Niob – Ein radioaktives Damoklesschwert schwebt über Brasiliens nördlichem Amazonasgebiet
Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
Balaio am oberen Rio Negro im Nordwesten des Bundesstaates Amazonas ist eines der am besten erhaltenen indigenen Reservate Brasiliens...
Es umfasst über 257.000 Hektar Regenwald, Flüsse und Berge. Es liegt in der Gemeinde São Gabriel da Cachoeira und ist das traditionelle Territorium der Tukano und acht weiterer indigener Völker: der Baniwa, Baré, Desana, Koripako, Kubeo, Pira-tapuya, Tariana und Tuyuka. Es ist auch der Geburtsort des 71-jährigen Alvaro Doéthiro Sampaio Tukano.
Seit dem Tod seines Vaters Ahkïto im Jahr 2020 im Alter von 110 Jahren ist Alvaro Häuptling der Tukanos in Balaio. Er gilt als ein Urgestein in der indigenen Bewegung Lateinamerikas und stand zusammen mit anderen indigenen Leitfiguren und Aktivisten wie Mario Juruna, Marcos Terena, Aílton Krenak, Paulinho Paiakan und Davi Kopenawa Yanomami in den 1980er und 1990er Jahren an deren Spitze.
Als Häuptling der Tukano setzt sich Alvaro für den Erhalt ihrer Traditionen und die Versorgung mit traditioneller Medizin und Lebensmitteln ein. Die Herausforderung besteht darin, den Regenwald zu erhalten und gleichzeitig durch die Nutzung des indigenen Wissens Ernährungs- und Gesundheitssouveränität für die Völker seines Territoriums zu erreichen.
Doch über Balaio schwebt ein Damoklesschwert. Es heißt Niob (Nb).
Eines der weltweit größten Vorkommen des strategischen Minerals Niob befindet sich im Tukano-Gebiet. Die Niobvorkommen in der Region São Gabriel da Cachoeira könnten laut Prospektoren ausreichen, um den weltweiten Bedarf an Niob für 400 Jahre zu decken.
Niob ist ein strategisch wichtiges Schwermetall, das unter anderem in der Baubranche, der Luft- und Raumfahrt, der Hightech-, Rüstungs- und Atomindustrie eingesetzt wird. Heute spielt das Metall zudem eine entscheidende Rolle in der global angestrebten Energiewende. So ermöglicht Niob die Produktion von schnell aufladbaren Batterien.
In einem kürzlich auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 veröffentlichten Bericht über Brasilien heißt es: „Das zweite Thema ist die Energiewende und der globale Kampf gegen den Klimawandel. Brasiliens kritische mineralische Rohstoffvorkommen machen das Land unverzichtbar für die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien. Es verfügt über 94 Prozent des weltweiten Niobs, 22 Prozent des Graphits, 16 Prozent des Nickels und 17 Prozent der Seltenen Erden – allesamt wichtige Komponenten für grüne Technologien.“
Bereits heute ist Brasilien mit über 90 Prozent Weltmarktanteil der mit Abstand global wichtigste Niob-Produzent, so die Deutsche Rohstoffagentur. Hauptlieferant ist die Tagebaumine der Companhia Brasileira de Metalurgia e Mineração (CBMM) in Araxá im Südwesten von Minas Gerais, die jüngst vom australischen Bergbauunternehmen St George übernommen wurde.
Die Erschließung der Niob-Vorkommen im Territorium der Tukano im Bundesstaat Amazonas würde das weltweite Angebot des begehrten Metalls drastisch erhöhen und damit möglicherweise die Preise drücken.
Bislang ist jedoch jeglicher Bergbau in den demarkierten indigenen Gebieten durch die brasilianische Verfassung verboten. Nichtsdestoweniger gibt es in Brasília eine starke politische Lobby, die dies so bald als möglich ändern will. Darüber hinaus wächst das internationale Interesse an Brasiliens strategischen Mineralien.
Im November vergangenen Jahres unterzeichneten Brasilien und China ein Abkommen über „nachhaltigen“ Bergbau – was auch immer das Wort „nachhaltig“ in diesem Zusammenhang bedeuten mag. Die Gewinnung und Erschließung von Niob, Lithium und Nickel gehören zu den Prioritäten des Abkommens.
Vergangenen Februar legte Bundesminister und Richter Gilmar Mendes vom Obersten Bundesgericht (STF) einen Gesetzentwurf vor, der die brasilianische Verfassung untergraben und den Abbau auch in demarkierten indigenen Gebieten erlauben würde. Sollte der Gesetzentwurf in Brasília eine Mehrheit finden, müssten die indigenen Völker der Region des oberen Rio Negro möglicherweise entscheiden, ob sie dem Niobabbau gegen Entschädigung zustimmen oder ihre Gebiete konsequent gegen Bergbauinteressen verteidigen.
Lasst das Niob im Boden
Wissenschaftler der Universität São Paulo (USP) plädierten bereits 2020 dafür, das Niob im Amazonasboden zu lassen. Die Erschließung der Vorkommen von Seltenen Erden und Niob in der Region des oberen Rio Negro könnten zu hohen kumulativen Waldverlusten führen. Sie warnen vor verheerenden Folgen für die Artenvielfalt und die indigenen Völker des Gebiets.
Niobabbau und -verarbeitung gehen darüber hinaus mit der Produktion großer Mengen radioaktiver Abfälle einher. Nioberz gilt als natürlich vorkommendes radioaktives Material (NORM) und kommt in der Erdkruste zusammen mit radioaktiven Elementen wie Uran, Radium, Thorium, Kalium-40 und Blei-210 vor. Laut aktuellen Statistiken der brasilianischen Atomenergiekommission (CNEN) hinterlässt jede produzierte Tonne Niob etwa 100 bis 400 Tonnen radioaktiven und toxischen Abfall.
Die Navajo Nation im Südwesten der USA mit über 500 verlassenen Uranminen und ungesicherten radioaktiven Abraumhalden in ihrem Territorium könnte Alvaro Tukano und seinem Volk zeigen, was es bedeutet, in einem radioaktiv verseuchten Gebiet zu leben. Ein solches Schicksal bleibt den indigenen Völkern in Balaio hoffentlich erspart.
Norbert Suchanek lebt und arbeitet als freier Journalist in Rio de Janeiro
BrasilienNachrichten 171/2025

