass die Treffen oft unter strenger Aufsicht der Vollzugsbeamten stattfinden. In der Praxis wird die religiöse Unterstützung als eine Privilegierung von Gefangenen betrachtet, obwohl es ist ein Grundrecht ist, das die brasilianische Verfassung garantiert.In diesem Sinne werden auch Besuche von Familienangehörigen eingeschränkt, was die (Wieder-)Eingliederung in Familie und Gesellschaft zunehmend erschwert. Besuche von Angehörigen in den Gefängnissen, oft der einzige Kontakt, werden oftmals, als eine Form der Bestrafung und Kontrolle über das Leben dieser Menschen, willkürlich ausgesetzt. Die Regeln, die die Bedingungen für Besuche festlegen, sind nicht leicht zugänglich und variieren von Bundesstaat zu Bundesstaat, was Missbrauch durch Vollzugsbeamte ermöglicht. Familienmitglieder, fast immer Frauen, müssen sich erniedrigende Verfahren und schikanösen Durchsuchungen unterziehen, sich z. B. nackt vor den Beamten ausziehen.Aufgrund von "dunklen Flecken" auf den Bildern der Körperscanner werden ihre Besuche willkürlich ausgesetzt . Diese Einschränkungen und erniedrigenden Bedingungen für Familienangehörige haben in erster Linie zur Folge, dass das Recht auf Familienkontakt sowohl der Gefangenen als auch ihrer Familien behindert wird. Somit ist die Strafe indirekt auch eine Strafe für die Angehörigen, was wiederum gegen die Garantien des brasilianischen Grundgesetzes verstößt.
»Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,36)
Das brasilianische Gefängnissystem ist nicht nur ein Ort der Bestrafung, sondern auch der planmäßigen Entmenschlichung. Anstatt Rechte zu garantieren, fördert der Staat Gewalt und Vernachlässigung. Die Kirche ihrerseits ist aufgerufen, die lebendige Gegenwart Christi zu sein, der befreit, der mit den Gefangenen geht, der die strukturelle Sünde der Gefängnisse anprangert und die Hoffnung und Barmherzigkeit verkündet. Die Evangelisierung im Gefängnis ist mehr als das Wort Gottes zu bringen – sie bricht die Fesseln der Ungerechtigkeit, sie öffnet Wege der Befreiung und stellt die Würde der Menschen wieder her, von denen die in den Augen der Gesellschaft verstoßen wurden. Solange es eine Person im Gefängnis gibt, die gefoltert, verhungert oder vergessen wird, wird die Sendung der Gefängnisseelsorge weitergehen.
Schwester Petra Silvia Pfaller arbeitet seit vielen Jahren in der Gefängnisseelsorge in Brasilien und ist die Koordinatorin der katholischen Gefängnispastoral in Brasilien.
Helena Mayra Mattos de Andrade und Heloísa Moriyama de Oliveira Santos studieren derzeit Jura.

 

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