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Agrarökologie mit alternativen Energien

 von Christoph Ostendorf, Recife

Gemeinsam mit dem deutsch-brasilianischen Kulturzentrum CCBA (Centro Cultural Brasil – Alemanha) initiiert, war der Schwerpunkt in den letzten Monaten die Unterstützung und Weiterentwicklung eines „Experimentierfeldes“... 


Hierbei handelt es sich um ein ca. 0,7 Hektar großes Gelände im Zentrum des Dorfes des indigenden Volkes der Pankará in Itacuruba, auf dem verschiedene sozioökologische Technologien und indigenes Wissen und Erfahrungen zusammengebracht und integriert werden.
Bislang konnte bereits ein agrophotovoltaisches System in Betrieb genommen werden, das vor allem den Strom für die Trinkwasserversorgung von ca. 150 Familien sicherstellt. Daneben wird ein Teil des Wassers, das aus ca. 7 km Entfernung aus dem Itaparica-Staudamm des Rio São Francisco herangepumpt wird, für Projekte nachhaltiger Fischzucht mit Bewässerung und Düngung benutzt.
Die Agrophotovoltaikanlage, unter der und um die herum Gemüse und Kräuter angepflanzt werden, eine Kompostierungsanlage für Kokosnussschalen, eine Fischzuchtanlage bestehend aus sechs Tanks (10.000 l) und eine kurz vor der Inbetriebnahme befindlichen Aquaponikanlage (Fischzucht mit Kreislaufsystem und Gemüseanbau) mit nochmals zwei Tanks (10.000 l) bilden den Kern des Projekts. Dazu kommen eine Fläche mit 40 gerade angepflanzten Obstbäumen und eine kleine Fläche mit einem „sistema agroflorestal“, einem Agroforstsystem, wo verschiedenste traditionelle Pflanzen des Naturraums Caatinga, darunter auch solche, die als Heilpflanzen benutzt werden, neben- und miteinander wachsen.
Was die indigenen Erfahrungen angeht, ist es mittlerweile gelungen, die ersten „indigenden Bienen“ (ohne Stachel!) in einem Bienenstock auf dem Gelände anzusiedeln. Geplant ist weiterhin die Vorbereitung und auch die Einrichtung einer kleinen Saatgutbank für freies regionales Saatgut.

Höhepunkt im August war der Beginn des Abfischens der ersten drei Tanks, in denen Tilapien (eine Gattung von Buntbarschen) in gut neun Monaten zu einer stattlichen Größe herangewachsen waren. Dabei halfen Schülerinnen und Schüler der beiden im Ort befindlichen Schulen für Indigene tatkräftig mit. Jede Schule erhielt danach 75 kg Fisch, womit das Mittagessen substanziell und qualitativ angereichert wurde. Dabei sei hier angemerkt, dass die staatliche Schulspeisung, wenn sie denn tierische Proteine beinhaltet, immer nur Fleisch vorsieht. Die Einbeziehung von nachhaltig produziertem Fisch in die Schulspeisung hat somit Vorbildcharakter für die öffentliche Politik im Bereich der Schulspeisungsprogramme.

Für dieses und das nächste Jahr sind verschiedene Maßnahmen geplant, die das Fischzuchtprojekt und die Aquaponikanlage vervollständigen. Die Tanks müssen überdacht werden, ein zusätzliches Absetzbecken für die insgesamt acht Fischtanks muss angelegt werden und dann steht für das erste Halbjahr 2025 der Bau eines kleinen Gebäudes mit einem Verarbeitungsraum für Fische und einem zweiten Lagerungs- bzw. Kühlraum auf dem Programm. Das Ziel besteht darin, dass jährlich 4.000 kg Fisch nachhaltig produziert werden. Nachhaltig heißt, dass alle Geräte der Fischzucht ausschließlich mit Solarenergie betrieben werden, das regelmäßig auszutauschende Abwasser der Fischtanks der Bewässerung und natürlichen Düngung der Obstbäume und Beete dient und der Schlamm aus den Fischtanks in der Kompostierungsanlage Verwendung findet. Für 2025 gilt der Slogan „Indigener Fisch für indigene Schulen“, d.h. Die anvisierten 4.000 kg Fisch sollen regelmäßig ab dem Schulhalbjahr 2025 an mindestens fünf indigene Schulen in der Region möglichst schon im Rahmen staatlicher Schulspeisungsprogramme verteilt werden.

Insgesamt ist hervorzuheben, dass das Projekt im Dorf der Pankará, das vor Jahren eine Teilfinanzierung von der Organisation ATMOSFAIR erhielt, heute vom CCBA und der Brasilieninitiative Freiburg e.V. unterstützt und ermöglicht wird. Dabei existieren bereits offizielle Kooperationsprogramme mit dem Instituto Federal im Nachbarort Floresta und der Universidade Federal Rural in der Stadt Serra Talhada.
Der innovative Charakter des Projekts besteht darin, dass verschiedene sozioökologische Technologien miteinander integriert sind. So wird die Bewässerung und Düngung von Pflanzen mit dem Abwasser der Fischtanks durchgeführt. Unter den Photovoltaikmodulen sind Beete mit Kräutern und Gemüse angelegt und das Regenwasser der ca. 200 m² großen Fläche der Solarmodule soll nun auch noch in einer großen Zisterne gesammelt werden. Die Kompostierung von Kokosnussschalen, die in der Region auf den großen Plantagen bei der Abfüllung des Kokoswassers als Reststoffe anfallen, dient der Düngung auf dem Projektgelände und der Aufforstung der Caatinga.
Auf diese Weise ist das Projekt darauf ausgerichtet, a) das Klima zu schützen, b) die Biodiversität in der Region zu stärken und c) die Ernährungssicherheit, besser gesagt, die „Ernährungssouveränität“ zu garantieren. Bei alldem ist die direkte und aktive Beteiligung der indigenen Bevölkerung, vor allem der Jugendlichen, unverzichtbar.

 

BrasilienNachrichten 170/2025